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Gesucht: Alternativen zur betäubungslosen Kastration

01.05.2016

Seit 2012 dürfen Ferkel nach EG-Öko-Verordnung 889/2008 nicht mehr "ohne Betäubung und/oder Verabreichung von Schmerzmitteln kastriert werden". Im Ergebnis reicht somit gegenwärtig die Kastration unter Schmerzausschaltung ohne zusätzliche Betäubung, was jedoch den Ansprüchen an eine besonders tiergerechte ökologische Haltung nicht gerecht wird. Entsprechend arbeitet die gesamte Branche an Alternativen, die ein Leiden der Tiere sicher ausschließen und gleichzeitig für alle Formen der Ökologischen Schweinehaltung praktikabel sind. Einen Überblick über den Stand des Wissens gibt Christian Wucherpfennig von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

Ebermast auf Eignung prüfen

Da bei der Ebermast auf die Kastration vollständig verzichtet werden kann, liegt es nahe, ihre Eignung unter ökologischen Bedingungen zu prüfen. In einem unter Beteiligung der gesamten Wertschöpfungskette angelegten Versuch werden dabei Fütterung, Haltung, Detektion am Schlachtband und Verarbeitungseigenschaften untersucht. Das Projekt läuft noch bis Ende des Jahres. Ulrike Westenhorst von der an der Untersuchung beteiligten Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen berichtet, dass nach den bisherigen Erfahrungen eine bedarfsgerechte Fütterung der Tiere möglich ist und sehr gute biologische Leistungen sowohl der Eber als auch der Börge erreicht werden können. Die Detektion geruchsauffälliger Eber am Schlachtband erwies sich als möglich. Die Verwertbarkeit des Eberfleisches wird derzeit noch von den zwei beteiligten Unternehmen Thönes Naturverbund und Biofleisch NRW getestet.

Ebergeruch erfassen

Seit 2009 beschäftigt sich die Firma Tönnies mit Ebermast. Mittlerweile verarbeitet das Unternehmen 35.000 Eber wöchentlich, die als Frisch- und Verarbeitungsfleisch vermarktet werden. "Die Berücksichtigung von Tierwohl und das Vermeiden von Stress sind bei der Ebermast und Eberschlachtung wesentlich, da die Zahl geruchsauffälliger Tiere bei Stress deutlich ansteigt", betont Dr. Wilhelm Jaeger. Die geruchsabweichenden Masteber werden über Geruchskontrollen am Schlachtband erfasst. Dabei wird das innenliegende Fett im Nacken mit einem Industrieföhn erhitzt, so dass der Geruch ermittelt werden kann. "Das Riechen von Ebern kann man übrigens erlernen", erklärt Jaeger. Besonders geeignet seien berufserfahrene Metzger und Zerleger. Die geruchsabweichenden Eber werden getrennt sortiert und verarbeitet.

Professor Ulrike Weiler von der Universität Hohenheim sieht bei der Ebermast auch viele Risiken und Gefahren, die sich nicht auf Geruchsabweichungen beschränken. Aus Tierschutzsicht seien die häufig auftretenden Kämpfe nicht zu unterschätzen. Bei eigenen Untersuchungen konnte Weiler nachweisen, dass nur 20 Prozent der Eber keine Penisverletzungen aufweisen. "Kastrationsverzicht per se ist kein Tierschutz, sondern schafft neue Tierschutzprobleme", resümiert daher Weiler. Untersuchungen zeigten, dass ein großer Teil der Tiere zahlreiche weitere Verletzungen aufweisen würden. Darüber hinaus beinhalte das Fleisch von Ebern einen geringeren Intramuskulären Fettgehalt, der die Genussqualität (Zartheit) negativ beeinflusse.

