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Ökologische Tierhaltung: Von der Marktnische zum Leitbild

 Wiederkäuer tragen durch die Grünlandnutzung zur Leistungsfähigkeit des Öko-Landbaus bei, März 2009, Foto: A. Hauswald, LWK NRWEine zukunftsweisende Landwirtschaft muss effizient, verlustarm, ressourcenschonend und produktiv sein. Will die Ökotierhaltung dem genügen, muss sie ihre Schwachstellen benennen und bearbeiten. Dabei darf es nicht nur um die Erfüllung von Verbrauchererwartungen gehen, vielmehr muss sich die Ökotierhaltung als Leitbild für globale Entwicklungen positionieren.

Wesentliche Merkmale der globalen Entwicklung sind eine starke Zunahme der Bevölkerung, ein steigender Anteil einerseits hungernder, andererseits fehlernährter Menschen sowie knapper werdende Ressourcen wie Nutzflächen, Energie und Wasser. Hinzu kommen der Klimawandel und der fortschreitende Verlust an Biodiversität. Parallel dazu ist in Schwellenländern eine Anpassung des Ernährungsverhaltens an westliche Gewohnheiten festzustellen, insbesondere ein Mehrverbrauch tierischer Produkte.

Die weltweite Nutztierhaltung wächst überproportional zur Bevölkerungszunahme, oft abgekoppelt von der Futtererzeugung und ohne sinnvolle Verwendung des anfallenden Wirtschaftsdüngers. Direkte Folgen sind hoher Flächenverbrauch und Wasserverschmutzung bis hin zu Wassermangel. Zudem stammen 18 Prozent der Treibhausgasemissionen, vor allem Methan und Lachgas, aus der Nutztierhaltung (FAO, 2006).

Reduzierter Konsum tierischer Erzeugnisse als Voraussetzung

Lösungsansätze bieten eine dezentrale, flächengebundene und zugleich im Sinne der Ressourceneffizienz intensive und ausreichend produktive Tierhaltung sowie eine dazugehörige regionale Verarbeitung (vergleiche FAO, 2006). Aus Sicht des Ökolandbaus müssen gleichzeitig hohe Standards für eine artgemäße Tierhaltung eingehalten sowie Schadstoff- und Rückstandsausstöße minimiert werden. Vor allem durch den Verzicht auf mineralische Stickstoffdünger und chemische Pflanzenschutzmittel bringt der biologische Landbau hier deutliche Vorteile. Im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft ist jedoch aus herkömmlicher Perspektive die Flächenproduktivität aufgrund ökologisch sinnvoller Produktionseinschränkungen geringer.

Saugferkel, Foto: D. Menzler, BLE/ BonnVoraussetzung für weitere Diskussionen ist ein Konsens darüber, dass der Konsum tierischer Erzeugnisse erheblich reduziert werden muss. Dabei ist zu berücksichtigen, dass eine flächenangepasste Tierhaltung unverzichtbarer Bestandteil von auf Dauerleistungsfähigkeit ausgerichteten Landbausystemen ist – durch die Nutzung von Dauergrünland und obligatorisch angebauten Leguminosen so wie die Bereitstellung von Wirtschaftsdünger. Ein völliger Verzicht auf den Konsum tierischer Erzeugnisse wäre daher nicht zielführend.

Handlungsbedarf in der ökologischen Tierhaltung

Soll die Tierhaltung im biologischen Landbau eine Leitbildfunktion erfüllen, gilt es, Schwachstellen zu erkennen und zu bearbeiten. Traditionelle Schwerpunkte sind die Weiterentwicklung artgemäßer Haltungssysteme und die Verbesserung der Tiergesundheit durch präventive Maßnahmen. Doch auch in anderen Bereichen besteht Handlungsbedarf:

Abkopplung der Tierhaltung von der Futtererzeugung

Insbesondere bei Monogastern (Tiere mit einhöhligem Magen, zum Beispiel Schweine und Geflügel) ist ein Trend zur Abkopplung der Tierhaltung von der Futtererzeugung zu beobachten. Ursachen sind zum einen die hohen Ansprüche der Tiere an die Zusammensetzung des Futters, die – zumindest teilweise – nur durch Mischfutterhersteller erfüllt werden können, zum anderen die bisher im Rahmen der EG-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau zulässige standortunabhängige Produktion und deren Kostenvorteile gegenüber einer in den Betriebskreislauf integrierten Tierhaltung. Dieser negative Trend kann nur durch intensive Forschung und Beratung in Kombination mit ordnungspolitischen Maßnahmen und Kontrollen sowie durch eine Rückbesinnung auf die Prinzipien ökologischer Landbauverfahren aufgehalten werden.

