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Öko-Gerste: Erträge wieder hervorragend

13.08.2021

Wie die Öko-Wintergersten in den Landessortenversuchen in NRW abschnitten, erläutert Dr. Claudia Hof-Kautz, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, und stellt die einzelnen Sorten vor.

Aufgrund der gestiegenen Nachfrage aus der Praxis bedingt durch vermehrte Öko-Schweinehaltung führt die Landwirtschaftskammer NRW seit 2011 einen Sortenversuch (inklusive einer Öko-Wertprüfung zur Sortenzulassung von beim Bundessortenamt (BSA) angemeldeten Stämmen aus ökologischer Züchtung) zur Wintergerste auf ökologischen Flächen durch.

Wintergerste lässt sich auch im Ökolandbau gut anbauen, wenn eine gute Saatbettbereitung erfolgt, geeignete Vorfrüchte wie zum Beispiel Körnerleguminosen gewählt werden, zum richtigen Zeitpunkt gestriegelt wird und geeignete blattgesunde, lang-strohige und standfeste Sorten mit schneller Jugendendwicklung angebaut werden. Durch die frühere Ernte bietet die Wintergerste ausreichend Zeit zur Unkrautbekämpfung von Wurzelunkräutern und für den Anbau von Zwischenfrüchten. Zudem können Arbeitsspitzen entzerrt werden.

In der Zusammenarbeit mit den Versuchsanstellern der Ländereinrichtungen aus Niedersachsen und Hessen können im für NRW relevanten Anbaugebiet (AGB) 3 "Lehmige Standorte West" grundsätzlich drei Standorte gemeinsam verrechnet werden.

Erträge der Standorte und Sorten

Die Erträge der Wintergerste lagen 2021 am Standort Kerpen mit im Mittel 73,6 dt/ha auch wieder sehr gut: nur 1,7 dt/ha weniger als 2020 (siehe Tabelle 1). Das Mittel über alle Standorte des Anbaugebietes 3 im Jahr 2021 liegt mit 72,2 dt/ha über dem Mittel der Jahre 2019 bis 2021 mit 69,6 dt/ha, denn in Wiebrechtshausen wurden in diesem Jahr wieder mit im Mittel 68,9 dt/ha höhere Erträge realisiert. Die Daten aus Hessen liegen noch nicht vor.

Über die Jahre und Standorte zeigten sich die Sorten Hedwig mit 102 % und KWS Higgens mit 105 % relativen Ertrags überdurchschnittlich. Langjährig geprüft liegt vor allem die Sorte Quadriga bei 101 % gut auf. Von den neueren Sorten zeigten sich die Sorte KWS Flemming (108 %) ertraglich sehr gut, auch Esprit (103 %), Teuto (102 %) und Paradies (106 %) waren gut. Die zweizeiligen Sorten Normandy und SU Celly liegen zunächst niedriger mit 95 und 97 % Relativertrag.

Besonderheiten in der Saison 2020

Das Unwetter in NRW Ende Juli hat vielerorts viel Schaden angerichtet, auch in der Landwirtschaft. Offenbar müssen wir uns auf zunehmend schwankende Witterung einstellen. Hier sind standfeste und trockenheitstolerantere Sorten gefragt. Bei der Wintergerste trat in NRW kaum Lager auf, wohl aber in Wiebrechtshausen bei einigen Sorten sehr stark. Dafür war vermehrt Halm- und Ährenknicken in NRW zu verzeichnen. Die Sorten lassen sich anhand der letzten drei Jahre im Öko-Landessortenversuche des ABG 3 wie folgt beschreiben.

Drei- bis mehrjährig geprüfte Sorten

Semper (KWS Lochow) ist eine Sorte mit langjährig durchschnittlichen Erträgen (98 %), aber ertragsstabil, hohem Hektolitergewicht und mittleren Proteingehalten (10,5 %). In diesem Jahr ist sie mit 95 % Relativertrag im Vergleich niedriger ausgefallen. Die Winterüberlebensfähigkeit ist hoch. Im Frühjahr ist die Sorte sehr wüchsig und konkurrenzstark und besitzt daher ähnlich wie die Sorte Lomerit eine für den Ökolandbau wichtige hohe Unkrautunterdrückungseignung. Die Neigung zu Lager und Halmknicken ist gering, zu Ährenknicken mittel eingestuft. Die Sorte ist relativ blattgesund. Diese Sorte ist für den Anbau aber eher auf leichteren Standorten zu empfehlen.