Verletzungen durch aggressiveres Verhalten

Untersuchungen der Universität Kassel bestätigten ebenfalls deutlich mehr aggressives Verhalten und Aufreiten in Eberbuchten. Dies führte jedoch nicht zu mehr Verletzungen und Lahmheiten. Wunden größer als zwei Zentimeter kamen praktisch nicht vor und die Lahmheiten lagen mit zwei bis drei Prozent der Tiere auf einem niedrigen Niveau ohne Unterschiede zwischen Ebern und Börgen. Nur bei etwa 15 Prozent der Penisse wurden Veränderungen festgestellt und damit deutlich weniger als bei konventioneller Haltung. Offensichtlich hat die ökologische Haltung mit mehr Platz sowie Stroh und Wühlmaterial hier einen ähnlich positiven Effekt wie bei der Vermeidung von Schwanzbeißen.

Zusammenhang - Herkunft, Fütterung, Geruch

Ziel eines Projektes des Thünen-Institutes für Ökologischen Landbau und des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie war es, den Einfluss der zwei Endstufeneberherkünfte Dänischer Duroc und Pietrain sowie eines Versuchsfutters mit einem Zusatz von 10 % Kartoffelstärke am Ende der Endmast zu untersuchen. Die Dänischen Duroc-Eber erzielten bei besseren Tageszunahmen (850 bis 900 g) einen signifikant schlechteren Muskelfleischanteil (56,1 %). Der Skatolgehalt im Fett war bei allen Versuchsvarianten sehr niedrig. Bei den Pietrain-Ebern zeigte die Kartoffelstärke einen skatolabsenkenden Effekt. Der Androstenongehalt der Dänischen Duroc-Eber lag bei insgesamt niedrigem Niveau über dem der Pietrain-Eber. Auch bei diesen Versuchen kam es zu wenig Verletzungen bei den Ebern. Über 85 Prozent der Tiere wiesen keine Beeinträchtigungen in Form von Kratzern oder Wunden auf.

Kastrationsmethoden

Beim Verband Bioland ist "die chirurgische Kastration von Ferkeln nur unter Betäubung und mit Schmerzbehandlung zulässig. Ausgenommen von der Betäubungspflicht sind Fälle bei der Ferkelkastration, in denen rechtliche und/oder strukturelle Einschränkungen keine tierwohlförderliche Umsetzung ermöglichen und eine Genehmigung von BIOLAND vorliegt."

Ausnahmen lässt Bioland u.a. bei Ferkelerzeugern zu, die ihre ferkelführenden Sauen in Outdoorhaltung halten. Aber auch hier gibt es mittlerweile Betriebe, die mit einem Wagen an den Sauen vorbeifahren und die Kastration unter Betäubung mit Isofluran so in einem witterungsgeschützten Bereich durchführen können.

Die meisten Anbauverbände haben die Formulierung der EU-Bio-Verordnung sinngemäß übernommen und lassen die chirurgische Kastration von Ferkeln nur mit Narkose und/oder Schmerzbehandlung zu. Der vor allem in Ostdeutschland etablierte Verband Gäa setzt mittelfristig auf die Etablierung der Ebermast und den Verzicht auf die Kastration während Naturland gegenwärtig den Einsatz der Immuno-Kastration mit Improvac favorisiert.

"Kastration ohne Betäubung geht nicht mehr", erklärt Christoph Leiders, der zusammen mit seiner Familie einen Gemischtbetrieb im Rheinland führt und dort u.a. 55 Sauen im Geschlossenen System hält. Alle Schweine werden auf dem Hof geschlachtet und verarbeitet und anschließend im Hofladen verkauft. "Wir lassen durch den Tierarzt die Betäubung mit Ketamin und Stressnil durchführen", berichtet Leiders und erklärt, dass die Verbraucher keine Probleme mit der Ferkelkastration haben. Wenn sie mit Betäubung erfolgt! Das kennen die Kunden von ihren eigenen Haustieren. "Auch wir haben versuchsweise mal 20 Eber geschlachtet, mussten aber fast die Hälfte verwerfen", zeigt Leiders seine Erfahrungen auf. Beim hochpreisigen Bio-Fleisch könne man sich nicht einen Stinker leisten. "Außerdem wünschen wir uns einen hohen Intramuskulären Fettgehalt und über die Schlachtsauen haben wir schon ausreichend Verarbeitungsfleisch", erläutert Leiders, warum man nicht auf Eber setzen könne.

