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Bioland und Lidl vereinbaren Zusammenarbeit

23.10.2018

Ein Interview mit Jan Leifert, Geschäftsführer des Bioland Landesverband NRW

Frage:Herr Leifert, vor wenigen Tagen haben Bioland und Lidl eine enge zukünftige Zusammenarbeit bekanntgegeben. Diese Meldung sorgt für Aufregung in der Branche, schließlich arbeitet damit zukünftig Deutschlands größter Bioverband mit Deutschlands größtem Discounter zusammen. Und der ist für sein Marktgebahren bekannt. Was sagen Sie den Kritiker, die Sorge um die Preise und Qualitäten von Bioprodukten haben?

Leifert: Wir haben mit Lidl einen Vertrag abgeschlossen, der aus meiner Sicht, bisher einmalig in Deutschland und auch darüber hinaus ist. Die darin vereinbarten Fairplay-Regeln und die Einrichtung einer Ombudsstelle legen den Grundstein einer nachhaltigen Zusammenarbeit, bei der faire Erzeugerpreise genauso im Mittelpunkt stehen, wie die Bioland-Qualität. Lidl hat sich Bioland gegenüber verpflichtet, die höhere Bioland Qualität in Wert zu setzen. Für die höhere Bioland Qualität, die höhere Kosten verursacht, sichert Lidl den Erzeugern und Verarbeitern einen Bioland-Preis zu.

Frage: Welche Folgen erwarten Sie durch die Zusammenarbeit im Hinblick auf Preise und Mengen?

Leifert: In jedem Vertrag mit Handelspartnern verhandelt Bioland einen fairen Gesamtrahmen, in dem wir uns strategisch stark positionieren. Wichtig für die Zusammenarbeit war für uns eine faire Partnerschaft auf Augenhöhe. Dazu gehört der Aufbau langfristiger Kooperations- und Lieferbeziehungen über die gesamte Wertschöpfungskette, die sukzessive Entwicklung von Bioland-Sortimenten, sowie faire und auskömmliche Erzeuger- und Herstellerpreise für eine nachhaltige Betriebsentwicklung. Auf die Ladenpreise haben wir als Verband, wie auch bei allen anderen Handelspartnern, keinen Einfluss. Die Preisverhandlungen laufen immer zwischen Lieferant und Abnehmer. Hier kann und darf sich der Bioland Verband rechtlich nicht einmischen.

Frage: Wie will Bioland sicherstellen, dass Lidl nicht doch nach einiger Zeit, insbesondere dann, wenn der Marktanteil das ermöglicht, nach bekanntem Muster die Preise drückt und damit Erzeuger und Verarbeiter in die Enge treibt?

Leifert: Hier haben wir vertraglich vorgesorgt. Lidl verpflichtet sich im Kooperationsvertrag zu fairen Verhandlungen mit seinen Lieferanten in der gesamten Lieferkette bis zum Bauern und zur Auszahlung auskömmlicher Erzeuger- und Herstellerpreise, damit eine nachhaltige Betriebsentwicklung aller Akteure einer Wertschöpfungskette möglich ist. Wenn diese und die zusätzlich vertraglich vereinbarten Fair-Play Regeln nicht eingehalten werden, können sich benachteiligte Bioland-Lieferanten zukünftig an eine Ombudsstelle wenden. Stellt die Ombudsstelle eine Verletzung der Fair Play Regeln fest, kann Bioland Sanktionen gegenüber Lidl aussprechen. So wird ein maximaler Schutz der Lieferanten erreicht, sowie eine Gleichbehandlung aller Beteiligten sichergestellt.

Frage: Im konventionellen Lebensmittelgeschäft liegen die Bioprodukte häufig in aufwändiger Plastikverpackung neben den konventionellen Produkten (damit sie unterscheidbar sind). Gibt es mit Lidl dazu eine Vereinbarung, dass Bioprodukte unverpackt angeboten werden?

Leifert: Verpackungen, besonders aus Plastik, sind auch für uns ein schwieriges Thema. Verpackungen machen Lebensmittel wie Milch oder Joghurt häufig erst transportierbar. Sie sind Schutz für leicht verderbliche Lebensmittel und konservieren diese. Verpackungen sind allerdings nie nachhaltig. In unserem Fachausschuss Verarbeitung (FAVA) bearbeiten wir das Thema gemeinsam mit den anderen Verbänden (u. a. Naturland, Demeter, Bio Suisse, BÖLW, BNN) und bemühen uns, die Verwendung von Plastik einzudämmen.

