Aktueller Inhalt:

Kälber auf Kurzrasenweide

25.04.2018

Für Milchkühe ist die Kurzrasenweide mit mittleren Wuchshöhen von 5 bis 7 cm während der gesamten Weideperiode ein bewährtes Weidesystem, um gleichzeitig hohe tierische Leistungen und Flächenproduktivitäten zu erzielen. Kann dieses Weidesystem auch mit Kälbern und Jungrindern erfolgreich praktiziert werden? Anne Verhoeven, Dr. Sebastian Hoppe und Dr. Martin Pries, Landwirtschaftskammer NRW, und Steffen Janßen, Hochschule Rhein-Waal, berichten.

Welche Zuwachsleistungen bei unter einjährigen Tieren und welche Weide- und Schnittleistungen sind realisierbar? Wie gehen die jungen, immunschwachen Weidetiere mit der Endoparasiten-Belastung auf der Weide um? Vor diesem Hintergrund wurden im Ökobetrieb des Versuchs- und Bildungszentrums Haus Riswick von 2015 bis 2017 Weideversuche mit jeweils zwölf bis 14 Kälbern der Rasse Deutsche Holstein nach einer dreimonatigen Aufzuchtphase ab dem vierten Lebensmonat nach dem ersten Schnitt ab Mitte Mai durchgeführt.

Das Alter der Versuchstiere lag bei Weideauftrieb im Durchschnitt bei 145 Tagen mit einem mittleren Weideauftriebsgewicht von 166 kg, siehe Tabelle 1. In allen Jahren lagen die täglichen Zunahmen der Kälber während der vorhergehenden dreimonatigen Aufzuchtphase im Schnitt bei etwa 850 g.

Tabelle 1: Ausgangssituation der Kälber
JahrAlter (Tage)Gewicht (kg)Tageszunahmen (g¹)
2015141151767
2016146176913
2017148170867
1) TZ bis zum Weideauftrieb; bei fehlenden Geburtsgewichten 42 kg angenommen, 35 kg bei Zwillingen
Riswicker Weideplaner

Die Zuteilung der 4 ha  Weidefläche erfolgte nach Vorgaben des Riswicker Weideplaners, einer Planungshilfe zum Weidemanagement einer Kurzrasenweide auf Basis der Tierzahlen, der Tiergewichte sowie der kalkulierten Trockenmasseaufnahmen Weideaufwuchs, zu finden unter www.riswick.de. Im weiteren Verlauf der Weideperiode wurden bei der Flächenzuteilung zusätzlich Wuchshöhe und Witterung berücksichtigt. Die Wuchshöhe wurde während der Weideperioden zweimal wöchentlich systematisch mit dem Herbometer gemessen. Die angestrebte Wuchshöhe liegt zwischen 5 und 7 cm.

Riswicker Weideplaner und Weidekalender

Weidewaage erfasst Tiergewichte

Zur Erfassung der Tiergewichte war auf der Weide eine Waage aufgebaut. Mittels Transponder wurden die Tiere individuell erkannt. Im Wiegekäfig wurde eine Mineralstoff-Leckmasse als Lockmittel angeboten.

Aus dem Gewicht und Zuwachs der Tiere wurde die Energieaufnahme auf Basis der Empfehlungen zur Energieversorgung für Aufzuchtrinder der GfE (2001) berechnet, wobei wegen der erhöhten Bewegungsaktivität ein Zuschlag zum Erhaltungsbedarf in Höhe von 15 % erfolgte. Aus der Energieaufnahme wurde die Weideleistung abgeleitet. Die Berechnung der Flächenleistung erfolgte in MJ ME je ha und Jahr und berücksichtigt die Energie aus Weideleistung und Schnittnutzung.

