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Das Beste aus der Weide holen

07.10.2021

Die Weidehaltung steht im Mittelpunkt eines jeden Milchviehbetriebes. Die Zunahme von trockenen Sommern stellt die Praktiker vor die immer größer werdende Herausforderung, das eigene Milchvieh mit betriebseigenem Futter zu versorgen, vor allem auf extensiven Standorten.

Im Forschungsprojekt GrazyDaiSy - GrazyDaiSy ist ein CORE Organic Plus-Projekt und wurde aus Mitteln des BMEL gefördert - wurden in den Jahren 2018 bis 2020 regionale Beweidungssysteme in 15 Demeter- und 19 Bioland-Betrieben aus vier agrarökologisch unterschiedlichen Naturräumen im südöstlichen Baden-Württemberg untersucht. Es handelte sich um heterogene Betriebstypen, wobei nach Grünland- und Gemischtbetrieb sowie nach Niederschlagsrate mittels Cluster-Analyse unterschieden wurde. Ziel war es, die Leistungsfähigkeit der Weide, auch auf extensiven Standorten zu ermitteln und die Beweidung zu optimieren.

Qualität und Quantität im Blick

Mit insgesamt 40 Weidekäfigen wurden die Weideerträge der Jahre 2019 und 2020 ermittelt; die Weidequalität wurde untersucht und Klimalogger und Regensensoren lieferten Daten. Zudem wurden in diesen zwei Jahren auf sieben Fokusbetrieben Kühe mit folgenden Verhaltenssensoren ausgestattet: GPS Sensoren für die Laufdistanz, RumiWatch-Pedometer zur Ermittlung der Lauf-, Liege- und Steh-Aktivität sowie RumiWatch-Halfter als Kauschlagsensor zur Erfassung der Fress- und Wiederkäuaktivität. Es wurden zwei Messperioden jährlich pro Betrieb durchgeführt. Die Verhaltensmessungen wurden bei zehn Tieren je Messperiode vorgenommen.  

Weiden wichtig für Milchproduktion

Das Leistungspotenzial extensiver Weiden ist nicht zu unterschätzen: Mit 47 bis 101 dt TM/ha im Jahr und gutem Futterwert wurde das Potenzial nicht vollends ausgeschöpft. Es gibt mancherorts noch Reserven. Die Unterschiede variieren zwischen den Betrieben und Jahren. Ein generelles Patentrezept für ein optimiertes Weidesystem gibt es nicht. Betriebsindividuell muss ein an Standort und Witterung im Jahresverlauf und das daraus resultierende verfügbare Biomasseangebot sowie an das Herdenleistungspotenzial angepasstes Weidesystem entwickelt werden.

Weidemanagement beeinflusst Aktivität

Die Weidetiere können ihr Verhalten auf der Weide kurzfristig an Weidebedingungen und Weidemanagement anpassen. Fress- und Bewegungsverhalten sowie Wiederkauaktivität der Tiere variieren je nach dem, ob sie tagsüber oder nachts weiden. Auf der Tagesweide verteilt sich die Hauptfressaktivität kontinuierlich auf die Zeit auf der Weide und auf die Zeit nach der Abendmelkung (160 Tiere). Dabei blieb tagsüber nur wenig Zeit für die Weidetiere, auf der Weide zu ruhen und wiederzukäuen. Auf der Nachtweide wurde eine ausgeglichenere Fress- und Wiederkäuaktivität beobachtet. Wiederkäu- und Fresszeit verteilten sich gleichmäßiger über den Tag. Bei nächtlicher Beweidung konnte eine höhere Futteraufnahme bei ähnlicher Fresszeit von rund 300 Minuten gemessen werden, woraus sich eine Futteraufnahme von 13 kg im Vergleich zu 9 kg TM ergab - nicht, indem die Kühe schneller fraßen, sondern indem sie größere Mengen pro Biss aufnahmen, nämlich 50 g statt nur 21 g TM/Biss.

Die Menge an Futteraufnahme auf der Weide bestimmte nicht die Gesamtfresszeit: Beim Vergleich zwischen höherer und geringerer Weidefutteraufnahme konnte eine konstante Fresszeit bei ähnlicher Gesamtfutteraufnahme (22,1 im Vergleich zu 20,5 kg TM/Tag) festgestellt werden. Zufütterung im Stall kann daher zu einer Verdrängung der Fresszeit, die für die Weide übrigbleibt, führen.

Weiter laufen

Die Laufdistanz wurde nicht ausschließlich durch die Weidedauer bestimmt. Binnen 24 Stunden konnte im Durchschnitt eine Laufdistanz von 4 409 m ermittelt werden; auf der Tagesweide 2 440 m in einer Zeit von fünf bis neun Stunden und auf der Nachtweide über eine Dauer von neun bis zwölf Stunden 2 239 m. Die Laufzeit ist natürlich auch vom Weidefutterangebot abhängig: Je größer das Biomassefutterangebot auf der Weide, desto geringer die Laufaktivität. Weitere Einflussfaktoren, wie Distanz zum Stall, Alter und Gesundheit/Klauengesundheit der Tiere sowie Witterung und Temperatur, spielten ebenso eine entscheidende Rolle. Die minimale Distanz lag bei 1,3 km bei 3 ha Weidefläche und vier Stunden Weidezeit; die maximale Distanz bei 5,4 km bei 4 ha Weidefläche und 20 Stunden Weidezeit.

