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Bioland-Schweinetagung Teil 2: Herausforderung Tierwohl

29.03.2023

Im zweiten Teil der Bioland-Schweinetagung wurden konkrete Beispiele aus der landwirtschaftlichen Praxis behandelt. Über allem stand das Thema Tierwohl auch in ökologischen Haltungsformen.


Wirkung der Fermentierung

Dr. Roland Scholten, Inhaber des Unternehmens Dr. FERM KFT mit Sitz in Budapest, beschäftigt sich seit 2010 mit Fermentierung. Durch Fermentierung lasse sich die Verdaulichkeit der Futtermittel erhöhen. „Durch Toastung der Sojabohnen können nicht alle antinutritiven Substanzen inaktiviert oder verdaulich gemacht werden. Mit der Fermentierung kann die Verdaulichkeit der Aminosäuren noch weiter erhöht und der pH-Wert abgesenkt werden“, zeigte Scholten die Vorteile des Verfahrens auf. In einem konventionellen Sauen-Betrieb konnte in eigenen Versuchen bei einem Fermentierungsanteil von 30 % etwa 7,5 % Futter eingespart werden bei gleichzeitig leicht verbesserten Leistungen. Ziel des Unternehmens ist es, eine trockene Fermentierung zu entwickeln, damit auch Betriebe ohne Flüssigfütterung das Verfahren nutzen können.

2012 bauten Wilhelm Schulte-Remmert und sein Sohn Sebastian neue Stallungen für 180 Muttersauen nach Bioland-Richtlinien, die 2019 um eine Strohhalle und ein Futterlager, in dem 320 t Getreide gelagert werden können, erweitert wurden. Im 3-Wochen-Rhythmus werden 24 Sauen in 8 Gruppen gehalten. Als Genetik kommen Topigs 70 mit Pietrain als Endstufeneber zum Einsatz. „Im Jahr 2014 starteten wir mit nur 19 abgesetzten Ferkeln je Sau und Jahr. Heute liegen wir bei gut 23“, freuten sich Schulte-Remmerts. Zur Verbesserung der Leistungen hat eine Senkung der Mykotoxinbelastung beigetragen, die u.a. mit zweifacher Reinigung, Umlauftrockung und Belüftung aller Silos realisiert wurde. Zudem wird seit vier Jahren ein Schwadlüfter für das gesamte Stroh genutzt.

Im Wartestall war zunächst geplant, mit verschiedenen Silagen zu arbeiten. Die hohen Calciumgehalte im Kleegras wirkten sich aber negativ aus. Eine Verbesserung der Verdaulichkeit wird mit Kanne Brottrunk angestrebt. „Im Abferkelstall leitet uns immer der Gedanke eines gesunden Darms der Tiere“, betonte Wilhelm Schulte-Remmert. Daher enthält die Ration unter anderem 2 % Bierhefe für die B-Vitamine und 15 % Mais als schnell verfügbare Stärke. „Leider mussten durch die Futterknappheit im vergangenen Jahr einige Komponenten eingesetzt werden, die nicht die volle Qualität hatten, was zu einer Verringerung der Leistungen um ein Ferkel führte“, berichtete Sebastian Schulte-Remmert. „Aminosäurengehalte von 9,8 g Lysin und mindestens 6 g Methionin/Cystin lassen sich nur mit hohen Rohproteingehalten erreichen, was zu einer Leberbelastung der Sau führen kann“, warnte Wilhelm Schulte-Remmert und wäre daher für eine bessere Verdaulichkeit der Futtermittel dankbar. „Außerdem sind Toxinbinder Pflicht“, betonte er und setzt hier auf Bentonite. Die Ferkel werden zweiphasig gefüttert, so dass ab einem Gewicht von rund 15 bis 20 kg auf etwas weniger hochwertige Komponenten umgestellt wird. Dabei funktioniere die Ad-libitum-Fütterung gut, weil die Ferkel durch das Fressen bei der Sau gut trainiert seien. Über die Jahre konnte die Futterverwertung in der Ferkelaufzucht auf 1:2,41 verbessert werden, was auch die Wirtschaftlichkeit positiv beeinflusst.


Betäubung mit Edelgasen eine Alternative?