Frage: War dieser Schritt jetzt erforderlich? Derzeit dürfte kein Angebotsüberhang bei Bioprodukten vorhanden sein und die komplette Bioproduktion abfließen. Warum dieser Schritt jetzt?

Leifert: Wir sehen in einigen Produktbereichen schon einen leichten Überhang, z.B. im Bereich der Milch. Die Nachfrage von Betrieben, die auf Bioland-Milchviehhaltung umsteigen wollten, war in den letzten drei Jahren sehr gut, sodass zusätzliche Märkte bedient werden können. Bei steigendem Absatz können zudem weitere Betriebe die Chance nutzen, ihren Betrieb ökologisch auszurichten.

Frage: Bioland hat sich bereits mit der Belieferung von Edeka den Groll des Bio-Fachhandels zugezogen und neue Märkte erschlossen. Welche Erfahrungen haben Sie in der Zusammenarbeit mit Edeka?

Leifert: Unser gemeinsames Ziel ist es, den ökologischen Landbau zu fördern und voranzubringen. Nicht, weil es um Profite oder Wachstum geht – sondern weil es eine Notwendigkeit ist. Je mehr Betriebe auf diese Art der Landbewirtschaftung umstellen, desto mehr profitieren Umwelt, Nutztiere und die Verbraucher. Die Zusammenarbeit mit Edeka läuft gut. Wir konnten über diese Partnerschaft weitere Produktbereiche erschließen und darüber auch weiteren Betrieben eine Umstellung auf ökologische Landwirtschaft ermöglichen. In Edeka, Lidl und unseren weiteren Handelspartnern, sehen wir Partner, die eine andere Zielgruppe bedienen, als es Bio- und Naturkostläden mit relativ treuen, bio-affinen Stammkunden tun. Wer Wert auf ein breites oder spezifisches Bioland Sortiment und eine kompetente Beratung oder den direkten Kontakt zu den Erzeugern legt, geht auch weiterhin in den Naturkostladen und zum Direktvermarkter, bei denen nach wie vor auch die Auswahl größer ist.

Frage: Biolanderzeuger und -verarbeiter beklagen, dass die strengen und hohen Vorgaben, die der konventionelle Lebensmittelhandel, hier Edeka, an die Lieferanten stellt. Ware, die der Naturkosthandel noch nehmen würde, wird aus Qualitätsgründen verweigert. Was sind Ihrer Erfahrungen?

Leifert: Dass der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel pauschal strengere Qualitätsvorgaben an Produkte stellt, als der Naturkostfachhandel kann ich nicht bestätigen.

Frage: Welche Mengen und Mengenanteile der Biolandprodukte gehen Ihrer Meinung nach über die Zusammenarbeit mit Edeka Rhein-Ruhr in den Markt und für welche Produktbereiche ist diese Zusammenarbeit wichtig?

Leifert: Über konkrete Mengen kann ich Ihnen keine Auskünfte erteilen. Unsere Bioland-Mitglieder (Landwirte) und Lizenzpartner (Verarbeiter und Bündler) beliefern den Lebensmitteleinzelhandel. Diese verhandeln Mengen, Preise und weitere Details mit ihren Abnehmern individuell.

Frage: Derzeit wird Lidl besonders im Bereich Gemüse noch von vielen EU-Biobetriebe beliefert. Haben Sie mit Lidl vereinbart, dass zukünftig nur noch Bioland-Ware im Regal liegt und wenn ja, wie wollen Sie das erreichen?

Leifert: Beide Seiten wollen dort, wo es möglich ist Bioland-Ware handeln. Allerdings muss hier u.a. die Warenverfügbarkeit berücksichtigt werden, so dass eine schrittweise Umstellung auf Bioland erfolgen soll. Ab November 2018 werden in Deutschland einzelne Bioland-Produkte wie Äpfel, Kresse und Gartenkräuter bundesweit erhältlich sein. Ab Januar 2019 folgt die Umstellung von Molkereiprodukten der Lidl-Eigenmarke "BioOrganic" wie Käse, Milch und Butter auf Bioland-Standards. Auch Weizen- und Dinkelmehl sowie Bioland-Kartoffeln sind geplant. Schrittweise werden weitere Obst- und Gemüseartikel im bundesweiten oder regionalen Angebot je nach Verfügbarkeit folgen. Wichtig dabei ist die klare Vereinbarung, dass die Lidl Sortimentsentwicklung Bioland nicht unter Druck setzen darf, die Bioland Standards und Prinzipien aufzuweichen – die Einführung und der Ausbau des Sortiments müssen nach den Vorgaben von Bioland erfolgen.

Quelle: Dr. Karl Kempkens, Ökoteam Landwirtschaftskammer NRW, 22. Oktober 2018

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