Titus  (B. Eckendorf) weist gute Erträgen (98 %), eine gute Ertragsstabilität und mittlere Proteingehalte (10,1 %) auf. In diesem Jahr kam sie in Kerpen auf 102 % Relativertrag. Weitere positive Eigenschaften dieser Sorte sind: Winterfestigkeit, ausgeprägte Langstrohigkeit, gute Standfestigkeit, Frohwüchsigkeit und gute Pflanzengesundheit. Das hoch eingestufte Ährenknicken konnte bisher noch nicht beobachtet werden. Leider scheint Titus eine abnehmende Bedeutung zu haben, wohl auch aufgrund einer höheren Anfälligkeit gegenüber Flugbrand.

Quadriga (Secobra) kommt im Mittel dreier Versuchsjahre auf gute 101 % Relativertrag und etwas niedrigere Proteingehalte (10,1 %). In diesem Jahr fiel sie auf 95 % Relativertrag im Vergleich ab. Quadriga scheint auch ertragsstabil zu sein. Diese Sorte ist mittellang im Wuchs, halmstabil mit guter Massebildung und mittelschneller Jugendentwicklung. Die Winterfestigkeit und Blattgesundheit ist gut. Diese Sorte kann angebaut werden.

Hedwig (DSV) steht seit vier Jahren bei uns in der Prüfung. Sie erreicht gute 102 % Relativertrag und scheint ertragsstabil zu sein. In diesem Jahr war sie vergleichsweise etwas schlechter und lag bei 99 % Relativertrag. Der Proteingehalt liegt bei mittleren 9,9 %, Hektolitergewicht und Tausendkornmasse sind gut. Weitere Vorzüge sind eine gute Blattgesundheit und eine zusätzliche Resistenz gegenüber dem Gelbmosaikvirustyp 2 (BaYMV-2). Diese Sorte ist langstrohig und grundsätzlich standfest, hat aber Schwächen beim Ährenknicken, was in Wiebrechtshausen bereits beobachtet wurde. Sie kann angebaut werden.

KWS Higgins (KWS Lochow) steht ebenfalls im vierten Jahr im Sortiment und erreichte sehr gute Erträge (105 %) mit mittleren Proteinwerten (9,9 %). Auch diese Sorte liegt 2021 etwas geringer bei 99 % Relativertrag. In anderen Anbaugebieten mit leichteren Standorten war sie ertraglich oft sogar noch etwas besser, scheint sich aber auch im ABG 3 auf schwereren Böden zu stabilisieren. Sie zeigte sich bisher langstrohig bei mittlerer Halmstabilität und guter Blattgesundheit. Für Zwergrost ist sie anfälliger. Sie ist für den Anbau zu empfehlen.

Mirabelle (B. Eckendorf) steht im dritten Jahr bei in der Prüfung in NRW. Sie startet mit durchschnittlichen 98 % Relativertrag. Die Proteingehalte liegen bei 10,0 %. Das Hektolitergewicht ist gut, die TKM fällt bei uns etwas geringer aus, obwohl sie als großkörnig angepriesen wird. Sie soll eine gute Strohstabilität, eine ausgesprochene Winterhärte und eine hervorragende Blattgesundheit aufweisen. Angesichts ertragreicherer Sorten wird diese Sorte eher nicht zu empfehlen sein.

Neue Sorten, ein- bis zweijährig geprüft (ohne Anbauempfehlung)

KWS Flemming (KWS-Lochow) ist seit 2020 neu in der Prüfung und steigt im Mittel zweier Jahre mit hervorragenden 108 % Relativertrag ein. Die Proteingehalte liegen etwas unter dem Durchschnitt bei 9,6 %. Diese Sorte soll sehr blattgesund sein. Bei mittlerer bis längerer Pflanzenlänge soll sie dennoch nur mittel lageranfällig sein, etwas Ährenknicken wurde beobachtet. Sie ist für die Normalsaat und etwas Spätsaat geeignet und kann ausprobiert werden.

Mizzi (Saatzucht Josef Breun) ist ebenfalls neu seit 2020 im Sortiment und kommt innerhalb zweier Jahre nur auf 95 % Relativertrag. Dafür liegen die Proteingehalte etwas höher bei 10,8 %. Hektolitergewicht und Tausendkornmasse sind gut. Diese Sorte soll etwas früher reif sein, länger im Wuchstyp, eine gute Blattgesundheit haben, eine hohe Kornqualität aufweisen und auch für den Ökolandbau geeignet sein. Weitere Ergebnisse bleiben abzuwarten.

