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Schauen, wie‘s den Tieren geht

11.09.2020

In einem Projekt haben Schweinehalter mithilfe des KTBL Indikatoren überprüft, wie es auf ihren Betrieben um das Thema Tierwohl bestellt ist. Ergebnis: Die Indikatoren sind praktikabel und unterstützen den Landwirt bei der Beurteilung der Situation. Bei regelmäßiger Erhebung können negative Entwicklungen erkannt und frühzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Ulrike Westenhorst, Dr. Karl Kempkens und Sabine Schütze, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, sowie Ute Knierim und Jeannette Lange, Universität Kassel, erläutern die Erfahrungen mit der betrieblichen Eigenkontrolle.

Fühlen sich die Tiere im Stall wohl? Sind sie gesund? Wenn ein Tierhalter dies möglichst objektiv und zuverlässig beurteilen will, braucht er Indikatoren. Diese müssen aussagefähig sein und der Landwirt muss sie mit vertretbarem Aufwand erheben können. Die Fragen, wie es um das Tierwohl auf den Höfen bestellt ist und wie Indikatoren im Praxisalltag genutzt werden können, um das Tierwohl zu verbessern, haben 14 schweinehaltende Bio-Betriebe in Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit ihrem Vermarkter Biofleisch NRW e.G., der Landwirtschaftskammer NRW und der Universität Kassel in einem Projekt bearbeitet. Grundlage der Erhebung waren die im KTBL-Praxisleitfaden 2016 vorgeschlagenen Tierschutzindikatoren für die betriebliche Eigenkontrolle, siehe Tabelle 1. Daneben wurden weitere Untersuchungen durchgeführt, etwa Futteranalysen oder Blutuntersuchungen durch den Schweinegesundheitsdienst.

In etwa halbjährlichem Abstand bewerteten die Landwirte ihre Tiere anhand der Indikatoren selbst. Dabei wurden sie im Projekt von einer Beraterin begleitet. Weitere Informationen stammten vom Schlachthof, aus dem IQ-Agrar-Portal und der HIT-Datenbank. Durch den Vergleich mit zuvor festgelegten Orientierungswerten wurde jeder Indikator in Form einer Ampelbewertung grafisch dargestellt: grün = im Zielbereich; gelb = noch akzeptabel, aber Ursachensuche und erste Maßnahmen empfohlen; rot = dringender Handlungsbedarf. Die Auswertung der Daten vor Ort gab den Schweinehaltern eine direkte Rückmeldung. Anhand der Ergebnisübersicht legten die Landwirte fest, in welchen Bereichen sie Maßnahmen zur weiteren Verbesserung ergreifen, und wie sie dabei vorgehen wollten.

Datenherkunft

Indikator

Zielbereich

Alarmschwelle

Tierärztliche Abgabebelege, HIT, QS¹

Therapie-Index

≤ 0,5

> 2

Eigene Aufzeichnungen²

Tierverlustrate

≤ 2%

> 5%

Erhebung an Tieren bei Einstallung¹

Tiere mit Schwanzverlust                          (mindestens ein Drittel der Originallänge fehlt)

≤ 3%

> 10%

Erhebung an Tieren im Stall

 

Kümmerer

≤ 2%

> 6%

Tiere mit Hautverletzungen

≤ 3%

> 10%

Tiere mit Ohrverletzungen

≤ 2%

> 5%

Tiere mit Schwanzverletzungen

≤ 2%

> 10%

Tiere mit Lahmheit

≤ 1%

> 5%

Vom Schlachthof zurückgemeldete Befunde¹

Tiere mit Lungenentzündungen

≤ 5%

> 20%

Tiere mit Brustfellentzündungen

≤ 3%

> 10%

Tiere mit Herzbeutelentzündungen

≤ 3%

> 10%

Tiere mit Leberveränderungen

≤ 10%

> 20%

Tiere mit Gelenkentzündungen

≤ 1%

> 5%

Tiere mit Abszessen

≤ 1%

> 5%

Notgetötete/ untaugliche Tiere

≤ 0,5%

> 2%

¹ der letzten sechs Monate oder ² der letzten zwölf Monate

Produktions- bereich

Datenherkunft

Indikator

Zielbereich

Alarmschwelle

Sauen

Tierärztliche Abgabebelege, HIT, QS¹

Therapieindex

≤ 3

> 5

Sauenplaner, eigene Aufzeichnungen²

Tierverlustrate

≤ 5%

> 9%

Durchschnittliche Wurfzahl

≥ 6

> 5

Abortrate

≤ 1%

> 2%

Umrauscherquote

≤ 10%

> 15%

Erhebung an Tieren im Stall

Sauen mit Nestbaumaterial

100%

> 98%³

Sauen mit Stereotypien

0%

> 5%³

Sauen mit Hautverletzungen (stark)

