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Zucht von Ökoputen - Wo Bio draufsteht, soll Bio drin sein!

10.11.2015

Zucht von Ökoputen

Soll die Ökoputenfleischerzeugung aber wachsen und damit den Bedarf decken, ist es vor allem für größere Betriebe noch nicht möglich, ganz auf Linien aus konventioneller Haltung zu verzichten.

Das Bestreben der Ökoverbände, von der Zucht über die Haltung, Fütterung, Produktqualität bis hin zur Vermarktung durchgängig die Einhaltung ökologischer Richtlinien zu sichern, ist verständlich und zu unterstützen. Der Verbraucher setzt es heute eigentlich schon voraus. Die Nachfrage nach Geflügelfleisch aus Freilandhaltung und dem Biosektor ist groß und gegenwärtig noch nicht zudecken. Soll aber die ökologische Putenfleischerzeugung in den nächsten Jahren stark gesteigert werden, ist es sicher noch nicht möglich, ganz auf Linien aus konventioneller Haltung zu verzichten, auch wenn mit den Freiland-Puten Fahrenzhausen zum Teil bereits gute Erfahrungen gemacht wurden. Bei Untersuchungen einer Aufzucht bis zur sechsten Lebenswoche im spezialisierten Aufzuchtbetrieb wurden in Durchgängen mit Freilandhaltung und Haltung im Wald niedrige Verluste von 2,2 % realisiert. Es gab aber auch schlechtere Durchgänge mit 16 % Verlust. Bei einer sehr gut gestalteten Bioration erreichten die Putenhähne dieses Genotyps im Durchschnitt 15 kg Lebendgewicht in der 20. Lebenswoche. In Ökobetrieben mit vollständig hofeigener Mischung lag der Wert mit ca. 10 kg um 30 % niedriger.

Viele professionelle, größere Ökoputenbetriebe nutzen weibliche Tiere konventioneller Genotypen. So werden gern BUT-6-Hennen in Ökohaltungen mit etwas größeren Stalleinheiten eingesetzt, da diese Betriebe eine Herkunft aus einem Schlupf und Küken gleichaltriger Elterntiere benötigen. Erfahrungen und Ergebnisse aus der Hähnchenhaltung bestätigen zumindest, dass der Schritt, nur Küken aus Bioelterntierbeständen einzustallen, für größere Ökobetriebe verfrüht sein könnte, da die Küken dann oft aus Bruteiern verschiedener Herden stammen – eine schlechte Voraussetzung für geringe Verluste und ein homogenes Produkt.

Untersuchungen mit weiblichen Tieren der Linie BUT-6 in Ökoherden von 500 bis 2 500 Puten zeigen, dass zum Teil Aufzuchtergebnisse mit weniger als 5 % Verluste, täglichen Zunahmen von 74 bis 95 g pro Tier sowie einem Gewicht von 10,1 bis 12,2 kg in der 20. Lebenswoche realisiert wurden.

Mittlerweile liegen auch erste Versuchs- und praktische Ergebnisse mit anderen Genotypen kleinerer Rassen oder solchen wie Hockenhull und Wirral White vor. So konnte der Autor in einem Versuch in Beständen mit 50 bis 200 Tieren nach 20 Wochen Gewichte bei den Hähnen dieser Genotypen von 9,4 bis 10,4 kg und bei Hennen von 6,4 bis 6,8 kg erzielen. Die Werte können im Mittel als positiv bezeichnet werden. Bei diesen Genotypen streuten die Gewichte allerdings unter ökologischen Fütterungsbedingungen stark. Deswegen werden spezialisierte Ökoputenmastbetriebe noch nicht daran vorbeikommen, Tiere aus konventioneller Zucht zu nutzen.

Ökoputenzucht vorantreiben – aber welche Linien als Basis nehmen?

An der Zucht spezieller Ökoputen ist intensiv zu arbeiten. Je früher damit begonnen wird, umso günstiger wird sich dies auf das Volumen, die Nachfrage und Akzeptanz der Ökoputenfleischerzeugung auswirken. Bisher werden 31,4 Mio. Puten in Deutschland konventionell und nur 500 000 ökologisch erzeugt. Die Nachfrage nach Zuchtputen wächst jedoch.

Welche Rassen oder Genotypen sollten als Basis gewählt werden? Laut Dr. Hartmut Meyer vom Moorgut Kartzfehn gibt es gegenwärtig 50 Putenlinien, dazu 14 farbige Variationen sowie einige langsam wachsende Rassen oder Genotypen.

