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Die Umstellung auf den Ökolandbau planen

07.04.2022

Man kann bei der Frage, ob eine Umstellung für den eigenen Betrieb in Frage kommt, selbstverständlich zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das zeigen unsere Beispiele im Folgenden. Sich aber nicht einmal mit den Möglichkeiten, Chancen und Risiken einer Umstellung für seinen Betrieb beschäftigt zu haben, wäre ein unternehmerischer Fehler. Dies gilt gerade in Zeiten wie diesen, in denen landwirtschaftliche und gartenbauliche Betrieb vor zahlreichen Herausforderungen stehen.

Die Umstellung auf den Ökolandbau sollte wohl überlegt und im Idealfall aus einer Situation der wirtschaftlichen Stärke heraus in Angriff genommen werden. Im Ergebnis kann man aber eines für alle Betriebe feststellen, die den Schritt gewagt haben: Sie bereuen trotz der Überwindung mancher Schwierigkeiten die Umstellung nicht und sehen im Ökolandbau eine gute Möglichkeit zur Existenzsicherung. Das sollte Mut machen.

Wie sieht die Bereitschaft zur Umstellung auf eine ökologische Bewirtschaftung aus? Die LZ Rheinland hat mit rheinischen Landwirten über ihre Beweggründe für oder gegen eine Umstellung gesprochen, drei der insgesamt sieben Statements finden Sie im Folgenden an erster Stelle. Darüber hinaus haben wir drei weitere Landwirtinnen und Landwirte, die ihre Betriebe kürzlich auf Ökolandbau umgestellt haben und just aus der Umstellungsphase heraus sind, befragt: Sie berichten von den positiven Erfahrungen der vergangenen Jahre.

Wir haben alle sechs Statements hier für Sie zusammengestellt - lesen Sie selbst......

 

 

 


Schwieriger Absatz steht im Weg

Dominik und Dr. Jessica Paßmann, Milchviehhalter aus Alfter, beide 39 Jahre

„Die Umstellung auf biologische Landwirtschaft bietet Chancen und Risiken, die jeder Betrieb für sich abwägen muss. Unser größtes Risiko beziehungsweise Bedenken gilt dem Absatz der Milch. Ohne eine Bio-Molkerei wird es nicht funktionieren – und die sind im westdeutschen Raum nicht vorhanden oder sind nicht auf der Suche nach neuen Lieferanten. Hier sehen wir wiederum eine Chance, da sich die Akteure am Bio-Milchmarkt zumindest bis heute besser beziehungsweise generell selbst regulieren und dies zu stabileren Erzeugerpreisen sowohl unterjährig als auch mehrjährig geführt hat. Gerade da, wo Investitionen anstehen oder wie bei uns vor einigen Jahren getätigt wurden, bietet ein stabiles Preisniveau eine bessere Sicherheit, um diese auch zu finanzieren. Allerdings wirkt es im Moment auf uns so, als ob der Bio-Milchmarkt eine gewisse Grenze erreicht hat – warum, darüber lässt sich nur spekulieren: Eventuell kauft der Handel günstigere Bio-Milchprodukte aus anderen EU-Ländern ein, da er hier nicht bereit ist, das höhere Preisniveau zu zahlen. Zum anderen könnte dieser "Siegelwahn", mit dem jede Molkerei oder der Lebensmitteleinzelhandel für sich wirbt, dazu führen, dass ein ähnliches Wettrüsten stattfindet wie bei den Nachhaltigkeitsmodellen der konventionellen Molkereien. Am Ende führt dies zu mehr Konkurrenz, was gut für den Verbraucher, in aller Regel aber schlecht für den Milcherzeuger ist. Umso größer der Bio-Milchmarkt wird, umso größer sehen wir die Gefahr, dass er mit den gleichen Problemen konfrontiert wird wie der konventionelle Markt.