Rubino (B. Eckendorf) steht ebenfalls im zweiten Jahr bei uns im Sortiment und steigt mit guten 100 % Relativertrag ein. Die Proteingehalte sind mit 10,3 % ebenfalls gut. Das Hektolitergewicht ist gut und der erste Wert zur TKM sogar sehr hoch und ist laut Züchterangaben aufgrund der hohen Kernausbeute vor allem auch zur Herstellung von Graupen, Grützen und Gersten-Großblattflocken geeignet. Rubino soll lang wachsen und eine gute Bodenbedeckung haben. Zudem ist diese Sorte recht blattgesund und auch mittel bis gut winterhart. Weitere Ergebnisse bleiben abzuwarten.

Esprit (DSV): Eine ganz neue Sorte aus 2020 steht bei uns zum ersten Mal in der Prüfung. Sie erreicht sehr gute 103 % Relativertrag. Im Bestand präsentierte sie sich im April mittellang, aufrecht und etwas ungleich, später Ende Mai war sie dann sehr lang, dicht und gleichmäßig. Von Seiten des Bundessortenamts wird sie wie folgt beschrieben: mittere bis gute Reife (6) und Pflanzenlänge (6), mittlere Neigung zu Lager (5), gering bis mittlere Neigung zu Halm- (4) und Ährenknicken (4), recht gesund (Mehltau 4, Netzflecken 4, Rhynchosporium 4, Ramularia 4), allerdings Zwergrost etwas höher (6), Gelbmosaikvirus Typ 1. Bei den Ertragsparametern fällt sie gut bis sehr gut aus: Kornertrag Stufe 1 = 7, Stufe 2 sogar 8; TKM 6, Eiweißgehalt gering (2). Diese Sorte könnte gegebenenfalls ausprobiert werden.

Teuto (Secobra, 2020) steht im ersten Jahr in der Prüfung in NRW. Sie kommt auf gute 102 % Relativertrag. Sie ist im Ertrag auch vom BSA als hoch bis sehr hoch eingestuft (Kornertrag Stufe 1 = 8, Stufe 2 = 8; TKM 6). Der Eiweißgehalt ist mit 2 angegeben. Im Bestand war Teuto im April kürzer, ungleicher und mitteldicht. Im Mai zeigte sie sich im Vergleich gut: aufrechter, dunkelgrüner, lang, etwas später im Ährenschieben, mitteldicht und gleichmäßig. Laut Bundessortenamt ist sie etwas später reif (6), mittel bis lang (6), mit etwas höherer Neigung zu Lager (6), weniger Halm- (4), mittel im Ährenknicken (5). Sie ist recht gesund: Mehltau (4), Netzflecken (5), Rhynochsporium (5), Ramularia (4), Zwergrost (3), Gelbmosaiktyp 1.

KWS Wallace (KWS Lochow, 2019) ist eine weitere neue Sorte im Sortiment. Sie startet mit etwas unterdurchschnittlichem 97 % Relativertrag. Vom Bundessortenamt ist sie aber gut eingestuft: Kornertrag Stufe 1 = 7, Stufe 2 sogar 8 mit hoher TKM (7). Der Eiweißgehalt ist gering (2). Im Bestand sah sie im Vergleich zu den anderen Sorten eher nicht so gut aus: im April war sie mittellang, ungleicher und aufrechter, Ende Mai stand sie dann kürzer, ungleich und lückiger. Laut BSA ist sie mittel reif (5), etwas länger (6) bei mittlerer Lageranfälligkeit (5), mittel im Halmknicken (5) und besser im Ährenknicken (4). Diese Sorte ist recht gesund hinsichtlich Netzflecken (4) und Ramularia (5) sowie Gelbmosaikvirus (1), aber etwas höher anfällig eingestuft bei Mehltau (6), Rhynchosporium (6) und v.a. Zwergrost (7).

Paradies (DSV 2019) ist eine weitere neuere Sorte der DSV. Bei uns steht sie im ersten Jahr in der Prüfung und startet mit sehr guten 106 % Relativertrag, obwohl sie in den Kornertragsstufen 1 und 2 des BSA nur mittel bis gut (je Note 6) eingestuft ist (TKM auch nur 5). Im Bestand sah sie sehr gut aus: im April aufrechter, dicht, höher, länger und Ende Mai sehr, sehr lang, dicht, gleichmäßig. Vom Bundessortenamt wird sie wie folgt beschrieben: mittlere Reife (5), etwas längere Pflanzenlänge (6), etwas höhere Neigung zu Lager (6), Halm- (6) und vor allem Ährenknicken (7), recht gesund (Mehltau 4, Netzflecken 5, Rhychosporium 4, Ramularia 4, Zwergrost 4, Gelbmosaik Typ1). Im Eiweißgehalt soll Pardies etwas höher sein (3). Sie kann gegebenenfalls ausprobiert werden.