≤ 5%

> 15%³

Anteil zu magerer Sauen

≤ 5%

> 15%³

Sauen mit Schulterläsionen

≤ 1%

> 5%³

Sauen mit Verletzungen an Zitzen und Gesäuge

≤ 1%

> 5%³

Sauen mit Schwellungen an den Beinen

≤ 3%

> 10%³

Sauen mit Klauenveränderungen

≤ 3%

> 10%³

Sauen mit Lahmheit

≤ 1%

> 5%³

Saugferkel

eigene Aufzeichnungen²

Tierverlustrate

  • Tot geboren
  • Verendet, getötet

 

≤ 4%

≤ 12%

 

> 8%

> 18%

Erhebung an Tieren im Stall

Kümmerer

≤ 3%

> 10%

Ferkel mit Verletzungen am Kopf

≤ 5%

> 15%

Ferkel mit Verletzungen an den Karpalgelenken

≤ 10%

> 20%

Aufzucht- ferkel

eigene Aufzeichnungen¹,²

Therapie-Index

≤ 2

> 6

Tierverlustrate

≤ 3%

> 5%

Erhebung an Tieren im Stall

Kümmerer

≤ 3%

> 6%

Ferkel mit Hautverletzungen

≤ 3%

> 10%

Ferkel mit Ohrverletzungen

≤ 1%

> 5%

Ferkel mit Schwanzverletzungen

≤ 1%

> 5%

Ferkel mit Lahmheit

≤ 1%

> 5%

¹ der letzten sechs Monate oder ² der letzten zwölf Monate

³ bei niedrigen Sauenzahlen mindestens zwei Sauen ohne Nestbaumaterial oder zwei betroffene Sauen, da bei niedrigen Tierzahlen bereits ein Tier eine hohe Prozentzahl ergibt und diese daher nicht aussagekräftig ist

Optimierungschancen klar erkannt

Wie die Erhebungen zeigen, hat jeder Betrieb sein individuelles Stärken-Schwächen-Profil. Dennoch waren einige Trends über die Betriebe hinweg zu erkennen:

  • Bei den Ferkelerzeugerbetrieben zeigten sich klare Stärken im Bereich des Tierverhaltens. Bei den Sauen waren beispielsweise keinerlei Stereotypen erkennbar und es war stets ausreichend Stroh für den Nestbau vorhanden. Bis auf wenige Ausnahmen wurden keine stark verkratzten oder verwundeten Tiere beobachtet, was für eine gute Gruppenführung und ausreichende Ausweichmöglichkeiten der Sauen im Wartestall spricht. Der Anteil von Fundament- und Klauenproblemen war gering. Lahmheiten und Schwellungen an den Beinen der Tiere kamen höchstens vorübergehend bei Einzeltieren vor, aber niemals als Bestandsproblem.
  • Weniger gut sah es bei den Saugferkelverlusten und -verletzungen aus. Die Ferkelverluste überschritten auf fast allen Höfen den Zielwert, hier suchten die Tierhalter gemeinsam mit den Beraterinnen betriebsindividuell nach Ursachen und Lösungen. Ein Grund mag in der Kondition der Muttersauen liegen, mehrere Betriebsleiter stellten etwas zu dünne Sauen mit BCS 2 in den verschiedenen Abschnitten fest. Auch die Beifütterung der Saugferkel ist verbesserungswürdig, hier haben die in Öko-Qualität verfügbaren Milchpulver nicht immer die nötigen Qualitäten.
  • Die Mastbetriebe lagen beim Antibiotika-Einsatz über die gesamte Projektlaufzeit im grünen Bereich. Bei den in diesem Zusammenhang mit zu betrachtenden Tierverlusten erreichten die meisten Betriebe den Zielbereich von durchschnittlich 1,8 % Verlusten, genauso wie beim Anteil Kümmerer und lahmer Tiere. Auch am Schlachthof war die Anzahl verworfener Tiere sehr gering (0,1 %) und es gab nahezu keine Gelenkentzündungen.

Mit Bezug auf das häufig diskutierte Problem des Schwanzbeißens wurden im Mittel bei 2,7 % der durchweg unkupierten Tiere Schwanzverletzungen festgestellt, häufig kurz nach der Aufstallung in die Mast. Hier bestand zwischen den Betrieben eine große Spannbreite von keinerlei Problemen bis hin zu einem regelmäßigen Auftreten von verletzten Tieren. Positiv zu bewerten ist, dass die Problematik durch eine verstärkte Aufmerksamkeit und verschiedene Maßnahmen verbessert werden konnte, dabei sind jedoch Konsequenz und Durchhaltevermögen nötig.