Die eigentliche praktische Umstellung und Fortführung der biologischen Landwirtschaft sehen wir nicht als Problem an: Seit circa drei Jahren befassen wir uns mit der Umstellung und haben seitdem einige Dinge im Kleinen ausprobiert, alle mit positiven Erfahrungen. Was wir noch nicht richtig einschätzen können, ist das langfristige Ernteniveau, das nun mal geringer ausfällt als in der konventionellen Landwirtschaft. Dazu kommen die Unsicherheiten durch Wetterextreme, wie wir sie hier in den letzten vier Jahren hatten. Wenn wir das alles in Zahlen fassen, müssten wir unseren jetzigen Tierbestand von 110 Milchkühen inklusive Nachzucht um mindestens ein Drittel reduzieren. Zusätzlich müssten wir fast alle Ackerflächen zur Grundfutterprodukion nutzen. Ob dies eine Verbesserung im Sinne des biologischen Anbaus ist, ist schlecht zu beurteilen.

Einen weiteren Konflikt zwischen Chancen und Risiken sehen wir im betriebswirtschaftlichen Bereich: Wie oben genannt, schätzen wir den Bio-Milchmarkt stabiler und gleichmäßiger ein, sodass die Auszahlungspreise nicht den enormen Schwankungen unterliegen wie die des konventionellen Marktes. Aber: Mit der durch die Umstellung bedingten Reduktion der Tierzahlen würde sich unser Betriebsergebnis nur minimal verbessern und in direkter Verbindung zur Summe der Prämien stehen. Dadurch entstünde eine noch größere Abhängigkeit, die je nach politischer Willkür angepasst werden kann. Was uns fehlt, ist ein Mittelweg, der Vorteile beider Systeme verbindet und uns nicht von utopischen und ideologisch getriebenen Bedingungen in Abhängigkeit bringt.“


Simone Kühnreich, LZ Rheinland 12/2022


Mischung aus integriert und bio

Christian Boekels, Obstbauer aus Bergheim, 31 Jahre

„Ich könnte mir theoretisch schon vorstellen, unseren Betrieb auf ökologische Bewirtschaftung umzustellen. Mit der Idee beschäftige ich mich seit meiner Ausbildung, die ich in einem Bio-Betrieb gemacht habe. Da hatte ich dann immer den direkten Vergleich zwischen dem Ausbildungsbetrieb und unserem Betrieb zu Hause und habe von dort schon vieles für den eigenen Betrieb mitgenommen. Zusammen mit meinen Eltern bewirtschafte ich einen Obstbaubetrieb. Wir bauen Kirschen und Äpfel selber an und vermarkten diese sowie andere regionale Produkte in unserem Hofladen. Ich denke, unser Betrieb ist schon auf dem Weg Richtung ökologische Bewirtschaftung. Pflanzenschutz ist hierbei ja immer ein großes Thema. Chemische Pflanzenschutzmittel haben wir bei uns schon, wo es geht, ersetzt, beispielsweise beim Apfelwickler, da setzen wir sogenannte Puffer ein. Das sind Sprühdosen, die in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus ein Mittel freisetzen. In diesem Fall sind es Pheromone, die die Tiere verwirren. Diese Methode funktioniert für uns bereits sehr gut. Unsere nächste Überlegung wäre tatsächlich, beim Thema Glyphosat anzusetzen. Das ist ja auch immer ein emotionales Thema. Eine Umstellung auf mechanische Unkrautbekämpfung war vor Jahren einfach noch keine wirkliche Alternative. Mittlerweile tut sich aber vieles in der Entwicklung der Maschinen, sodass wir diese Möglichkeit immer mehr in Betracht ziehen können. Wo wir können, sind wir also bereit, immer ökologischer zu werden. Immerhin wird das Thema ökologische Bewirtschaftung gesellschaftlich auch immer relevanter. Unser Kundenstamm weiß ja, wie wir arbeiten, und ist damit zufrieden. Ich hätte also keine großen Erwartungen, dass sich in unserer Vermarktung durch eine tatsächliche Umstellung etwas verändern würde. Aber Bio genießt nun mal bei vielen ein sehr gutes Image und hat demnach natürlich auch eine gute Außenwirkung. Würden unsere Kunden das nun ausdrücklich wünschen, wäre dies natürlich ein ausschlaggebender Punkt. Bislang schätzen unsere Kunden die Kombination aus ökologischem und integriertem Anbau sehr.