Im August 2020 wurden Untersuchungen bei Weidegang mit dem Melkroboter/Automatischen Melksystem durchgeführt. Die Milchkühe hatten zwischen 9 und 17 Uhr freien Auslauf/Zugang zwischen/zu Stall und 5,1 ha großer Standweide. Etwa 70 % der zur Verfügung stehenden Zeit verbrachte die laktierende Herde auf der Weide. Die Milchproduktion (23,1 kg/Tier/Tag) entsprach den Best Practice-Empfehlungen einer LAZBW Studie.

Fazit

Diese Versuchsergebnisse bestätigen die Ergebnisse und Erfahrungen der Weideversuche, die von 2009 bis 2017 am Versuchsstandort Haus Riswick gemacht wurden.


Digitales Weidemanagement: Status quo und Potenziale

Auf dem virtuellen Feldtag ging es auch um Potenziale und Herausforderungen in der Weidehaltung. Hier eine kurze Zusammenstellung der Vorträge von Prof. Dr. Uta Dickhöfer und Dr. Jessica Werner, Universität Hohenheim, sowie Dr. Jonas Weber und Priska Krug, Landwirtschaftliches Zentrum Baden-Württemberg, Aulendorf.

Zur Ausschöpfung der Potenziale in der Weidehaltung werden digitale Lösungsansätze geboten. Dabei gibt es rapide Entwicklungen von Sensortechnologien für die Bereiche:

  • tierindividuelle Identifikation
  • Leistungserfassung, wie automatische Melksysteme
  • Verhaltensmessungen, wie Bewegungssensoren
  • Grünlandertragsschätzung, wie automatische Plattenmesser
  • Futterwertbestimmung, wie mobile NIRS)

Für die Datenspeicherung, -verarbeitung und -nutzung werden benötigt:

  • vorhandene Datenbanken, zum Beispiel Bestandsregister, Leistungsprüfung
  • Simulationsmodelle inklusive maschinelles Lernen
  • Softwareapplikationen

Als integrierte praxistaugliche Lösungen im Grünland- und Herdenmanagement für extensive Rinderhaltungssysteme gelten:

  • Monitoring
  • informationsbasierte Entscheidungsfindung
  • vereinfachte Betriebsdokumentation und Vermarktungsprozesse.

Ein digitales Beweidungs- und Grünlandmanagement ist möglich und zukunftsträchtig unter Einbeziehung der Einflussfaktoren Wetter, Erntemenge, Futterqualität, verfügbare Biomasse, Fressverhalten der Weidetiere, Futteraufnahme, Milchleistung, Zufütterung im Stall. Die Erfassung des Grünlandaufwuchses erfolgt mit Plattenmeter - es liegen gute Ertragsschätzungen mit Rising Plate Meters, zum Beispiel Grasshopper für intensives Grünland, mobiler NIRS-Technik, Satellitenapplikationen und Drohnen vor.

Moderne Technologien für tierspezifische Parameter existieren: Automatische Melksysteme, Verhaltenssensoren, GPS, Bildverarbeitung, Halsband- und Ohrmarkensysteme sowie Kauschlagsensoren. Es gibt inzwischen zahlreiche Technologien zur Erfassung von Tierverhalten und Futteraufnahme. Daten der Verhaltenssensoren bilden die Grundlage zur Schätzung der Futteraufnahme.

Anne Verhoeven,

Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

Weitere Informationen

Die digitale Weide: Dokumentationshilfe für Landwirte und Verwaltung

Es ist das Weideinformationssystem WIS 1.0 als digitales Weidetagebuch verknüpfbar mit dem digitalen Düngetagebuch auch als Voraussetzung für die Sommerweideprämie entwickelt worden. Dieses ist auch per Smartphone einsetzbar.

Die Vision ist, mit verschiedenen digitalen „Farmmanagementsystemen“ zu arbeiten und diese zu verknüpfen. Digitale Weidemanagement-, Herdenmanagement- und Düngemanagementsysteme sollten somit kompatibel einsetzbar sein. Das Ziel sind moderne, digitale Lösungen für eine nachhaltige, resiliente und sozial verträgliche weidebasierte Milchrinderhaltung. Dabei geht es um:

  • Anpassung, Weiterentwicklung und Validierung von Messtechniken und Softwaresystemen für extensive Haltungssysteme.
  • Verknüpfung und Integration von sensorbasierten Klima‐, Vegetations‐ und Tierdaten in digitalen Entscheidungshilfen.
  • Übergeordneten Nutzen im Betriebsmanagement, der Dokumentation und Kommunikation entlang der Wertschöpfungskette.
  • Praxistaugliche, kosteneffiziente und flexible Lösungen für unterschiedliche betriebliche Kontexte.

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