Eingesetzte Tierwohlindikatoren für Schweine

Sauen: 
Antibiotikaeinsatz (Therapie-Index), Verluste, Umrauscher, Aborte, Wurfzahl, Schlachtbefunde, Nestbaumaterial, Stereotypien, Hautverletzungen, Unterkonditionierung, Schwellungen an den Beinen, Ektoparasiten, Lahmheit, Schulterläsion, Verletzungen an Zitzen und Gesäuge, Klauenveränderungen, Wasserversorgung
Saugferkel: 
Verluste, Kümmerer, Hautverletzungen am Kopf und an den Karpalgelenken,
Aufzuchtferkel und Mastschweine: 
Antibiotikaeinsatz (Therapie-Index), Verluste, Zunahmen, Teilschwanzverlust, Kümmerer, Hautverletzungen, Ohrverletzungen, Schwanzverletzungen, Ektoparasiten, Lahmheit, Wasserversorgung                    
Mast: Schlachtbefunde Lungen-, Brustfell-, Herzbeutelentzündungen; Leberveränderungen; Gelenkentzündungen; Abszesse; notgetötete/untaugliche Tiere
 

Die größte Herausforderung für die meisten Mastbetriebe war im Komplex der Lungen-, Brustfell- und Herzbeutelentzündungen zu sehen. In rund der Hälfte der Fälle wurden hier die Zielwerte am Schlachthof überschritten. Die vermuteten und zum Teil auch ermittelten Ursachen waren sehr unterschiedlich, begonnen von spezifischen Infektionserregern über zu verbessernde Haltungsbedingungen, vor allem Zugluft im Liegebereich, bis hin zu Parasitenbelastung, wie der Wanderung der Spulwurmlarven durch die Lungen. Gerade letztere ist in vielen Betrieben ein Problem, das aber über die Projektlaufzeit gemindert werden konnte.

Leitfaden ist umsetzbar

Der KTBL-Leitfaden zur Eigenkontrolle, zu finden unter KTBL Tierwohlbewertung/ Schwein, ist eine hilfreiche Grundlage für Erhebungen auf den Betrieben, dies hat das Projekt gezeigt. Er ermöglicht den Tierhaltern, die Situation auf dem eigenen Betrieb objektiv zu erfassen. Sicherlich schaut der Landwirt beim täglichen Stallrundgang jedes Tier an; mithilfe des Leitfadens kann aber eher eine gesamtbetriebliche Einschätzung vorgenommen werden und er hilft, Bereiche anzuschauen, die im Betriebsalltag nicht immer im Blick liegen. Hierdurch können negative Entwicklungen frühzeitig erkannt werden, bevor es möglicherweise zu deutlich sichtbaren Problemen in der Herde oder bei den Tierleistungen kommt.

Zu Beginn empfiehlt es sich, den gesamten Indikatorenkatalog einmal für seine Herde durchzugehen. Insbesondere für die Ferkelerzeuger ist das mit einem durchaus hohen Arbeitsaufwand von mindestens vier Stunden inklusive der Auswertung verbunden. Für Mastbetriebe liegt der Aufwand je nach Bestandsgröße bei etwa zwei Stunden. Relativ schnell wird sich für den Betrieb herausstellen, in welchen Bereichen es gut läuft und wo es Verbesserungspotenzial gibt. Dann spricht wenig dagegen, sich im Folgenden auf die Indikatoren zu beschränken, bei denen es noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Dennoch sollte der Tierhalter in regelmäßigen Abständen den gesamten Katalog durchgehen, um mögliche Veränderungen nicht zu verpassen.

Es hat sich im Projekt als vorteilhaft erwiesen, dass Landwirt und Beraterin die Daten gemeinsam erfassen. Zum einen bekommt die Datenerhebung dann einen festen Platz im Terminkalender, zum anderen diskutieren beide Seiten häufig schon beim gemeinsamen Stallrundgang über mögliche Lösungsansätze bei auffälligen Indikatoren. Außerdem wurden die halbjährlichen Abstände als zu lang empfunden, um Routine und Sicherheit in der Erhebung zu entwickeln. Eine möglichst einheitliche Erfassung ist aber wichtig, damit die Einordnung der Ergebnisse gegenüber Orientierungswerten oder anderen Betrieben aussagekräftig ist.

Die regelmäßigen Treffen im Projekt haben die Landwirte positiv bewertet, hier konnten sie die Ergebnisse vergleichen, diskutieren und weitere Lösungsansätze entwickeln. Es ist also förderlich, das Ganze im Rahmen eines Arbeitskreises durchzuführen.

Quelle: LZ Rheinland Nr. 36/2020, 03. September 2020

Weitere Informationen

Praxisnahes Projekt "EIP-Bioschweine"

Das Projekt fand im Rahmen der europäischen Innovationspartnerschaft (EIP) statt und wurde gefördert durch den europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums unter Beteiligung des Landes Nordrhein-Westfalen. Der offizielle Titel des EIP-Projektes lautet „Tierwohl und Tiergesundheit in der Bioschweinehaltung“, Kurztitel "EIP-Bioschweine".

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