Gesellschaftlich betrachtet sehe ich eine ökologische Bewirtschaftung als Zukunftsperspektive in der Landwirtschaft, wirtschaftlich gesehen finde ich das schon schwieriger. Da finde ich es sinnvoller, eine Mischung aus integriertem und ökologischem Anbau zu machen, darüber jedoch auch offen zu informieren und zu kommunizieren. Wenn alles ökologisch werden soll, dann müssen heimische Bio-Produkte von den Märkten verpflichtend gefördert und bevorzugt werden. Die Nachfrage sollte also erst mit Produkten aus Deutschland gedeckt werden, bevor Bio-Produkte aus dem Ausland zugekauft werden. Ansonsten haben heimische Bio-Produkte gegen die günstigeren aus dem Ausland keine Chance.“


Simone Kühnreich, LZ Rheinland 12/2022


Umstellung machbar, aber schwierig

Peter Iven, Ackerbauer aus Bedburg, 52 Jahre

„Nach meinem BWL-Studium in Köln mit vorausgegangener landwirtschaftlicher Lehre habe ich vor rund 20 Jahren das erste Mal mit dem Gedanken gespielt, auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Die Umstellungsberatung riet mir, den Betrieb nicht umzustellen, da der Markt für Bio-Produkte im Rheinland noch in den Kinderschuhen steckte. Der fehlende Absatz, die mehr als doppelt so hohen Gestehungskosten und ein für den Erzeuger nicht transparenter Markt – in Bezug auf eine gerechte Produktentlohnung – ließen mich dann weiterhin konventionellen Ackerbau betreiben. 2018 nahm ich erneut eine Umstellungsberatung in Anspruch und stellte im Anschluss den Betrieb auf ökologische Landwirtschaft um. Meine Beweggründe waren die Reduktion von Fungiziden und der Verzicht auf Herbizide. Schon vor der Umstellung hatten wir im Betrieb so wenig Pflanzenschutzmittel eingesetzt wie möglich. Die Umstellungsempfehlung stellte sich in der Realität nicht so positiv dar. Die Kosten der betrieblichen Umstellung in den ersten beiden Jahren der Umstellung beliefen sich je nach Kultur auf zusätzlich 2 000 €/ha und Jahr. Diese beinhalten entgangene Einkünfte durch den Wegfall finanziell ertragsstarker Produkte, durch eine vielfältigere Fruchtfolge sowie durch gestiegene Personal-, Maschinen-, Lager- und Vermarktungskosten. Mittlerweile hat sich der Betrieb zu einem Gemüse anbauenden Betrieb entwickelt und ist Bioland- und Naturland-zertifiziert. Das Thema Bio und Nachhaltigkeit ist für mich teilweise schwer miteinander zu vereinbaren. Darüber muss und sollte kritisch reflektiert werden! Ich habe das Gefühl, der Bio-Markt ist verschlossener als der konventionelle Markt. Bio wird zwar gesucht, dennoch wird man seine Erzeugnisse schwer los. Aus meiner Sicht herrscht auf dem Bio-Markt viel falscher Wettbewerb und mehr Missgunst als auf dem konventionellen Markt. Die Regularien der Verbände sowie der fehlende Austausch zwischen Erzeugern untereinander, gebündelt mit dem Handel und der Gesellschaft, machen Bio schwierig.