Worin unterscheiden sich diese Genotypen, und welche Tiere wären für die Bioputenzucht und Erzeugung geeignet? Und wer übernimmt die Zuchtarbeit und trägt die Kosten? Es ist davon auszugehen, dass für die aktuell 500 000 ökologisch erzeugten Puten 5 000 bis 6 000 Elterntiere nötig sind. Nicht vergessen werden darf dabei, dass es mindestens fünf bis sechs Jahre dauert, bis die Zuchtstufen durchlaufen sind und die Genetik für die Praxis zur Verfügung steht.

Selektionsmerkmale sinnvoll auswählen und richtig wichten

Der züchterische Fortschritt wird auch von der Zahl der zu berücksichtigenden Merkmale beeinflusst, die im Endeffekt der Erzeuger bestimmt.

Um hier nur einige ausgewählte Merkmale zu nennen, wären dies:

  • die tägliche Zunahme,
  • die Futterverwertung,
  • der Anteil wertvoller Teilstücke, besonders der Brustanteil,
  • Robustheit und natürliche Vitalität,
  • die Ausgeglichenheit.

Hinzu kommen Merkmale der Reproduktionsleistung und des Tierwohls, sodass auch bei Ökoputen schnell 15 bis 20 Selektionskriterien zusammenkommen. Angelehnt an die Zucht konventioneller sowie langsam wachsender Genotypen ist auch in der Ökoputenzucht eine balancierte Selektion erforderlich.

Aktuell wird in der konventionellen Zucht mit

  • 21 % die Reproduktionsleistung,
  • 30 % das Tierwohl,
  • 14 % das Wachstum,
  • 19 % die Futterverwertung und mit
  • 10 % der Brustfleischanteil

berücksichtigt.

Forschungsarbeit ist zudem bei der Auswahl der Selektionsmerkmale und den Wichtungsfaktoren nötig. Denkbar ist zum Beispiel, dass für Ökoputen Fragen des Tierwohls und einige Merkmale stärker zu wichten sind. Bei manchen Genetiken könnte das zudem für die Reproduktionsleistung zumindest am Anfang nötig sein.

Das Leistungsniveau eines Tieres kann am exaktesten unter optimalen Umweltbedingungen ermittelt werden. Je mehr sich die Bedingungen, unter denen die Zuchttiere selektiert werden, und die, unter denen die Nachkommen produzieren, ähneln, desto größer sind Leistungszuwachs und Zuchtfortschritt. Bei langsam wachsenden Genotypen und bei solchen, die unter Ökobedingungen gehalten werden sollen, sind allerdings die Genotyp-Umwelt-Interaktionen besonders zu beachten.

Welche Zuchtmerkmale sind wichtig?

Welche Zuchtziele stellen die Landwirte an die Biopute? Eine Befragung in 15 ökologisch wirtschaftenden Putenaufzucht- und Putenmastbetrieben ergab folgende Antworten (siehe Kasten).

Für die Ökoerzeugung benötigen wir also eine besonders robuste, vitale und leistungsstarke Pute mit guten tägliche Zunahmen, guter Futterverwertung und einem hohen Brustfleischanteil.

Nach Aussagen professioneller Ökoputenbetriebe brauchen sie zu 90 bis 95% Tiere für Zerlegeware. Darüber hinaus sind Tiere in leichteren Gewichtsklassen für die Vermarktung ganzer Schlachtkörper nötig. Diese Vermarktungsschiene sollte in der Ökoputenhaltung stärker beworben werden. Ganze Putenschlachtkörper sind aus dem Sortiment nahezu verschwunden, es werden nur noch wenige Miniputen angeboten.

Das wäre nicht nur eine Chance für die Ökoputenfleischerzeugung, sondern auch gut für die Ökozucht, um beide Geschlechter nutzen zu können. Es geht nicht, dass Putenhähne unter ökologischen Bedingungen nicht gehalten werden können. Selbst konventionelle Mäster hätten vermutlich bei einer klaren ökologischen Zuchtausrichtung an den männlichen Tieren weniger Interesse.

Vorschlag: Leichtere Genotypen verwenden!

Warum helfen sich Ökoputenmäster mit weiblichen Tieren aus schnell wachsenden Genotypen der konventionellen Zucht? Mit diesen leichteren weiblichen Tieren kommen die meisten eben zurecht. Jeder muss für sich und seine Bedingungen schließlich einen einigermaßen passenden Genotyp finden.