Dr. Katja Brase, Fachtierärztin für Schweine beim Tiergesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, hat Erfahrungen mit verschiedenen zur Verfügung stehenden Betäubungsmaßnahmen bei der Kastration der Ferkel gesammelt. "Die Lokalanästhesie, ähnlich einer Zahnbehandlung beim Zahnarzt, ist wenig praktikabel, weil man bis zur Wirkung der Narkose zu lange warten muss", erklärt Brase und weist zudem auf erhöhte Wundheilungsstörungen hin. Die Injektionsnarkose mit Ketamin bzw. Azaperon sollte erst im Alter von vier Wochen erfolgen, weil bei zu kleinen Ferkeln als Folge der Nachschlafzeit zu viele Saugakte ausfallen. Häufigere Wundheilungsstörungen bei Kastration älterer Ferkel kann sie aus der Praxis nicht bestätigen. "Die Inhalationsnarkose mittels Isofluran ist nur nach einer Umwidmung des Narkosemittels möglich", betont Brase. Sie sieht die Voraussetzungen dafür aber gegeben, weil kleine Ferkel nur so schadensfrei zur Kastration betäubt werden können. Da Isofluran keine schmerzausschaltende Wirkung habe, müsse die Schmerzmittelgabe rechtzeitig zuvor erfolgen.

Gute Erfahrungen mit der Injektionsnarkose hat Jan Hemmeke gemacht, der in Niedersachsen einen Bioland-Betrieb mit 90 Sauen bewirtschaftet. Die Kastration wird dabei generalstabsmäßig organisiert. 30 Minuten vor dem mit dem Tierarzt vereinbarten Termin werden die männlichen Ferkel separiert und nach Ankunft des Tierarztes mit 0,35 ml Stressnil und 0,7 ml Ketamin betäubt. An die richtige Dosis habe man sich gewissermaßen herangetastet, ohne dass man Unterschiede zwischen verschieden großen Ferkeln machen müsse. Für seine Arbeit benötigt der Tierarzt etwa eine halbe Stunde. In den nächsten fünfzehn Minuten erfolgt die Kastration, die zu zweit durchgeführt wird. Nach ca. zwei Stunden können die Ferkel dann in die Bucht gelassen werden. Die Kosten für die Betäubung durch den Tierarzt betragen nach Hemmeke umgerechnet etwa 2 €. Der Zeitaufwand für ihn sei etwas höher, weil die Ferkel mit etwa 10 bis 14 Tagen schon mobiler seien. "Früher kastrieren wollen wir jedoch nicht, weil dann die Tiere zu sehr auskühlen", begründet Hemmeke den gewählten Kastrationszeitpunkt. Die Sau ist während des Kastrierens fixiert und wird zur Ablenkung gefüttert.

Erfolgreich mit Isofluran

Gerhard Maaß hat 2004 und 2007 in zwei Bauabschnitten für 48 Sauen und knapp 100 Mastplätze neu gebaut. Nach der Besichtigung einer Outdoorhaltung entschied sich Maaß für einen Hüttenstall auf einer Betonplatte. Die Sauen ferkeln dabei zunächst einzeln in wärmegedämmten Hütten ab und nach 10 bis 14 Tagen geht es ins Gruppensäugen mit jeweils drei Sauen. Maaß sieht Isofluran als guten Kompromiss für sein Stallsystem an. Beim Sortieren der Ferkel nach Geschlecht bekommen die männlichen Tiere ihre Schmerzspritze. Bis zum Eintreffen des Tierarztes vergeht so genug Zeit, dass das Mittel nach erfolgter Betäubung auch seine Wirkung entfaltet. Etwa sechs bis sieben Würfe und damit etwa 35 Ferkel werden vom Tierarzt einschließlich Auf- und Abbau der Apparatur innerhalb einer Stunde kastriert. Die Wirkung der Narkose hält ca. 15 Sekunden an, was ausreichend ist. Unmittelbar nach der Kastration kommen die Ferkel zunächst in einen mit Stroh gut ausgepolsterten Wagen. Da die Betäubung nur kurz anhält, können die Ferkel kurz darauf wieder in die Buchten verbracht werden. Aufgrund der Außenklimabedingungen in seinem Stall kommt die Injektionsnarkose mit der wesentlich längeren Narkosedauer für Maaß nicht in Frage. Von dem Verfahren zeigt sich auch der Tierarzt von Gerhard Maaß, Dr. Wilhelm Hemkemeyer, überzeugt. Jährlich betäubt er und kastriert er rund 5.000 Ferkel mit Isofluran und noch keines ist infolge der Narkose verstorben. Auch ein stärkeres Nachbluten von narkotisierten Ferkeln hat er bisher nicht beobachtet.