Aus diesem Grund sollte aus meiner Sicht mehr kritische reflektierende Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden, mit der ein Austausch zwischen Verbrauchern und Erzeugern hergestellt wird. Wichtiger ist es jedoch, eine Markttransparenz zu schaffen. Also einen Markt zu schaffen, der sich erst einmal für den landwirtschaftlichen Erzeuger darstellen muss. Man sollte jederzeit wissen, was wann, wo, in welcher Menge, zu welchen Kosten produziert wird, werden kann und werden darf. Mit diesen Informationen können nachhaltige wirtschaftliche Preise generiert werden. Diese Markttransparenz muss allen Erzeugern sowie den nachgelagerten, verarbeitenden und handelnden Stufen immer zur Verfügung stehen, damit Preisdumping, Lebensmittelverschwendung und Überproduktion vorgebeugt wird. Mit einer Markttransparenz gäbe es ein besseres Preisniveau, einen gesicherten Absatz und eine Umstellung wäre wesentlich attraktiver. Für die Zukunft sollten wir alle Erzeuger – also ökologische und konventionelle – nach Lösungen und nicht nach Strategien fragen. Die Erzeuger sollen und müssen für sich feststellen, was sie für Lösungen brauchen. Ihre Meinungen müssen aktiv ein- und abgeholt werden. Ich würde sagen, es lohnt sich schon umzustellen, allerdings sollte man sich eben über steigende Arbeitserledigungskosten im Klaren sein sowie der Tatsache bewusst sein, dass der Markt absolut nicht geordnet ist und sogar schlimmer als der konventionelle. Eine Umstellung ist per se machbar, nur eben momentan nicht tragbar.“


Simone Kühnreich, LZ Rheinland 12/2022


„Ökolandbau? Auf guten Böden erst recht!“

Peter Zurmahr, Ackerbauer in Titz

„Wir haben unseren Betrieb 2018 umgestellt. Damals haben die Kollegen gesagt: Wir trauen Dir das zu - aber: Du wirst demnächst alles voller Unkraut haben. Ich gebe zu: Ökologischen Ackerbau zu betreiben stellt deutlich höhere Ansprüche, vor allem ans technische Knowhow und das Unkrautmanagement. Man muss alle bisherigen Maßnahmen auf den Prüfstand stellen. Und auf Gunststandorten, die wir hier mit den Lößböden der Köln-Aachener Bucht haben, ist der Landwirt noch einmal mehr gefragt. Andererseits: Auf eine nachhaltige Bewirtschaftung des Bodens muss man auf jedem Standort achten, egal, ob Top-Böden da sind oder niedrige Bodenpunkte überwiegen.

Gute Erträge zu erwirtschaften ist auch mit Biolandbau möglich. Vor der Umstellung waren 10 t Weizenertrag gesetzt. Im ersten Umstellungsjahr haben wir 8,5 t geerntet, bei der letzten Ernte lagen die Weizenerträge trotz der nicht optimalen Witterung bei 7 t. Das zeigt, dass mit der Umstellung auf Öko-Ackerbau die Erträge eben nicht ins Bodenlose fallen, sondern bei nachhaltiger Bewirtschaftung und passablem Witterungsverlauf durchaus gute Erträge zu erzielen sind. Nachhaltig bedeutet dabei auch, dass die Nährstoffversorgung und die Wasserführung der Böden gesichert sind. Ich habe eine Futter-Mist-Kooperation mit einer Bio-Biogasanlage ganz in der Nähe. Kleegras und ein wenig Mais liefere ich an die Biogasanlage, dafür bekomme ich das Düngeäquivalent als Gärrest zurück, wodurch ich Nährstoffe für andere Flächen habe. Und das Kleegras bringt mir Stickstoff für die folgende Kultur. Außerdem reduziert es den Unkrautdruck auf der Fläche und hinterlässt eine gute Bodenstruktur.

Ratsam ist es, sich davon zu lösen, bei Erfolg einer Ackerfrucht in einem Jahr diese gleich im zweiten Jahr auf der doppelten Fläche anzubauen. Wenn ich dieses Jahr eine super Kartoffelernte hatte, muss das nicht zwangsläufig auch fürs nächste Jahr gelten. Es macht immer Sinn, eine vielfältige Fruchtfolge zu fahren, denn dass alles gleichzeitig schiefgeht, ist eher selten der Fall. Zudem ist die Nährstoffverfügbarkeit zu berücksichtigen, der Zukauf ist möglich, aber begrenzt!

Und da der Biomarkt ein eher kleiner Markt ist, sollte man auf jeden Fall vor der Umstellung die Vermarktung klären! Was ist gesucht und was davon kann ich auf meinem Standort anbauen? Da es keinen Plan B gibt, darf man nicht irgendwas anbauen, sondern muss die Vermarktung nach vorne stellen.