Wenn aber die männlichen Puten aus Sicht der Eiweißversorgung unter Ökobedingungen schlechter zu halten sind: Warum nutzt man nicht einen kleineren, leichteren Genotypen, bei dnen die männlichen Tiere in den Gewichten den weiblichen ähneln? Die männlichen und zum Teil auch einige weibliche Tiere könnte man dann als Zerlegeware und die kleineren weiblichen Tiere als Ganzkörper vermarkten. Für diese Schiene sollte im Übrigen auch über die Mastdauer nachgedacht und diese selbst unter Ökobedingungen dem Produktionsziel angepasst werden.

Die Vorteile eines leichteren Genotyps liegen auf der Hand:

  • Diese Tiere haben einen etwas geringeren Futtererhaltungsbedarf. Das betrifft auch den Anspruch an den Eiweißbedarf und die Eiweißqualität.
  • Die männlichen Tiere haben trotzdem höhere Zunahmen und bessere Ausschlachtungsergebnisse.
  • Die Fortpflanzungsfähigkeit auf direktem Weg ist gegeben.
  • Die Zuchtarbeit lohnt sich mehr, wenn beide Geschlechter und nicht nur die Hälfte der Küken in der Ökoproduktion genutzt werden.

  • hohe Stabilität, Kondition und beste Gesundheit, vor allem stabile Bein- und Brustgesundheit
  • hohe nachhaltige Ausgeglichenheit der Herde vom ersten Tag an
  • Homogenität in der Gewichtsentwicklung bis zur Schlachtung
  • wenig anfällig auf Futter- und Futterinhaltsschwankungen
Kleinere Betriebe mit Direktvermarktung fordern zudem dies:
  • Tiere mit leichteren Endgewichten, aber hohem Schlachtkörperwert für die Ganzkörpervermarktung

Quelle: Golze, 2015

Kleine Weiße Beltsvillepute oder Weiße Holländer

Bezüglich der Verwendung leichterer Genotypen bietet sich z. B. die Kleine Weiße Beltsvillepute an. Diese Rasse erlangte ihre Bedeutung, als amerikanische Verbraucher um 1930 kleine ganze, fleischige Schlachtkörper, gut portioniert und ohne dunkle Federn, stark nachfragten (Schlachtkörper ohne Blut und Federn mit 3,5 bis 6,5 kg Gewicht). 1950 wurden in den USA bis zu 20 Mio. Puten mit etwa 7,5 kg schweren Hähnen und rund 4,5 kg schweren weiblichen Tieren bei einer guten Reproduktionsleistung mit natürlicher Verpaarung und gutem Brustmuskelanteil erzeugt. Diese Tiere gab es in den 1960er-Jahren auch in der ehemaligen DDR. In den USA sind sie heute – wie auch anderswo – als "gefährdet" einzuschätzen, denn sie wurden weltweit von den Breitbrustputen verdrängt.

Des Weiteren sollten die Weißen Holländer erwähnt werden, die für die Putenzucht eine große Bedeutung haben. Weiße Puten hat es schon in der vorkolumbianischen Zeit bei den Azteken gegeben. Von dort haben sie ihren Weg nach Spanien und somit nach Europa gefunden. In Österreich und Holland waren die weißen Puten besonders beliebt. Sie wurden dort im 18. Jahrhundert intensiv gezüchtet – zu dieser Zeit gehörte ein Teil der Niederlande zu Österreich. Diese Weißen Holländer kamen mit den Siedlern auch nach Nordamerika. In Deutschland wurden sie als "Virginische Schneepute" bezeichnet.

Durch Kreuzungen mit Breitbrust-Bronzeputen wurde aus diesen Linien um 1950 an der Universität Conell die Große Weiße Pute gezüchtet. Diese reinerbigen weißen Breitbrustputen verdrängten die breitbrüstigen Bronzeputen. Die Weißen Holländer sind etwas leichter, frühreifer, haben weiße Stoppeln und sind heute stark vom Aussterben bedroht. Die positiven Merkmale für die Ökoputenzucht bezüglich der natürlichen Reproduktion sowie guten Schlachtkörperwerten wären bei diesen Puten vorhanden.

Bei beiden hier aufgezeigten Genotypen (Beltsville und Weiße Holländer) würde man mit der Zuchtverwendung zudem einen Beitrag zur Erhaltung alter, vom Aussterben bedrohter Rassen und Genotypen und somit zur Biodiversität leisten.
Die Weißen Holländer sind heute stark vom Aussterben bedroht. Die positiven Merkmale für die Ökoputenzucht bezüglich der natürliche Reproduktion sowie guten Schlachtkörperwerten wären bei diesen Puten vorhanden.

