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Riswicker Öko-Milchviehtagung: Rinderhaltung mit oder ohne Horn?

Behornte Milchkuh im Ökostall Haus Riswick, Foto: Lwk NRWDie Enthornung bzw. die Haltung horntragender Tiere werden in der ökologischen Rinderhaltung aber auch in der Öffentlichkeit gegenwärtig intensiv und auch kontrovers diskutiert. Zusammen mit den Ökoverbänden aus Nordrhein-Westfalen hat die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen Praktiker, Berater und Wissenschaftler sowie politische Entscheidungsträger zur Öko-Milchviehtagung nach Haus Riswick eingeladen, um über die richtige Enthornung, die Zucht auf genetische Hornlosigkeit und die Haltung horntragender Rinder zu diskutieren. Dies war dann auch der Themenschwerpunkt am ersten Tag der interessanten Veranstaltung, an der rund 70 Personen teilnahmen. Es berichtet Christian Wucherpfennig von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Langfristig keine Enthornung mehr

In seinem Grußwort wies Dr. Martin Berges, Direktor der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, darauf hin, dass es langfristig, unabhängig davon ob ökologisch oder konventionell produziert wird, keine Enthornung mehr geben werde. „Insofern geht das Thema jeden Rinderhalter an“, betonte Berges daher. Dabei sei die Enthornung auch das Ergebnis der Umstellung auf Laufställe und werde auch in der Mehrzahl der ökologischen Betriebe praktiziert.

Verhaltensforscherin schilderte Grundlegendes

Einen Beitrag zur Diskussion um die Enthornung von Rindern aus Sicht der Verhaltensforschung und Ethik lieferte Professor Dr. Ute Knierim von der Universität Kassel. Sie verwies darauf, dass sich die Hornanlagen insbesondere in den ersten zwei Lebensmonaten ausbilden und dabei mit der Schädeldecke verwachsen. Bis zum achten Monat komme es dann auch zu einer Verbindung mit den Stirnhöhlen.

Für die Enthornung werde vielfach die Arbeitssicherheit angeführt. „Es gibt tödliche Unfälle mit behornten Rindern“, wollte Knierim das Problem daher auch nicht bagatellisieren, aber bei vielen Unfällen – auch bei tödlichen – spielten die Hörner keine Rolle, sondern entstünden durch Erdrücken und Zertrampeln sowie Kopfstöße ohne Hörner und hätten als Ursache vielfach einen unsachgemäßen Umgang mit den Tieren.

Tiere an Haltung angepasst - nicht umgekehrt

Aus Sicht von Knierim ist die Enthornung ein typisches Beispiel dafür, dass die Tiere an die Haltungsbedingungen angepasst würden. Gleichzeitig sei jedoch unstrittig, das Laufställe für horntragende Kühe bestimmten Anforderungen genügen müssten, weil die üblichen Normmaße oftmals zu gering seien.

Ökostall Haus Riswick stellt seit dem Jahr 2000 auf gehörnte Herde um,  Foto: Ch. Wucherpfennig, Lwk NRW„Wir brauchen ausreichend Ausweichmöglichkeiten, müssen Sackgassen vermeiden und Fressgitter so gestalten, dass die Tiere schnell zurückweichen können“, nannte Knierim hier als wesentliche Punkte. Ein besonderes Augenmerk sei auf den Fressbereich und die Fütterung zu legen.

„Die Kraftfutterstation ist immer ein Krisenpunkt im Stall“, so Knierim. Das einzelne Tier müsse in ihr gut geschützt sein und ein seitliches Verlassen der Kraftfutterstation durch die Kuh sei am besten.

Management hat großen Einfluss

Neben der Stallgestaltung verwies Knierim auf die hohe Bedeutung des Managements. Wenig Umgruppierungen sorgten dabei für eine gefestigte Herdenstruktur. Bei der Zucht sei das jeweilige Temperament der Tiere zu berücksichtigen. „Aggressive Tiere müssen auch bei guter Leistung gemerzt werden“, machte Knierim deutlich.