Meine Erfahrung war und ist es außerdem, dass man Jahreseffekte und Rückschläge mit einpreisen sollte. So haben wir im ersten Jahr Triticale nach Weizen in Mulchsaat angebaut, die erst super aussah, dann aber voll mit Rost war und nur noch untergepflügt werden konnte. Die Fördergelder während der Umstellung helfen, ackerbauliche Fehler in den ersten Jahren auszugleichen. Wenn die Fördergrundlage jedoch nicht sicher scheint, kann ich verstehen, dass mancher Landwirt, der mit dem Umstellungsgedanken spielt, lieber abwartet. Diese Skepsis wird zurzeit durch die Regelung zu den 4 % Stilllegung noch befeuert, die vor allem Ökolandwirte abstraft. Durch diese kontraproduktive Maßnahme gewinnt man ganz sicher keine neuen Ökolandwirtinnen und -landwirte dazu, sie macht es Umstellern nur schwieriger.

Mein Fazit nach knapp vier Jahren Ökolandbau lautet dennoch: Auch wenn man 7 t Biogetreide nicht „einfach so“ aus dem Ärmel schüttelt, so sind die Erträge auf Gunststandorten auch im Ökolandbau stabil und der Öko-Ackerbau macht auch dort ökonomisch Sinn. Und wenn man sich ganz sicher ist, aus Überzeugung handelt und die Motivation nicht allein lautet, mit Ökolandbau mehr Geld verdienen zu wollen, kann man, so wie ich, am Ende sagen: Ich würd’s immer wieder so machen.“


Meike Siebel, Landwirtschaftskammer NRW


Besonders sein mit Biosauen

Thomas und Judith Bollig, Wittfelder Hof, Wachtberg-Villip

„Wir haben mit der Umstellung unseres Gemischtbetriebs 2019 begonnen. Die 70 ha Ackerflächen sind in diesem Sommer komplett aus der Umstellung heraus, unsere Tiere - Leghennen, Masthähnchen und auch die Sauen samt Ferkel - schon länger, deren Produkte vermarkten wir als anerkannte Bioland-Produkte in unserem Hofladen. Anlass, überhaupt über eine Neuausrichtung des Betriebs nachzudenken, gab 2019 die Betriebsübergabe. Damals stellte sich die Frage, was wir machen und wie wir den Hof wirtschaftlich in die Zukunft führen können. Der Ackerbau lässt sich in unserer Region nicht weiter ausdehnen. Und für die bis dahin 330 konventionell gehaltenen Sauen boten sich nur zwei Alternativen: Vergrößern und spezialisieren - oder aufgeben. Es fehlte außerdem an Ferkelaufzuchtplätzen, die Ferkelgruppen waren zu klein für die Vermarktung, die Ferkelpreise zu dieser Zeit wenig interessant. Der Druck, immer größer zu werden, war da und die damit verbundenen Kosten nicht zu stemmen.

Wir haben uns für die Diversifizierung entschieden und auf Biosauenhaltung umgestellt.

Während der Umstieg auf dem Acker relativ schnell umzusetzen war und mit neuem Striegel und Hacke inzwischen Getreide und Leguminosen für die eigene Futtergrundlage produziert werden, waren die nötigen Umbauten in den Stallungen etwas zeitaufwändiger. Dazu haben wir vorher den einen oder anderen Umstellertag besucht, uns ein paar Biobetriebe angeschaut und dann ziemlich zügig beschlossen, dass wir in den Biobereich wechseln werden.

Für die nötigen baulichen Maßnahmen konnten wir auf unsere Altgebäude zurückgreifen und diese umnutzen. An den alten Sauenstall haben wir Ausläufe an- und umgebaut, sodass wir dort heute 80 Biosauen halten mit entsprechender Ferkelaufzucht bis zu einem Gewicht von rund 30 kg. Übrigens haben wir eine Gruppenabferkelung mit Gruppensäugen, eine auch für Biosauen besondere Haltungsform.