Die angestrebte „100-Prozent-Biofütterung“ verstärkt – bedingt durch die bislang geringen Flächenanteile ökologischer Landwirtschaft – den Trend zur Entkopplung. Bei einem vollständigen Verzicht auf hochwertige konventionelle Eiweißträger stehen heimische Körnerleguminosen hinter importierten Biosojaprodukten und anderen Importfrüchten zurück, weil ihre Eiweißwertigkeit begrenzt und ihre Anbausicherheit gering ist. Heimische Ökoeiweißkonzentrate wie Eipulver und Milchextrakte sind ökologisch fragwürdig und extrem teuer.

Kraftfutter, Foto: T. Stephan, BLE/ BonnDer gemäß der EG-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau zulässige Einsatz von Fischmehl kann unter ökologischen Gesichtspunkten kaum befürwortet werden, zumindest nicht in größerem Stil. Auch wenn es politisch zur Zeit nicht denkbar erscheint, ist zu erwägen, vor allem in der Geflügelfütterung isolierte Aminosäuren zuzulassen, solange keine natürliche Quelle verfügbar ist. So wäre eine hohe Nährstoffeffizienz und eine bedarfsgerechte Versorgung mit heimischen Futtermitteln zu erreichen.

Mangelnde Produktivität im Ökolandbau

Der Bereich Tierproduktion ist im Ökolandbau häufig von mangelnder Produktivität gekennzeichnet. Teure Biofuttermittel werden ineffizient eingesetzt, bei wirtschaftseigenen Düngemitteln entstehen oft Verluste bei Lagerung und Ausbringung. Fruchtfolgevereinfachungen, etwa mit zu starkem oder zu geringem Kleegrasanbau, führen mittelfristig zu Anbauproblemen. Auch wenn die Bewertung der Produktivität sicher nicht auf Einzeltierleistungen beschränkt werden kann – vielmehr sind alle Wirkungen in der gesamten Erzeugungskette zu berücksichtigen–, darf nicht ignoriert werden, dass die Versorgung der Tiere innerhalb der Bedarfsnormen eine Grundvoraussetzung für die produktive Fütterung ist.

Verlustarme Konservierung, Rationsberechnungen und Fütterungscontrolling sind deshalb gerade in der ökologischen Tierernährung Basiswerkzeuge. Beim Einsatz von Wirtschaftsdünger können verlustminimierende Techniken und die Wahl des richtigen Ausbringungszeitpunkts (hinsichtlich Nährstoffbedarf der Pflanzen, Bodendruck etc.) als wesentliche Maßnahmen angesehen werden. Zum Teil ist auch in Tierhaltungsbetrieben aus Rationalisierungsgründen ein Trend zur Vereinfachung festzustellen, wofür das Erreichen weitgehend geschlossener Nährstoffkreisläufe hintangestellt wird.

Zielführender im Sinne einer besseren Nutzung von Fruchtfolgeeffekten, einer besseren Eigenversorgung mit Futtermitteln und einer Erhöhung der Biodiversität wäre eine Fruchtfolgediversifizierung. Nicht zuletzt werden die Produktivitätsreserven in der Grünlandbewirtschaftung in vielen Betrieben nur unzureichend genutzt. Die Einhaltung der klassischen Regeln der Grünlandpflege ist grundlegende Voraussetzung für eine nachhaltige Ertragsfähigkeit.

Klima- und Umweltrelevanz bei tierischen Bioprodukten

Zwischenfrüchte im Ökolandbau, Foto: A. Paffrath, LWK NRWUm die produktbezogene Klima- und Umweltrelevanz bei tierischen Bioprodukten zu verbessern, sind zunächst die Schlüsselindikatoren (wie Ertrag, Verbrauch fossiler Energieträger, Eigenenergieerzeugung, Eigenfutteranteil, Stickstoffbilanz und -effizienz, Schadstoffeintrag, Wirkung auf die Biodiversität), deren quantitativer Einfluss und Wechselwirkungen in einer echten Systembetrachtung zu ermitteln. Bei knappen Ressourcen und steigender Bevölkerungszahl ist der entlang der gesamten Erzeugungskette ermittelte „ökologische Rucksack“ letztlich die entscheidende Größe.

Voraussetzung ist, dass die Bewirtschaftungsgrundlage – die Bodenfruchtbarkeit – erhalten oder verbessert wird, die Nutztierhaltung artgemäß ist und ausreichend Lebensmittel für eine bedarfsgerechte menschliche Ernährung erzeugt werden. Die Ermittlung der Kenngrößen in Betrieben und die Bewertung ihrer Entwicklung im Produktionsprozess bedürfen insbesondere bei Beachtung der Dynamik komplexer Agrarsysteme methodischer Grundlagenforschung (vergleiche  Sundrum, 2008).