Homöopathische Wurmkuren

Die Kälber wurden in allen drei Versuchsjahren phytomedizinisch-homöopathisch gegen Endoparasiten mit Abrotanum  behandelt. Dieses Mittel wurde den Tieren zu Weidebeginn und weiterhin monatlich bis zum Weideabtrieb jeweils in Form einer fünftägigen Kur über die Tränke verabreicht. Darüber hinaus wurden tierindividuelle Kotproben zur Untersuchung des Endoparasitenbefalls genommen. Alle Proben wurden auf Magen-Darm-Wurm-Eier, Kokzidien-Oozyten und parasitäre Gebilde untersucht.

Versuchsjahre unterschiedlich

In allen Versuchsjahren konnten die angestrebten Wuchshöhen im Rahmen der Vorgaben des Kurzrasenweide-Systems eingehalten werden. Die Wuchshöhenentwicklung auf der Weide lies 2015 eine ausgeprägte Sommertrockenheit sowie eine ausgesprochen wüchsige Spätherbstphase erkennen; 2016 war das vergleichsweise Wüchsigste mit einem klassischen Wuchshöhenverlauf während der gesamten Weidezeit; 2017 startet nach dem ersten Schnitt, Mitte Mai, zunächst verhalten mit einer kurzen Frühsommertrockenheit und daraus resultierenden begrenzten Zuwächsen.

Im Durchschnitt der Versuchsjahre konnten beachtliche mittlere tägliche Zuwachsleistungen von 800 g bei ausschließlicher Weidefütterung von Kälbern erzielt werden, siehe Tabelle 2.

Tabelle 2: Mittlere Tageszunahmen während der Weideperioden, g/Tier/Tag
JahrAnzahlStartgewicht (kg)Endgewicht (kg)Tageszunahmen (g)
201512154 +/- 23295 +/- 18779 +/- 55
201612176 +/- 26312 +/- 31822 +/- 91
201712169 +/- 16300 +/- 37798 +/- 67
12166302800

Eine jahresweise Betrachtung der Zuwachsleistungen der Kälber in den Monaten der drei Vegetationsperioden zeigte deutliche Schwankungen, die zwischen 400 g/d im Mai 2017 und 1 200 g/d im August 2016 lagen. Ursachen hierfür waren beispielsweise im Mai 2017 relativ geringe Weideaufwüchse verbunden mit zunächst noch verhaltenen Weidefutteraufnahmen der noch lernenden, jungen Weidekälber und eine wüchsige Periode nach ausreichenden Niederschlägen im August 2016.

Das Weidejahr 2016 stach nach verhaltenem Weidestart im Mai/Juni mit besonders hohen Tageszunahmen während der wüchsigen Sommermonate Juli bis September heraus; im Jahr 2015 starteten die Weidekälber zunächst sehr gut, mussten dann jedoch mit der ausgeprägten Sommertrockenheit auf bereits vollständig zugeteilter Weidefläche von 4 ha zurechtkommen, was im Juni/Juli mit mittleren Tageszunahmen von gut 600 g nur schwer gelang, im sehr wüchsigen Herbst mit deutlich überdurchschnittlichen Zuwachsleistungen jedoch vollends kompensiert wurde.

Die Weidekälber begannen im Mai 2017 auf der Weide sehr schwach; nach einer kurzen Frühjahrstrockenheit unter kurzzeitiger Beweidung der Gesamtfläche blieben die tierischen Leistungen auf der Weide im Juni und Juli unterdurchschnittlich; auch der September mit seiner nassfeuchten Witterung bremste die Zuwächse der Tiere erheblich; während der Monate August, Oktober und November wurden besonders hohe Zuwachsleistungen bei den unter einjährigen Jungtieren auf der Weide erreicht. In den Herbstmonaten sorgte die wüchsige Witterung für sehr hohe tierische Zuwachsleistungen.

Nach dem Wetterumschwung im Herbst 2016 zeigte sich auffällig der negative Einfluss der nasskalten Witterung mit deutlich sinkenden Zuwachsleistungen bei den Tieren, sodass innerhalb einer Woche die Tageszunahmen drastisch abnahmen und sogar in den negativen Bereich glitten. Damit junge Tiere bei ungünstiger Herbstwitterung nicht zu viel Leistung verlieren, kommt es also auch auf den optimalen Weideabtriebs-Zeitpunkt im Herbst an.