Zweizeilige Sorten

Immer wieder kommt auch die Frage nach zweizeiliger Wintergerste für den Ökolandbau auf. In der Regel sind diese ertraglich immer noch geringer, da ja die Kornzahl/Ähre als ein Ertragsparameter geringer ist, sie werden aber besser. Dafür gleichen diese Sorte mit höherem TKG und HLG aus, sind oft kürzer und standfester und weisen teilweise höhere Proteingehalte auf.

Normandy (Nordic Seed Germany GmbH, 2020) ist eine ganz neue Sorte. Sie kommt bei uns auf 95 % Relativertrag. Sie ist vom BSA aber hoch im Ertrag eingestuft (Kornertrag Stufe 1 = 7, Stufe 2 = 7, TKG 8, Bestandesdichte 8). Im Bestand stand sie bei uns leider nicht so schön, anfangs mäßig: sehr kurz, ungleich, dicht; später schlechter: sehr kurz, ungleich, dünner im Vergleich zu den anderen Sorten. Im Proteingehalt ist sie mit 3 eingestuft. Weitere Eigenschaften laut BSA sind: mittel bis später reif (6), Pflanzenlänge kurz (4), mittlere Lagerneigung (5) bei besserer Halm- (4) und Ährenstabilität (4). Diese Sorte ist recht gesund: Mehltau (5), Netzflecken (4), Rhynchosporium (3), Ramularia (5), Zwergrost (3), Gelbmosaik (1).

SU Celly (Saaten Union, 2020) ist ebenfalls ganz neu im Sortiment. Sie startet mit 97 % Relativertrag. Laut BSA ist sie in der Kornertragsstufe 1 mit 7 und Stufe 2 mit 6 bei einem TKG von 7 ganz gut eingestellt. Auch die Bestandesdichte liegt bei 8. Der Eiweißgehalt soll gut sein (4). Im Bestand stand sie etwas besser als Normandy: anfänglich aufrecht, ungleichmäßig, aber dicht und mittellang, später dann mittellang, dicht und gleichmäßig. Sie ist mittel in der Reife (5), etwas kürzer (4), gut in der Lagerstabilität (4) sowie sehr gut beim Halmknicken (2) und gut beim Ährenknicken (4). Diese Sorte ist sehr gesund (Mehltau (2), Netzflecken (3), Rhynchosporium (4), Ramularia (4), Zwergrost (3), Gelbmosaik (1)).

Fazit

Von den untersuchten Sorten haben sich für den Ökolandbau die Sorten Quadriga und Semper als geeignet gezeigt. Diese beiden Sorten gehören in die engere Wahl (siehe Tabelle 2). Semper ist auf den schwereren Standorten ertragsschwächer, wird für leichtere Standorte immer noch empfohlen. Beide Sorten fallen aber offenbar weiter im Ertrag im Vergleich ab, sodass vielversprechendere Sorten wie Hedwig und KWS Higgens aufrücken. Diese beiden Sorten sind sehr ertragsstark und anscheinend auch relativ ertragsstabil und können angebaut werden. Von den zweijährig geprüften Sorten ragt aufgrund des hohen Ertrags die Sorte KWS Flemming heraus und kann empfohlen werden. Von den einjährig geprüften Sorten zeigen Esprit (103 %) und Paradies (106 %) höhere Erträge.

Claudia Hof-Kautz, 
Landwirtschaftskammer NRW

Weitere Informationen

Kontakt

Dr. Claudia Hof-Kautz
Fachbereich 53 — Ökologischer Land- und Gartenbau
Versuchszentrum Gartenbau in Köln-Auweiler
Tel.: 0221 5340 177
Mobil: 0171 55 62 202
E-Mail: Claudia.Hof-Kautz@lwk.nrw.de


Saatgutbezug

Die Verwendung von ökologisch erzeugtem Saat- und Pflanzgut ist grundsätzlich gemäß EU-Bioverordnung vorgeschrieben. Der Saatgutbezug kann über die Ökosaatgutvermehrer aus NRW zum Beispiel Bioland-Z-Saatgutliste erhältlich beim Bioland Landesverband NRW erfolgen. Die Verfügbarkeit einzelner Sorten finden Sie im Überblick unter: www.organicXseeds.de.


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