Geänderte gesetzliche Regelungen

Wie die geänderten gesetzlichen Regelungen als Folge der Novellierung der EG-Öko-Verordnung im Jahr 2009 zur Enthornung von Rindern umgesetzt werden sollen, stellte Wolfgang Neuerburg vom MKULNV vor. „Niemand will die Enthornung sofort verbieten, aber wir müssen die Latte künftig etwas höher hängen“, steckte Neuerburg die Marschroute der Politik ab. Man sei sich bewusst, dass etwa 70 bis 80 Prozent der in Ökobetrieben gehaltenen Rinder enthornt würden und dass viele Stallungen für eine behornte Herde ungeeignet seien. Gleichzeitig zeigten zahlreiche Betriebe aber auch, dass die Haltung behornter Tiere auch im Laufstall möglich sei.

Genetisch hornlos eine mögliche Alternative?

Behornte Milchkühe im Ökostall Haus Riswick, Fotos:  Lwk NRWEine von NRW initiierte bundesweite Arbeitsgruppe aus Praktikern, Beratern, Tierärzten, Verbänden sowie Behörden und Kontrollstellen hat im vergangenen Jahr die gesetzliche Regelung so interpretiert, dass langfristig bei Kälbern die Enthornung vermieden werden soll. Neben der Haltung behornter Rinder wurden als mögliche Option zur Erreichung dieses Ziels auch die Züchtung genetisch hornloser Rinder definiert.

Die Enthornung sei nur unter beschränkten Bedingungen und im unbedingt notwendigen Maß zuzulassen und dürfe nur mit Lokalanästhesie und Schmerzbehandlung erfolgen. Bisher dürfe in Deutschland nur ein Tierarzt die Betäubung durchführen. „Wir können uns hier jedoch auch eine andere Lösung grundsätzlich vorstellen. Die Diskussion dazu läuft in Deutschland“, machte Neuerburg den Landwirten in diesem Bereich Hoffnung.

„Die Enthornung ist eine Amputation“, verwies Dr. Friedhelm Jaeger vom MKULNV direkt zu Beginn seines Vortrages auf die Tragweite der Enthornung. Das Tierschutzgesetz sieht nach Jaeger eine grundsätzliches Amputationsverbot bei Tieren und damit auch ein grundsätzliches Verbot der Enthornung vor und erlaubt eine Enthornung nur unter bestimmten Bedingungen. „Obwohl rechtlich nur auf den begründeten Einzelfall beschränkt, ist das Enthornen mittlerweile zum Routineeingriff geworden“, wies Jaeger auf die Diskrepanz zwischen Rechtsvorschriften und landwirtschaftlicher Praxis hin.

Auch eine Enthornung ohne Betäubung ist aus Sicht von Jaeger nicht mit dem Tierschutzgesetz zu vereinbaren, denn beim Enthornen von Rindern unter sechs Wochen seien alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um Schmerzen und Leiden der Tiere zu minimieren. „Schmerzmittel sind daher ein Muss“, fasste es Jaeger treffend zusammen.

EG-Bio-Verordnung 889/2008, Artikel 18 „Umgang mit Tieren“

Eingriffe wie … die Enthornung dürfen in der ökologischen Tierhaltung nicht routinemäßig durchgeführt werden.
Aus Sicherheitsgründen … können … diese Eingriffe von der zuständigen Behörde jedoch fallweise genehmigt werden.

Jegliches Leid der Tiere ist auf ein Minimum zu begrenzen, indem angemessene Betäubungs- und/oder Schmerzmittel verabreicht werden und der Eingriff nur im geeigneten Alter und von qualifiziertem Personal vorgenommen wird.

 

Zucht auf Hornlosigkeit

Die Chancen und Risiken der Züchtung genetisch hornloser Rinder wurden von Dr. Jürgen Hartmann, Rinder-Union West, vorgestellt. „Die Zucht auf Hornlosigkeit ist aus meiner Sicht die einzig nachhaltige Lösung des Problems“, stellte Hartmann zu Beginn seiner Ausführungen klar. Sie sei auch nicht unnatürlich, weil es hornlose Rinderrassen immer gegeben habe und auch heute noch gebe. Die Vererbung der Hornlosigkeit folgt nach Hartmann höchstwahrscheinlich einem Dominanz-Modell und werde nur durch ein großes Gen auf dem Chromosom 1 codiert. Möglicherweise sei die hornlose Variante sogar die Grundform.