Klar ist jedoch, dass aus agrarökologischer Sicht ein dauerleistungsfähiges System nährstoff- und energieeffizient, verlustarm, ressourcenschonend und störungsunempfindlich arbeiten muss (vergleiche Odum, 1983). Dafür bietet der Ökolandbau gute Voraussetzungen. Der Widerspruch zwischen dem Stabilitätsstreben natürlicher Ökosysteme und dem Produktivitätsstreben bewirtschafteter Ökosysteme kann nur dauerhaft aufgelöst werden, wenn die anthropogen bedingten Stoffflüsse vollständig ins Agrarökosystem integriert sind.

Schlussfolgerungen

Für die Branche:
Wenn der ökologische Landbau Leitbild und nicht eine kleine, elitäre Marktnische sein soll, geht es um mehr als das Bedienen von Verbraucherklischees. Vielmehr muss eine wissenschaftlich fundierte Weiterentwicklung der Produktionsverfahren in der Praxis – frei von einengenden Dogmen – stattfinden. Die „100-Prozent-Bioperspektive“ erfordert eine ausschließliche Orientierung an weltweiten ökologischen Entwicklungen und eine Einbettung des Biolandbaus in den globalen Kontext. Ungeachtet seiner nur langsamen Verbreitung kann allein das Konzept des Ökolandbaus die Voraussetzung dafür schaffen, dass die weltweite Lebensmittelerzeugung in Zukunft die Bedürfnisse aller Menschen befriedigt, ohne die natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören. Zugleich erhält die Hinwendung zum biologischen Landbau gleichsam einen höheren Sinn fernab vielfach erhobener Vorwürfe wie der bloßen Nutzung einer lukrativen Marktnische. Dagegen kann die häufig genannte Verbrauchererwartung – Stichwort „Heidi-Landwirtschaft“ – aufgrund der diffusen Definitionsmöglichkeiten kaum als Orientierung gebendes Leitbild dienen.

Für den privatrechtlich organisierten Biolandbau:
Fleischwaren im Kühlhaus, Foto: T. Stephan, BLE/ BonnEin privatrechtlicher Verband mit eigenem Warenzeichen oder eigener Marke hat die Möglichkeit, ein individuelles Profil zu entwickeln und zu vermarkten. Voraussetzung ist, dass innerhalb der Gruppe der Warenzeichennutzer ein Konsens über das Qualitätsprofil herrscht und dass dieses konsequent auf allen Ebenen umgesetzt wird. Profilierungsmöglichkeiten im Bereich Biotierhaltung bestehen bei der Etablierung einer strikt kontrollierten, leistungsfähigen, an ökologischen Indikatoren ausgerichteten Produktion mit hohem Tiergesundheitsstatus, der bedarfsorientierten Vermarktungsstruktur, der Außenkommunikation sowie bei ausreichenden Produktionsmengen beziehungsweise hohen Wachstumsraten. Eine professionelle und fachlich fundierte Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit unterstützt die Mitgliedsbetriebe und stärkt deren Wettbewerbskraft.

Für den einzelnen Betrieb:
Hier stellt sich die Frage, woran sich der einzelne Betrieb mit seinen standortbedingt begrenzten Möglichkeiten angesichts der vielen, teils gegenläufigen Entwicklungen orientieren soll, ohne sich seiner „Weltverantwortung“ zu entziehen. Er muss sich darauf verlassen können, dass die vorgegebenen Regeln eine in ökologischer und ökonomischer Hinsicht tragfähige Entwicklung erlauben. Daraus ergibt sich nicht zuletzt große Verantwortung für den Richtliniengeber. Eine leistungsfähige Tierhaltung mit einem oder durch einen hohen Tierkomfort, ein hoher Eigenfutteranteil in dauerleistungsfähiger Fruchtfolge, ein hoher Gesundheitsstatus, eine starke Kundenbindung und kostendeckende Preise sind entscheidende Merkmale einer zukunftsfähigen Nutztierhaltung. Der Betrieb sollte unter diesen Vorgaben an der Verbesserung seiner Produktivität im Bereich Erzeugung arbeiten, indem er die Effizienz der innerbetrieblichen Nährstoffflüsse erhöht und unerwünschte Senken vermeidet.

Literatur

FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) (2006):
Livestock’s long shadow. Environmental issues and options.
FAO, Rom

Odum, E.P. (1983): Grundlagen der Ökologie. 2 Bände. 2. Auflage
Thieme, Stuttgart

Sundrum, A. (2008): Potenziale und Begrenzungen einer Systembewertung in der ökologischen Nutztierhaltung
KTBL-Schrift 462. KTBL (Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V.), Darmstadt, S. 20–31

Quelle: Ökologie & Landbau, Heft 154, 2/2010, S. 38-40,
Autor: Dr. Ulrich Schumacher, Bielefeld

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Stand: 17.05.2010 13:54