Vor der Schlachtung kommt die Betäubung, aber welches Betäubungsverfahren ist das beste? Auf diese Frage versuchte Sebastian Zimmermann vom Max-Rubner-Institut in Kulmbach eine Antwort zu geben. Die Zulässigkeit der möglichen Betäubungsverfahren ist dabei in der EG-Verordnung 1099/2009 festgelegt. „Bei der elektrischen Durchströmung muss man sehr sorgfältig arbeiten, um das im Vergleich zum Schädel kleine Gehirn auch exakt treffen zu können“, so Zimmermann einleitend. „Es soll das klinische Bild eines epileptischen Anfalls erzeugt werden, so dass der Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit erreicht wird“, skizzierte er eine erfolgreiche Elektrobetäubung. Dabei sollte auf die Unterschiedlichkeit der Tiere geachtet werden. „Bio-Schweine aus Außenklimahaltungen können eine größere Bewollung aufweisen, was eine Anpassung der Geräte notwendig machen kann“, erklärte Zimmermann daher auch. „Die Betäubung beim Einsatz von Kohlendioxid ist gut“, berichtete er weiter, allerdings zeigten viele Schweine eine aversive Reaktion bei Gaskontakt, die jedoch bei manchen Tieren auch ausbleibe, ohne dass man bisher eine genaue Erklärung dafür hat. „Die aktuelle Forschung geht in Richtung Edelgase“, zeigte Zimmermann mögliche Alternativen auf.

Dabei müssen die Schweine aber länger in der Betäubungseinrichtung verbleiben. Denkbar wäre ein zweiphasiges Verfahren mit Edelgasen zu Beginn und mit Kohlendioxid im Anschluss für eine höhere Betäubungstiefe. Mit Helium sei eine gute Betäubung möglich, aber es ist sehr teuer und nicht immer verfügbar. Ein ideales Verfahren zur Betäubung gebe es somit nicht, denn alle hätten ihre Schwachstellen. „Daher gilt es, die bestehenden Verfahren zu optimieren“, betonte Zimmermann abschließend.


Tierwohlindikatoren anwenden

Johanna Witt von der Universität Kiel beschäftigt sich mit Tierwohl und zeigte in ihrem Vortrag Wege auf, wie man einerseits von der „Zollstockkontrolle“ wegkommt, andererseits wiederholbare, geradezu objektive Parameter zur Tierwohlbeurteilung zur Verfügung hat. Ein möglicher Tierwohlindikator könnte Ammoniak sein. Schon ab 15 ppm in der Luft sind gesundheitliche Beeinträchtigungen möglich. Bei den Untersuchungen zeigten sich aber große Unterschiede zwischen Betrieben mit Einfluss des jeweiligen Stalls und der Tageszeit, so dass Einzelmesserungen nur eine geringe Aussagekraft haben. Auch konnte bei den Untersuchungen kein Zusammenhang zwischen dem Ammoniakgehalt und Lungenbefunden festgestellt werden, wobei die gemessenen Werte in den Betrieben aber auch relativ niedrig lagen. Als sehr aussagekräftig hat sich hingegen der Zusammenhang zwischen Husten und Lungenbefunden gezeigt. Auch das Gewicht der Nebennieren könnte ein Parameter sein, da diese das Stresshormon Cortisol produzieren, so dass Tiere aus Systemen mit hohem Tierwohlstandard leichtere Nebennieren haben müssten. Aber auch hier zeigten sich große Unterschiede zwischen Einzeltieren. Inwieweit sich allgemein daher Schlachtbefunde für eine Beurteilung eignen, ist nach Witt anhand der vorliegenden Ergebnisse noch nicht zu bewerten.


Spulwurmbelastung nachhaltig senken

Steffen Döring von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen konnte mit Beispielsbetrieben belegen, dass eine nachhaltige Spulwurmbekämpfung auch im Bio-Betrieb möglich ist. Eine geringe Verwurmung ist bei Bio-Betrieben erschwert, weil keine wirksamen Desinfektionsmittel zur Verfügung stehen und beim Entmisten der Ausläufe der Mist immer wieder von Gruppe zu Gruppe verteilt wird. Durch Umstellung auf Rein-Raus, konsequenter Reinigung und Desinfektion sowie Anpassung der Zeitpunkte der Entwurmung und Verbesserung der Zusammenarbeit mit dem Ferkelerzeuger konnte ein Betrieb den Anteil verworfener Lebern von im Schnitt 25 auf nur noch 0 bis 14 % senken. „In der Folge konnten aber aufgrund geringerer Stallauslastung 15 % weniger Tiere gemästet werden“, berichtete Döring, der die Maßnahmen aber dennoch für richtig hält. Bei einem weiteren Betrieb wurden Management und Haltung verändert. Im Auslauf wurden die zwei Mastgruppen durch eine Mauer getrennt und es wurde auf ein anderes Entwurmungsmittel umgestellt, was zu einer Verringerung der verworfenen Lebern von zuvor 50 auf 10 % führte. Auf Nachfrage erklärte Döring: „Das Mittel aus mehreren Schlachtungen ist aussagekräftig, insbesondere, wenn innerhalb des gleichen Schlachthofs verglichen wird.“ Auch seien die Schlachthöfe aus seiner Sicht motiviert, den Landwirten eine aussagekräftige Rückmeldung zu geben.


Christian Wucherpfennig,

Landwirtschaftskammer NRW

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