Die aktuelle Veranstaltung der Online-Reihe „Proteine, Nüsse, Algen – Neues aus der Landwirtschaft“ der Landwirtschaftskammer NRW am 7. Januar widmete sich dem sogenannten Aztekengold Chia. Es ging um die Perspektiven für Anbau und Vermarktung von Chia.
Chia ist eine Kultur, die bislang vor allem als Importware bekannt ist, jedoch auch im heimischen Ackerbau diskutiert wird. Der Name ist dabei keineswegs zufällig: Das Wort Chia bedeutet sinngemäß „ölig“ und verweist auf den hohen Gehalt an ernährungsphysiologisch wertvollen Fettsäuren. Die Samen zeichnen sich insbesondere durch ein günstiges Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren aus und haben sich auch in Mitteleuropa als Zutat für Müslis, Backwaren oder Puddings etabliert.
Rebekka Stünkel vom Betrieb Chia Up aus Rethem stellte auf der Veranstaltung den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihren Weg zum heimischen Chiaanbau von der Aussaat bis zur Vermarktung vor. Gemeinsam mit ihrem Vater kultiviert sie seit mehreren Jahren auf dem Familienbetrieb in der Südheide rund 2 ha Chia. Ziel ist es, eine nachhaltige, zukunftsfähige Ergänzung der bestehenden Fruchtfolge zu etablieren und gleichzeitig neue Vermarktungsperspektiven zu erschließen.
Aztekengold aus Europa?
Chia, Salvia hispanica, stammt ursprünglich aus Mexiko und Mittelamerika, wo die Pflanze, sprich der Samen bereits vor der Kolonialisierung ein wichtiges Grundnahrungsmittel war und großflächig angebaut wurde. Eine der größten Herausforderungen für den Anbau in Mitteleuropa liegt in der Eigenschaft als Kurztagspflanze: Für eine sichere Abreife muss die Blüte früh genug einsetzen. Seit 2022 steht mit einer Sorte der Firma Südwestsaat erstmals Saatgut zur Verfügung, das unter mitteleuropäischen Bedingungen bereits im Juli, damit früh genug, blüht und somit zur Abreife gelangen kann. So rückt der regionale Anbau erstmals in einen realistischen Bereich.
Chia gilt grundsätzlich als trockenresistent, dennoch zeigen die Erfahrungen aus der Praxis, dass für stabile Erträge eine ausreichende Wasserversorgung entscheidend ist. Auf dem Standort der Familie Stünkel/Scharein mit rund 700 mm Jahresniederschlag pro Jahr sind zufriedenstellende Bestände möglich, in trockeneren Regionen könnte Wasserverfügbarkeit jedoch zum limitierenden Faktor werden.
Auch aus agrarökologischer Sicht ist Chia interessant: Als Pfahlwurzler kann die Pflanze positive Effekte auf die Bodenstruktur haben. Zudem stellt sie während der Blütezeit eine wertvolle Nahrungsquelle für Insekten dar. „Während der Blütezeit summt und brummt es. Das ist nicht nur ökologisch interessant, sondern auch optisch beeindruckend“, beschreibt Stünkel ihre Bestände.
Was muss gegeben sein?
In Bezug auf den Standort gilt Chia als relativ anspruchslos. Rebekka Stünkel fasst es pragmatisch zusammen: „Böden, auf denen Mais funktioniert, eignen sich in der Regel auch für Chia.“ Die Vorfrucht spielt eine untergeordnete Rolle, wichtig sind jedoch Anbaupausen von mindestens vier Jahren sowie nur geringe Reststickstoffgehalte im Boden.
Chia hat ein sehr geringes Tausendkorngewicht. Die Aussaatstärke liegt bei etwa 2 kg/ha. Auf dem Betrieb Stünkel erfolgt die Aussaat ohne Füllstoff mit einer gängigen Drillmaschine. Da Chia nicht frosthart ist, erfolgt die Aussaat erst nach den letzten Frostnächten ab Mai bis in den Juni. Als Lichtkeimer benötigt die Kultur ein feines Saatbett und eine sehr flache Ablage. Zur Saatbettbereitung sind im Frühjahr mehrere Arbeitsgänge mit der Egge erforderlich, der Einsatz einer Andruckrolle kann die Feldaufgänge verbessern.