Als Problem nannte Hartmann, dass gegenwärtig fast alle Kühe der wichtigen Rassen Holstein und Fleckvieh homozygot rezessiv gehörnt vererben und nur 0,5 Prozent der Tiere bei uns das Hornlosgen tragen. Insofern beschränke sich die Vererbung von Hornlosigkeit auf wenige Kuhfamilien und Zuchtbullen. Von den Bullen, die die Hornlosigkeit auf beiden Allelen des Gens tragen, könne leistungsmäßig nur der Bulle Lawn Boy überzeugen. „Wir müssen daher neue Blutlinien schaffen“, richtete Hartmann den Blick in die Zukunft.

Theoretisch könne man mittels Verdrängungskreuzung innerhalb weniger Jahre hornlose Bullen züchten und mittels Einkreuzung eines hornlosen Bullen in eine Herde schon im ersten Nachzuchtjahr nur hornlose Nachkommen bekommen, liefe dann aber Gefahr andere Zuchtziele zu vernachlässigen. Mittels der sogenannten systematischen Introgression sei es jedoch möglich, das gewünschte Merkmal in eine Population hineinzuzüchten, ohne dass die anderen gewollten Eigenschaften verloren gehen.

„Dafür brauchen wir auf breiter Front jedoch 20 Jahre“, dämpfte Hartmann hier die Erwartungen. Ein einzelner Betrieb, der sich dem Ziel Hornlosigkeit verschreibt, könnte es jedoch auch in weniger als zehn Jahren erreichen. Dr. Jürgen Hartmann warb für eine Unterstützung der Zuchtbemühungen Richtung Hornlosigkeit, denn das sei nicht zum Nulltarif zu machen. „Wir müssen hornlose Bullen auch verkaufen!“, so der Appell von Hartmann.

In einer kürzlich durchgeführten Umfrage bei 43 Betrieben hatte Otto Volling, Berater beim Biolandverband, erhoben, wie die Betriebe mit dem Thema Enthornung umgehen:

  • Dabei haben 82 Prozent der Betriebe ihre Tiere enthornt.
  • Fünf Prozent gaben an, schon jetzt Bullen einzusetzen, die Hornlosigkeit vererben.
  • Die meisten Betriebe würden auf Hornlosigkeit vererbende Bullen umsteigen, wenn eine Enthornung verboten würde.
  • Als wesentlichen Grund gaben die Betriebe an, dass sie behornte Kühe auf dem Zuchtviehmarkt nicht verkaufen könnten.


Demeter-Richtlinien verbieten Hornlosigkeit

Die Sichtweise des Demeterverbandes zur Enthornung bzw. Haltung horntragender Kühe trug Ruth Laakmann, Demeter-Landwirtin aus Alpen am Niederrhein und Mitglied des Demeter-Landesvorstandes NRW, vor. „Kühe tragen Hörner“, brachte Laakmann das Demeter-Leitbild auf den Punkt. Gemäß den Richtlinien des Demeterverbandes ist hornlose Genetik daher nicht zugelassen. Hörner dienen nach Laakmann bei weitem nicht nur als Waffe und Drohinstrument bei Rangordnungsauseinandersetzungen. „Das Horn hört nie auf zu wachsen und bleibt ein lebendiges, weil durchblutetes an Stoffwechselprozessen beteiligtes Organ“, führte Laakmann daher auch aus.

Von der Umstellung einer Herde von unbehornt auf behornt konnte Ruth Laakmann aus eigener Erfahrung berichten: „Unser Stall war in den 80er Jahren für eine unbehornte Herde gebaut worden. Wichtig ist ein ausreichend dimensionierter Wartebereich und die Konkurrenz um Futter zu minimieren, indem überall das gleiche Futter angeboten wird und jeder Kuh mindestens ein Fressplatz zur Verfügung steht. Erhebliche Entlastung hat die Einrichtung eines Auslaufs gebracht."

Beim Management setzt Laakmann auf „liebevollen, ruhigen und gleichzeitig zielgerichteten Umgang. Insofern müsse man die Tiere ansprechen und erziehen. „Man kann mit einer Kuh auch mal schimpfen, wenn sie sich asozial verhält“, beschrieb Ruth Laakmann ihre Vorgehensweise.

Zucht auf Friedfertigkeit, aber auch Erziehung

In der sich anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass zwar für die Ausprägung des Horns, also für dessen äußerliche Sichtbarkeit, nur ein Gen verantwortlich ist, aber mehrere Gene für die Aufbau- und Umbauprozesse rund ums Horn zuständig sind, die auch dann verbleiben, wenn das Horn äußerlich weg gezüchtet wurde. Die Vertreter von Demeter verwiesen darauf, dass es für sie wichtig sei, auch auf behornte Tiere zurückgreifen zu können, wenn sich die Zucht auf Hornlosigkeit durchsetze. Darüber hinaus wurde angemerkt, dass für behornte Herden bestimmte Verhaltensmerkmale, wie z. B. Temperament und Friedfertigkeit, von Bedeutung sind, die gegenwärtig nicht züchterisch erfasst werden.