Bei beiden hier aufgezeigten Genotypen (Beltsville und Weiße Holländer) würde man mit der Zuchtverwendung zudem einen Beitrag zur Erhaltung alter, vom Aussterben bedrohter Rassen  und Genotypen und somit zur Biodiversität leisten.

Genotypen aus der Rassegeflügelzucht nutzen?

Für die Zucht könnte man sich zudem bei den Rassegeflügelhaltern bedienen. Da gibt es bekanntlich die schweren Farbschläge (bronzefarbene, schwarzflügelige und weiße Puten), bei denen die Junghähne 9 bis 12 kg auf die Waage bringen. Die mittlere Gewichtsklasse mit Rotflügel-, Schwarz-, und Bourbonputen wartet mit Gewichten der Junghähne von 8 bis 10 kg und der Junghennen von 5 bis 6 kg auf. Die kleinen Landputentypen mit den Farbschlägen gelb, blau, rot, kupfer-,  narragansettfarben sowie die Cröllwitzer Pute wiegen 6 bis 7  kg (Junghähne), die Junghennen etwa 5 kg.

Die unterschiedlichen Farbschläge in der Rassegeflügelzucht sind jedoch sehr wahrscheinlich nur in kleineren Ökoputenbetrieben denkbar. Hier könnten Landputen aber ebenso den Vorteil mit sich bringen, dass auch sie noch über den natürlichen Bruttrieb verfügen. Nachteilig bei Rasseputen ist der oft etwas geringere Brustmuskelanteil. Da es Putenzüchtern oft etwas an Platz fehlt, wird das Reproduktionsvermögen selten ausgeschöpft, hier besteht also ebenfalls viel Züchtungspotential.

Knackpunkt ist die Eiweißversorgung

Nach den Ergebnissen eigener Untersuchungen ist die Ökogeflügelfleischerzeugung mit Enten und Gänsen noch am problemlosesten zu gestalten, gefolgt von der Haltung und Schlachtung von Spezialgeflügel. Komplizierter wird es Biobroilern.

Am schwierigsten ist die ökologische Putenfleischerzeugung umzusetzen. Dafür ist in erster Linie die komplizierte Aufzucht in den ersten sechs Lebenswochen und hier vor allem die Fütterung verantwortlich. Der Eiweiß-/ bzw. Aminosäurebedarf heranwachsender Puten ist hoch. Ökoeiweißträger sind teuer und nur begrenzt verfügbar. Konventionelle Eiweißträger wie Kartoffeleiweiß und Maiskleber (noch bis zu 5 % Anteil in der Ration erlaubt) sollen ab 2017 ebenfalls ersetzt werden. Fehler in der Ration haben bei Puten die größten negativen Folgen im Vergleich zu allen anderen Mastgeflügelarten.

Quelle: Golze, 2015

Fazit: Mit zwei Genotypen züchten und weitere testen

Die Kleine Weiße Beltsvillepute sowie die etwas leichteren Weißen Holländer sind durchgezüchtete Wirtschaftsgenotypen. Besonders die Beltsville sind auf guten Brustfleischanteil gezüchtet. Diese Putenlinie ist weiß und die Schlachtkörper haben keine schwarzen Stoppel.

Beide Genotypen können sich natürlich fortpflanzen und haben eine gute Reproduktionsleistung. Da für die Putenfleischerzeugung heute nahezu ausschließlich Breitbrustputen verwendet werden, sind diese zwei alten geschichtlich bedeutenden Rassen vom Aussterben bedroht. Eine Nutzung würde also zur Erhaltung der Biodiversität beitragen.

Aus Praxiserfahrungen und nach Literaturrecherchen werden folgende Schritte für die Ökoputenzucht vorgeschlagen:

  • die gegenwärtig eingesetzten Genotypen weiter analysieren und prüfen,
  • eventuell daraus ableitend zwei verschiedene Genotypen in die zielgerichtete Zucht für Ökoputen nehmen,
  • weitere Genotypen finden und testen,
  • für kleine Bestände möglicherweise den Fundus der Rassegeflügelzucht nutzen.

Autor: Dr. Manfred Golze, Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (SMUL), Köllitsch

Quelle: ©DGS Magazin (Das Magazin für die Geflügelwirtschaft und Schweineproduktion), 40/2015, 3.10.2015, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart

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