Naturlandbetriebe: Impfung gegen Ebergeruch

Auch in der ökologischen Schweinemast wird die Impfung gegen Ebergeruch diskutiert und derzeit in mehreren Naturland-Betrieben erprobt. Dr. Elisabeth Banholzer von der Zoetis Deutschland GmbH empfiehlt für die Praxis die Anwendung eines vereinfachten Impfschemas. "Wenn man bei Einstallung in die Mast erstmalig impft und fünf Wochen vor Schlachtung der ersten Tiere erneut impft, hat man ab Ablieferung der ersten Tiere fünf Wochen Zeit zum Abliefern", so Banholzer. Dabei wirkt die erste Impfung als Vorbereitung des Immunsystems und hat noch keine Auswirkungen auf Geschlechtsgeruch und Verhalten der Eber. Die Zweitdosis führt schlagartig zur Produktion von Antikörpern gegen das körpereigene Hormon GnRF.

"Dies führt zu einer vorübergehenden immunologischen Unterdrückung der Hodenfunktion und ebertypische Verhaltensweise werden reduziert", berichtet Banholzer. Die Impfung hat auch Wirkung auf den Stoffwechsel, denn geimpfte Tiere hatten in Versuchen von der zweiten Impfung bis zur Schlachtung rund 200 Gramm höhere Tageszunahmen und auch die Futterverwertung war deutlich besser. Nur wenn die Schlachtung später als zehn Wochen nach der zweiten Impfung erfolge, müsse eine dritte Impfung verabreicht werden. Bei zweimaliger Impfung betragen die Impfkosten laut Banholzer 4 € bis 4,50 € je Tier.

Dabei sieht die Referentin die Lebensmittelsicherheit als gewährleistet an, denn das eingesetzte Mittel habe keine hormonelle und pharmakologische Wirkung und die Immunreaktion erfolge ausschließlich über die Injektion und könne nicht oral erfolgen. Einzelne Praktiker haben die Impfung schon angewendet, um damit beispielsweise Binneneber oder Alteber vermarktungstauglich zu machen. Einig ist man sich, dass die Impfung marketingtechnisch begleitet werden muss, damit die Verbraucher das Verfahren auch akzeptieren. Nach einer Phase der Ablehnung scheinen erste Lebensmittelketten sich die Impfung gegen Ebergeruch als Alternative zur betäubungslosen Kastration vorstellen zu können.

Fazit: Alles hat sein Für und Wider

Hinsichtlich des Umgangs mit der Ferkelkastration gibt es in der Bio-Branche keine einheitliche Vorgehensweise. Vielleicht muss das auch nicht sein, denn alle Verfahren haben ihre Vor- und Nachteile und je nach individueller Situation eignet sich mal das eine, mal das andere Verfahren besser. Viele ökologisch wirtschaftende Landwirte haben für sich ohnehin längst ihre eigene Lösung gefunden. Einig ist man sich, dass man über eine Kastration ohne Betäubung nicht mehr diskutieren muss.

Quelle: DGS-Magazin, 18/2016

Weitere Informationen

Kontakt

Christian Wucherpfennig
Ökoteam Landwirtschaftskammer NRW
Tel.: 02821-996-177
E-Mail: christian.wucherpfennig@lwk.nrw.de

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