Thema gewinnt an Bedeutung

Die Diskussion um horntragende Tiere wird zurzeit im Wesentlichen nur von ökologisch wirtschaftenden Betrieben geführt. Aufgrund der wachsenden Sensibilität der Bevölkerung in Tierschutzfragen wird diese Fragestellung aber zunehmend für alle Rinderhalter an Bedeutung gewinnen.

 

Fachgerechtes Enthornen auf Haus Riswick

Enthornung unter leichter Betäubung, Foto: Ch. Wucherpfennig, Lwk NRWFachgerechtes Enthornen demonstrierten Hermann Siebers und Dr. Mark Holsteg von der Landwirtschaftskammer Nordhrein-Westfalen im Kälberstall von Haus Riswick.

Zunächst wurden die Kälber mit dem Sedativum Xylazin leicht betäubt, so dass sie ohne Gegenwehr enthornt werden konnten. Da dieses Mittel den Schmerz aber nicht vollständig ausschaltet, wurde zusätzlich eine lokale Schmerztherapie durchgeführt.

Zum Enthornen wurde der Brennstab im 90-Grad-Winkel aufgesetzt, gedreht um dann etwa im 45-Grad-Winkel das Horn wegzuziehen. Im Anschluss erhielten die Kälber noch ein Mittel zur Ausschaltung des postoperativen Schmerzes, das jedoch nur eine Wirkung von etwa 24 Stunden hat.

Haltung horntragender Tiere im Ökostall Haus Riswick

Im Öko-Kuhstall des Landwirtschaftszentrums Haus Riswick tragen inzwischen über 90 Prozent der 40 Milchkühe mit Nachzucht Hörner. Auf die Enthornung des Kälber wird seit Beginn der Umstellung im Jahre 2000 verzichtet.

Mit der Berufsgenossenschaft wurden im Vorfeld individuelle Absprachen getroffen, um Risiken im Umgang mit den Tieren zu minimieren. Bis heute gab es keine Verletzungen von Mitarbeitern durch Hornstöße, obwohl mit den TeilnehmerInnen des Freiwilliges Ökologischen Jahres vielfach auch zunächst sehr unerfahrene Menschen mit den Tieren zu tun haben.

Behornte Herden bilden eine stabilere Rangordnung aus. „Die Individualdistanzen, die behornte Kühe brauchen, sind jedoch deutlich größer als die von hornlosen Tieren“, betonten Anja Hauswald und Anne Verhoeven vom Landwirtschaftszentrum Haus Riswick. Im Rahmen einer Projektarbeit der Fachschule für Ökologischen Landbau wurde ermittelt, dass rund 70 Prozent der Hornstöße mit Fütterung zu tun haben.

Im Stall ist es wichtig, dass das Personal „Führungsstärke“ beweist. „Kopfschütteln und Schubbern am Menschen muss selbst bei Kälbern schon geahndet werden, beispielsweise durch einen Klaps auf die Nase oder ein entsprechend drohendes Handzeichen“, berichteten Hauswald und Verhoeven. Bei Rangeleien im Stall reiche dann später oft nur ein Zuruf, um wieder Ruhe herzustellen.


Schwerpunktthema am 2. Tag der Riswicker Milchviehtagung:


Kälberhaltung und Kälberfütterung

Grundlegendes zur Haltung und Aufzucht von Kälbern und deren Fütterung waren weitere Themen, die in Theorie und Praxis behandelt wurden. Praktikable Lösungen, die die Bedürfnisse der Kälber an Haltung und Fütterung befriedigen, kamen ebenfalls nicht zu kurz.

Informationen zu den Beiträgen finden Sie hier >>

Kälbergruppe auf Stroh und Iglus als Schutz, Foto: Ch. Wucherpfennig, Lwk NRW

 


Quelle: Christian Wucherpfennig, Ökoteam Landwirtschaftskammer NRW, Tel.: 02821-996-177, E-Mail: christian.wucherpfennig@lwk.nrw.de

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Stand: 19.01.2012 15:05