Etwas schwierig hat sich am Anfang die Suche nach Mästern für unsere Bioferkel gestaltet, wir haben die Ferkel zunächst an mehrere Betriebe abgegeben. Das hat sich schnell grundlegend geändert, wohl auch wegen Corona: Die Nachfrage stieg schnell, Bioferkel sind aktuell sehr gesucht, da es nur wenige Biobetriebe mit Sauenhaltung gibt, die vor allem auch größere Ferkelpartien liefern können. So haben wir recht bald zwei feste Abnehmer finden können, die die Mastschweine am Niederrhein bei Thönes Naturverbund schlachten lassen.

Wir haben auch die Masthähnchen sowie die Legehennen mit in die Umstellung genommen, sodass wir neben dem Bioschweinefleisch auch unsere Masthähnchen und die Eier im eigenen Hofladen vermarkten - denn für diesen galt und gilt das Gegenteil: Diversifizierung statt Spezialisierung. Da wir den Hofladen schon mehrere Jahre führen, haben wir einen festen Kundenstamm, der ohnehin zum großen Teil schon „Bio“ eingestellt war; die anderen konnten wir relativ problemlos an das Thema „Bio“ heranführen und von der Bioqualität der Produkte überzeugen, auch von den höheren Preisen. Den Kunden ist die regionale Herkunft der Produkte enorm wichtig, sodass kaum jemand abgesprungen ist. Im Gegenteil: Während der Coronazeit sind noch einige Neukunden hinzugekommen.

Wir sind heute sehr froh, unseren Betrieb auf Ökolandwirtschaft umgestellt zu haben. Natürlich auch der guten Ferkelpreise wegen im Vergleich zur konventionellen Haltung. Die ersten Ferkel wurden für einen doppelt so hohen Erlös wie im konventionellen verkauft, inzwischen ist es schon das Vierfache.

Zu berücksichtigen ist bei diesem positiven Fazit aber, dass wir mit der guten Lage unseres Hofes in Stadtnähe zu Bonn und Meckenheim und der Erfahrung mit Direktvermarktung und der Kundenklientel gute Voraussetzungen hatten. Außerdem spielt die Möglichkeit, Altgebäude umzunutzen und viel Eigenleistung beim Umbau einzubringen, eine große Rolle bei den Kosten: Diese liegen für einen Biostall deutlich höher als für konventionelle Ställe und waren für uns nur wegen der genannten Gründe finanzierbar. Das sollte man in seine individuellen Kalkulationen und Umstellungsüberlegungen unbedingt mit einbeziehen. Ebenso sollte ein Umsteller, egal ob Ackerbau- oder Viehbetrieb, nicht vergessen, dass die ersten Öko-Erlöse und die erste Prämie mit Zeitverzögerung erfolgen. Die Zwischenzeit muss durch die Bank oder ein vorhandenes Finanzpolster überbrückt werden. Für uns war es trotz allem die beste Entscheidung und der richtige Weg, den Betrieb fortzuführen.“


Meike Siebel, Landwirtschaftskammer NRW


„Wir nehmen uns fünf Jahre Zeit“

Jürgen Henschel, Gut Giffelsberg, Kerpen

„Wir haben vor der Umstellung unseres Betriebes viel diskutiert, wussten aber, was auf unseren Flächen möglich ist und dass wir ziemlich gute Voraussetzungen dafür haben, sowohl den Ackerbau, als auch die Fleischrinderhaltung auf Bio umzustellen. Wir bewirtschaften auf dem Gut Giffelsberg insgesamt rund 350 ha, davon 80 ha extensives Grünland. Die Fruchtfolge auf dem Acker ist Grassamenvermehrung / Klee, Körnermais, Weizen / Dinkel, Pflückerbsen, Leguminosen, Kartoffeln, Weizen / Dinkel, Wintergerste / Weizen.