Unkrautmanagement gefragt
Die Unkrautregulierung stellt eine der größten Herausforderungen dar. Etwa fünf bis sieben Tage nach der Aussaat beginnt die mechanische Beikrautregulierung mit der Hacke. Auf dem Betrieb wird hierfür eine alte, steuerbare Rübenhacke eingesetzt. Die Hackdurchgänge erfolgen etwa wöchentlich bis zum Reihenschluss. Zusätzlich ist laut Stünkel ein erheblicher Handarbeitsaufwand notwendig: „Bei uns ist das Unkrautpotenzial hoch, händisches Hacken ist da unumgänglich.“
Besonders problematisch ist das Auftreten von Melde, da eine spätere Reinigung ohne Farbausleser kaum möglich ist. Vom Striegeln rät sie ab, da die jungen Chia-Pflanzen sehr empfindlich sind und leicht brechen.
Sortenwahl, Ernte und Aufbereitung
Für den Anbau in Deutschland stehen derzeit zwei Sorten der Firma Südwestsaat zur Verfügung: Juana und Pablo. Juana blüht früher und reift damit sicherer ab. Nach eigenen Versuchen setzt Rebekka Stünkel inzwischen ausschließlich auf diese Sorte. Juana erreicht Wuchshöhen von 1,2 bis 1,8 m, beginnt im Juli zu blühen und ist je nach Witterung ab September bis in den Oktober erntereif. Die Ernte erfolgt mit einem herkömmlichen Mähdrescher. Der Betrieb Chia Up arbeitet mit einem Schüttler, was sich in der Praxis bewährt hat.
Ein perfekter Druschzeitpunkt mit einem gleichmäßig abgereiften Bestand wie im herkömmlichen Getreide ist kaum erreichbar: „Chia blüht immer weiter und wird nicht gleichzeitig reif – daran muss man sich gewöhnen“, so Stünkel. Dieses Merkmal ist typisch für Kurztagspflanzen und bislang züchterisch noch nicht vollständig gelöst. Die Literatur nennt Erträge von rund 1 000 kg/ha. In der Praxis liegen die Erträge bei Chia Up bislang deutlich darunter und erreichen etwa 500 kg gereinigte Ware pro ha.
Nach der Ernte ist eine sofortige Trocknung essenziell, über die die Betriebe idealerweise selbst verfügen sollten. Diese erfolgt, abhängig von der Menge, über rund 36 Stunden: zunächst mit Kaltluft, anschließend mit Warmluft und zum Abschluss erneut mit Kaltluft. Erst bei einem Feuchtegehalt von unter 8 % ist Chia lagerstabil – bei höheren Feuchten steigt die Gesamtkeimzahl und die Ware ist aus mikrobiologischer Sicht nicht mehr verwendbar.
Vielseitige Verwendung
In der Ernährung wird Chia häufig als Pudding, als Zutat in Backwaren oder in Müslimischungen verwendet. Wichtig ist stets eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, da die Samen stark quellen. Für die optimale Aufnahme der Inhaltsstoffe sollten sie gut zerkaut oder vorgequollen verzehrt werden. Das enthaltene Öl eignet sich aufgrund seines Fettsäuremusters besonders für kalte Anwendungen, etwa in Salatdressings.
Wie läuft die Vermarktung?
Familie Stünkel/Scharein hat unterschiedliche Vermarktungswege etabliert. Für unverarbeitete Ware lassen sich am Markt konventionell Preise von etwa 2 €/kg erzielen – aus ihrer Sicht nicht ausreichend, um den hohen Arbeitsaufwand abzudecken. Deutlich höhere Erlöse sind über die Direktvermarktung möglich. Über den eigenen Online-Shop von Chia Up werden, je nach Gebindegröße, 18 bis 25 €/kg erzielt. Gleichzeitig weist Rebekka Stünkel auf den hohen zeitlichen Aufwand hin: „Mir war vorher nicht bewusst, wie viel Arbeit Direktvermarktung tatsächlich kostet.“
Der größte Absatz erfolgt aktuell über Bäckereien, kleinere Mengen gehen an Feinkostläden, in denen Regionalität eine zentrale Rolle spielt.
Chance und Herausforderung
Rebekka Stünkel steht dem Chiaanbau trotz aller Herausforderungen positiv gegenüber. Gerade in der Anfangsphase waren geringe Erträge, hoher Arbeitsaufwand und eine steile Lernkurve prägend. Gleichzeitig überwiegen für sie die Chancen: die Freude an einer besonderen Kultur, wachsende Vermarktungsstrukturen und ein stetig zunehmender Erfahrungsschatz.
Das betriebliche Unternehmen Chia Up soll daher weiterentwickelt werden: als Beispiel dafür, dass auch weniger verbreitete Kulturen unter geeigneten Voraussetzungen eine Nische im heimischen Ackerbau finden können.
Michaela Bock, Landwirtschaftskammer NRW