Ertragsniveau witterungsabhängig

Die Trockenmasseerträge unter den Weidekörben lagen 2015, das durch eine langanhaltende Sommertrockenheit mit entsprechenden Ertragseinbußen gekennzeichnet war, bei knapp 104 dt TM je ha und im eher feuchten, sehr wüchsigen Jahr 2016 bei nahezu 125 dt TM/ha; 2017 zeigte sich mit einem Ertragsniveau von 112,5 dt TM/ha etwa im Durchschnitt der drei Jahre.

Stabile Weide- und Flächenleistungen realisiert

Die Flächenleistung bestehend aus anteiliger Schnitt- und Weidenutzung variierte in den Jahren zwischen knapp 75 000 MJ ME und nahezu 92 000 MJ ME je ha. Da der erste Aufwuchs in beiden Jahren komplett zur Winterfuttergewinnung genutzt wurde und die Kälber erst ab Mitte Mai aufgetrieben wurden, lag der durch Weidenutzung gewonnene Energieanteil im Durchschnitt der Jahre bei etwa 30 000 MJ NEL, im Jahr 2015 lag der Weideanteil bei etwa 40 %, 2016 bei knapp 30 % und 2017 bei 36 %. Infolge besonders wüchsiger Witterung 2016 waren der Schnittertrag und damit der Gesamtenergieertrag aus Weide- und Schnittnutzung vergleichsweise höher.

Ein Vergleich der Brutto- und Nettoflächenleistung zeigt, dass in den drei Versuchsjahren zwischen 71 und 74 % des Bruttoweidefutterangebotes über Weide- und Schnittnutzung ausgeschöpft wurden, siehe Grafik 3. Die Weide- und Schnittverluste können folglich mit Werten zwischen 26 und 29 % beziffert werden.

Endoparasiten im Blick halten

Die Kotprobenanalysen der jungen, immunschwachen, für Endoparasiten durchaus  anfälligen Weidetiere zeigten unter intensiver homöopathischer Kur-Behandlung mit Abrotanum über die Weidetränke keine hochgradige Endoparasiten-Belastung. Interessant ist hier vor allem der Aspekt, dass es sich um sehr junge, immunschwache Weidekälbern ab den vierten Lebensmonat, die bei monatlicher Abrotanum-Kur-Behandlung verbunden mit zügigem Wachstum auf der Weide keine chemisch-synthetische Wurmkur erforderten.

Aufgetrieben wurden die Kälber bewusst erst nach dem ersten Schnitt, sodass durch diese Maßnahme der Parasitendruck zunächst gemildert war. Der Anteil der Kälber mit mittel- oder hochgradigem Wurmbefall war in allen Jahren im September am größten, konnte jedoch mit der homöopathischen Kurbehandlung kompensiert werden, sodass sich die Kotprobenanalysen im Herbst wieder auf erkennbar niedrigerem geringgradigem - unauffäligem Niveau befanden. Das Immunsystem der Kälber wurde im Laufe der Weideperiode nachvollziehbar stabilisiert.


Kälber gegen Endoparasiten behandeln

Gute Erfahrungen wurden mit monatlichen 5-Tage-Abrotanum-Kuren, auch als Gruppenbehandlungen, bei den jungen Weidetieren gemacht: Das getrocknete Kraut kann als Tee oder Urtinktur über die Wassertränke verabreicht werden.

Grundsätzlich wird ein geringradiger Wurmbefall als durchaus wünschenswert angesehen, da die Immunabwehr betroffener Tiere besonders gestärkt wird. Weidetiere mit nachgewiesenen mittelgradigen oder sogar hochgradigen Wurmbelastungen müssen besonders gut beobachtet und bei alarmierenden Symptomen, wie Störungen des Allgemeinbefindens oder Leistungsrückgang gegebenenfalls chemisch-synthetisch behandelt werden.

