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Auch Weiden will gelernt sein

  Schwarzbuntes Kalb auf der Weide, für eine erfolgreiche Aufzucht mit Kurzrasenweide muss einiges beachtet werden, Foto: D. Menzler, BLE/ Bonn
  Schwarzbuntes Kalb auf der Weide, für eine erfolgreiche Aufzucht mit Kurzrasenweide muss einiges beachtet werden, Foto: D. Menzler, BLE/ Bonn

Die Erfahrungen zur Aufzucht von Kälbern und Rindern auf der Kurzrasenweide sind noch sehr gering, aber erste Beobachtungen machen neugierig. In den nächsten Jahren ist unter anderem zu klären, welchen Einfluss die Artenzusammensetzung des Aufwuchses sowie die klimatische Situation haben und wie die Gewichtsentwicklung bei Kälbern, Rindern und Kühen verläuft. All diese Daten müssen jetzt erfasst werden.

Für eine vertrauensvolle Entwicklung der Tier-Mensch-Beziehung ist der erste Kontakt des Menschen zum Kalb entscheidend. Auch muss das richtige Weiden erst erlernt werden, daher ist es sinnvoll, die Kälber zuerst in jungem Aufwuchs weiden zu lassen. Richtig angeleitet, sind mit der Kurzrasenweide gute Gewichtszunahmen bei der Jungtieraufzucht zu erzielen. Lesen Sie den Bericht von Dr. Edmund Leisen von der Landwirtschaftskammer NRW, der in den letzten 3 Wochen 20 Betriebe besucht hat und hier seine Beobachtungen zur Jungviehaufzucht zusammenfasst.

Erste Kontakte entscheidend für Mensch-Tier-Beziehung

Beeindruckend war der Besuch einer Weide, auf der die 2-jährigen Rinder zuerst wenig Interesse für die Besucher zeigten. Sie waren auf der Kurzrasenweide intensiv mit Weiden beschäftigt. Äußerlich machten die Rinder einen sehr guten Eindruck, vor allem aufgrund der guten Bemuskelung. Angesprochen auf Daten zur Gewichtsentwicklung, sah der Betriebsleiter kein Problem darin, die Tiere von der Weide zu holen, auf einen Hänger zu laden und zur Waage zu fahren. Er ging auf ein Rind zu, dies sah nur auf und wich auch nicht zurück als er den Arm um es legte. Daher war es nicht verwunderlich, dass ein paar Tage später die Gewichtsdaten mehrerer Rinder vorlagen.

Wie konnte ein derart vertrauensvolles Verhältnis zwischen Mensch und Tier entstehen? Die Erklärung war einfach wie auch einleuchtend: Die beiden Töchter des Landwirts machen bei ihrem abendlichen Stallrundgang auch immer einen Besuch bei den Kälbern. Die dabei verteilten Streicheleinheiten führten zu dem früh gebildeten Vertrauen in den Menschen. Das so erworbene Vertrauen, erleichtert die Arbeit, beugt Unfällen vor und trägt sicherlich auch zu Leistung und Gesundheit bei.

Daher verwundert es auch nicht, dass eine Untersuchung aus der Schweiz bestätigt, dass Streicheleinheiten im Kälberalter, und sei es nur über kurze Zeit, die Arbeit erleichtern, gerade auch in Mutterkuhherden. Hier, wo normalerweise der direkte Kontakt zum Menschen sehr begrenzt ist, waren die so betreuten Tiere auch auf dem Weg zum Schlachthof  entspannter.

Kälber beim ersten Auftrieb auf junge Weide

Bei dem Besuch einer Kälberweide bot sich ein völlig anderes Bild. Zwölf Kälber im Alter von vier bis acht Monaten weideten zusammen auf einem optimal zusammengesetzten Pflanzenbestand. Genauer beschrieben: Acht Kälber weideten im Unterwuchs mit viel Weißklee und Deutschem Weidelgras in der Bestockung und vier Kälber versuchten die langen überständigen Halme von Deutschem Weidelgras, wahrscheinlich eine frühe Sorte, abzurupfen.

Auffallend war, wie abgemagert diese vier Kälber waren, nur Haut und Knochen. Das war auch der Grund, warum der Landwirt gerade diese Tiere zeigte. Würmer hatten sie nicht, das hatte eine Kotuntersuchung ergeben. Bei genauerem Beobachten wurde offensichtlich: Diese unerfahrenen Tiere hatten noch nicht gelernt zu weiden. Auch die übrigen Kälber waren offensichtlich kein Vorbild, denn die Abgemagerten versuchten, wie im Stall gelernt, das „Heu vom Halm“ zu fressen.

 

  Fleckvieh Mutterkuhherde, Kälber haben nach der Geburt meist wenig Kontakt zu Menschen,aber auch hier wirkt sich Vertrauen zwischen Mensch und Tier positv aus, Foto: T. Stephan, BLE/ Bonn
  Fleckvieh Mutterkuhherde, diese Kälber haben nach der Geburt meist wenig Kontakt zu Menschen, aber auch hier wirkt sich Vertrauen zwischen Mensch und Tier positv aus, Foto: T. Stephan, BLE/ Bonn

Die Betriebsbesuche zuvor hatten gezeigt, dass sich Kälber auf Weiden sehr gut entwickeln. Ein wesentlicher Unterschied zu der Situation hier: Diese Kälber standen auf Weiden, die extrem kurz abgefressenen waren (2 – 3 cm hoch). Ein Lösungsvorschlag war, die Kälber auf eine zuvor begangene Weide (etwa 5 cm hoch) umzutreiben, und wenn nötig, und nicht bald eine Verbesserung eintritt, zuzufüttern. Das Ergebnis dieser Maßnahme war, dass nach dem Umtrieb alle Kälber im jungen Aufwuchs direkt zu weiden anfingen. Zwei Wochen später hatten auch die Abgemagerten wieder deutlich zugelegt.

Jungrinderaufzucht mit guten Gewichtszunahmen auf der Weide

Versuche an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Grub sowie Praxiserfahrungen in Bayern „Jungviehaufzucht Vollweide“, aber auch im Rahmen des Projektes „Öko-Leitbetriebe in NRW“ zeigen, dass auf der Weide Tageszunahmen von 600 – 800 g pro Tag und überdurchschnittliche Zuwächse bezogen auf die Fläche von 840 kg pro ha möglich sind.

Die Erfahrungen auf einem belgischen Betrieb belegen, dass sich Kälber im ersten Jahr auf der Weide augenscheinlich weniger gut entwickeln als Stallkälber. Im 2. Jahr allerdings entwickeln sie sich dann aber deutlich besser. Zum Kalbealter mit 24 Monaten waren keine Unterschiede mehr zwischen Stall- und Weidekälbern zu erkennen und dass, obwohl die Aufzuchtrinder 15 von 24 Monaten auf der Weide waren und bis zur Kalbung kein Kraftfutter bekommen hatten.

Ausblick

Bisher ist die Datengrundlage zur Aufzucht von Kälbern und Rindern bei Kurzrasenweide erst gering. Zu klären bleibt vor allem auch der Einfluss des Jahres und des Standortes beziehungsweise der Artenzusammensetzung im Aufwuchs. Auf mehreren Standorten erfolgen in den nächsten Jahren deshalb Gewichtserhebungen von Kälbern, Rindern und Kühen.

Quelle: Dr. Edmund Leisen, Ökoteam Landwirtschaftskammer NRW, Tel.: 0251-2376-594, E-Mail: edmund.leisen@lwk.nrw.de, Münster, den 03. Juli 2012

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Stand: 13.07.2012 04:45