Zusammen mit der Beratung der Landwirtschaftskammer haben wir die Umstellung durchgerechnet und zusätzlich habe ich noch eigene Kalkulationen angestellt, die sich jetzt, mitten im zweiten Jahr, als realistischer erweisen. Jedenfalls waren und sind wir keine Hasardeure, nach dem Motto „no risk, no fun“, sondern haben auch vor der Umstellung schon gut gewirtschaftet und ausreichend Liquidität mit in den Prozess gebracht. Daher war es auch kein Problem, die notwendigen Maschinen anzuschaffen, wie Hacke und Striegel, und damit das Unkrautmanagement anzupassen. Und mit 900 t Lagerkapazität ist es möglich, Getreide nicht direkt ab Feld, sondern erst später zu verkaufen. Und wenn man dann auch noch rechtzeitig für Dünger gesorgt hat - und das gilt vor allem für dieses Frühjahr -, kann man beruhigter wirtschaften. Im umgekehrten Fall steht man natürlich schlechter da, egal, ob als Bio- oder als konventioneller Landwirt; der Teufel steckt, wie immer, im Detail! Jedenfalls bin ich überzeugt davon, was ich tue, was ich als Grundvoraussetzung sehe, um diesen Systemwechsel auch mit Sinn und Verstand zu vollziehen.

Wir sind jetzt im zweiten Umstellungsjahr, erweitern unsere Fruchtfolge deutlich und entwickeln uns Schritt für Schritt von einem ehemals Low-Input-Betrieb mit zwei Arbeitskräften zu einem sehr vielseitig aufgestellten Acker- und Gemüsebaubetrieb, der einen Lehrling und zahlreiche Saisonarbeitskräfte beschäftigt. Das erfordert ein gutes Personalmanagement, auch das sollte man vorher wissen. Und wenn es, wie bei uns, neben dem normalen Ackerbau noch um Saatgutproduktion geht, ist Wasser schnell der begrenzende Faktor, dem man zum Beispiel durch einen eigenen Brunnen Rechnung tragen sollte.

Bei all dem ist es wichtig, dass die Förderung des Ökolandbaus weitergeht, die die Ertragsrisiken, zum Beispiel durch Trockenheit, abpuffert. Wenn es wirklich und ehrlich gesellschaftlich gewollt ist, den Anteil des Ökolandbaus auf über 20 %, im Bund sogar über 30 % zu bringen, dann steckt in der Umstellungsförderung noch viel Arbeit und Engagement - dass mehr Betriebe umstellen, ist kein Selbstläufer und klappt ganz sicher nicht, solange der Preisunterschied zwischen konventionell und ökologisch erzeugten Produkten nicht noch deutlich größer ist als zurzeit. Außerdem ist der Biomarkt ein empfindliches Pflänzchen! Hier muss mit Marktorientierung vorgegangen werden.

Wir nehmen uns nun fünf Jahre Zeit, um die Folgen der Umstellung zu beobachten und zu bewerten und wenn alles schieflaufen sollte, revidieren wir unsere Entscheidung. Doch auch das ist nicht so einfach, da landwirtschaftliche Betriebe sehr komplexe Gebilde sind, deren Strukturen sich stetig weiterentwickeln, natürlich auch im konventionellen Anbau. Daher ist eine Rückumstellung nicht leicht zu bewerkstelligen. Da sich aber dieses zweite Jahr sehr gut abzeichnet, denken wir positiv und sind überzeugt davon, die richtige Entscheidung gefällt und umgesetzt zu haben. Wir haben Lust darauf, uns den Herausforderungen der kommenden Jahre als Biolandwirte zu stellen, auch wenn uns dabei kein Blick in die Glaskugel helfen kann.“


Meike Siebel,

Landwirtschaftskammer NRW

Weitere Informationen

Fragen zur Umstellungsberatung?

Georg Pohl
Versuchszentrum Gartenbau in Köln-Auweiler
Gartenstraße 11, 50765 Köln-Auweiler
Tel.: 0221 - 5340-272
Fax: 0221 - 5340-299
Mobil: 0173 5686 502
E-Mail: Georg.Pohl@lwk.nrw.de

Arbeitsschwerpunkte:

  • Betriebswirtschaft und Unternehmensführung im Ökolandbau (Rheinland)
  • Marktfragen, Marktkontakte
  • Förderungsberatung

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