Grundlage für einen erfolgreichen phytotherapeutischen-homöopathischen Einsatz ist jedoch immer ein sinnvolles Weidemanagement, das die Weidehygiene verbessert: Die Jungtiere sollten am besten erst nach dem ersten Schnitt oder alternativ auf im Herbst zuvor geschnittenen Weideflächen im Frühjahr nicht zu früh bei Temperaturen im zweistelligen Bereich im April/Mai ausgetrieben werden. Bei höheren Temperaturen nimmt die Zahl infektiöser Larven ab. Mitte bis Ende Mai ist die Zahl der überwinterten Larven am geringsten. Später steigt der Infektionsdruck durch die Eier-Ausscheidung mit dem Kot der Weidetiere wieder an. Weideflächen, die im Herbst gemäht und nicht nachgeweidet wurden, sind für Kälber und Jungrinder besser geeignet, da sie weniger verseucht sind. Ebenso verringert die Vornutzung der Weideflächen zur Silage- oder Heuproduktion grundsätzlich den Infektionsdruck.


Fazit

Folgende Schlussfolgerungen lassen sich ableiten:

  • Im Mittel der Jahre sind stabile Tageszunahmen von 800 g je Tier auf der Kurzrasenweide möglich. Auch im Herbst konnten beachtliche Leistungen erzielt werden. Der Zuwachs der Kälber ist stark witterungsabhängig: Hitzeperioden im Sommer und nasskühle Herbstwitterung bremsen den Zuwachs. Kompensatorische Wachstumsspitzenleistungen folgen auf verhaltene Zuwachsphasen. Weidesysteme sind immer sehr witterungsabhängig.

  • Die Spannweite im Bruttoertrag (unter Weidekörben) unter ökologischen Bedingungen von 124,6 dt/ha im Jahr 2016 bis 103,8 dt/ha im Weidejahr 2015 begründet auch die Abstufung in der Nettoflächenleistung von knapp 92 000 MJ ME/ha (also etwa 55 000 MJ NEL/ha) im Jahr 2016 bis 75 000 MJ ME/ha oder  45 000 MJ NEL/ha im Jahr 2015.

  • Bei ausgefeiltem Weidemanagement bewegten sich die Weide- und Ernteverluste auf der Kurzrasenweide mit Kälbern bei 25 bis -30 %.

  • Wichtig: Die Endoparasitenbelastung bei jungen immunschwachen Kälbern, die  Empfehlung lautet: Auftrieb nach den ersten Schnitt; Belastung im September am höchsten; mit engmaschiger Abrotanum-Kur-Behandlung Stabilisierung des Immunsystems bis zum Weideabtrieb.

  • Jungrinderaufzucht ist auf der Kurzrasenweide auch mit jungen Tieren unter einem Jahr sehr gut möglich und kann in Abhängigkeit betriebsindividueller Voraussetzungen auch sehr wirtschaftlich sein. Die Empfehlungen zum Wachstumsverlauf werden mit mittleren 800 g TZ/Tier gut erreicht.

Quelle: Anne Verhoeven, Dr. Sebastian Hoppe und Dr. Martin Pries, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, und Steffen Janßen, Hochschule Rhein-Waal, April 2018

Weitere Informationen

Abonnieren Sie den Ökolandbau NRW-Newsletter

Die obenstehende Einwilligungserklärung kann jederzeit formlos gegenüber dem Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, Schwannstraße 3, 40476 Düsseldorf, (E-Mail: Poststelle@mulnv.nrw.de) widerrufen werden: Die von Ihnen auf dieser Seite angegebenen personenbezogenen Daten (zum Beispiel Name, E-Mail-Adresse, Anschrift usw.) werden vertraulich und nur zur Versendung der von Ihnen abonnierten Newsletter des Ministeriums per E-Mail verwendet. Ihre Daten werden ausschließlich auf dem Server des Landesbetriebs Information und Technik NRW gespeichert. Das Abonnement kann von Ihnen auf dieser Seite jederzeit mit sofortiger Wirkung beendet werden. Ihre Daten werden dann unverzüglich gelöscht.


Vom Newsletter abmelden...