Betritt man das Demonstrationsfeld des Modell- und Demonstrationsvorhabens Plantein auf Haus Düsse, blickt man auf eine bunte Vielfalt an Ackerkulturen, die man auf den Äckern in Nordrhein-Westfalen eher selten antrifft.
Beginnend bei Sonnenblume, Körnerhanf und Öllein bis hin zu den sogenannten Pseudocerealien aus Mittel- und Südamerika Quinoa, Chia und Amaranth. Die Kulturen haben alle etwas gemeinsam: Sie können als nicht-legume Eiweißpflanzen bezeichnet werden, denn sie enthalten wertvolle Proteine für die menschliche Ernährung. Auf Haus Düsse werden sie hinsichtlich ihrer Anbauwürdigkeit und ihres Potenzials für die Lebensmittelverarbeitung getestet.
Vielfalt auf dem Demonstrationsfeld
Sind nicht-legume Eiweißpflanzen eine sinnvolle Ergänzung des heimischen Ackerbaus? Durch Klimaveränderungen und zunehmende Herausforderungen in der Tierhaltung steigt das Interesse an neuen Kulturen stetig. Doch für welche Kultur soll sich der Betrieb entscheiden und wie gelingt der Einstieg?
Der Öllein auf Haus Düsse wurde bereits Anfang August erfolgreich gedroschen. Die Pflanzen sind in diesem Jahr während der Hitzeperiode gut abgereift. Gesät wurde der Goldlein, der gelbe Körner bildet, der Sorte Koral Mitte April mit einem Reihenabstand von 12,5 cm und einer herkömmlichen Getreidesätechnik. Der Bestand hat sich gut entwickelt, wurde einmal im Nachauflauf mit Herbizid behandelt und konnte weitestgehend unkrautfrei gedroschen werden.
Rechtzeitige Ernte als Herausforderung
Auch der Körnerhanf entwickelt sich gut. Er wurde mit Einzelkornsaat auf 45 cm Reihenabstand gelegt und ebenso wie die Sonnenblume zweimal mit dem Farming GT in und zwischen den Reihen gehackt. Das Ergebnis ist ein sehr sauberer Bestand. Durch den dichten Bestandsschluss war hier keine weitere Maßnahme nötig. Durch den frühen Saatzeitpunkt ist der Hanf sehr hochgewachsen, was beim Drusch zur Herausforderung werden kann. „Meine Sonnenblumen sind Mitte August fast reif, hier scheint mir etwas viel Stickstoff vorhanden zu sein, diese werden noch lange zur Abreife benötigen“, sagt Sonnenblumenexperte Bernhard Schreyer vom Schloss Gut Obbach in Franken am Feld. Er setzt die Sonnenblume bewusst ans Ende der Fruchtfolge, auch um eine möglichst frühe Ernte und damit eine hohe Qualität zu erzielen. „Wenn es dann feucht wird, nehmen Pilzinfektionen an den Köpfen zu und die Körner sind unter Umständen nicht mehr verkäuflich.“
Das ist in NRW eine große Herausforderung: die Abreife der Sommerungen rechtzeitig vor Einbruch der kalten und feuchten Jahreszeit. Frühreifende Sorten sind demnach unumgänglich. Schreyer baut etwa 20 % Sonnenblumen in seiner Fruchtfolge an. Er setzt auf Schälsorten, die er mit eigener Verarbeitungstechnik auf dem Betrieb schält und vermarktet. Problematisch ist der Vogelfraß: Vergrämung ab einer gewissen Flächengröße ergibt nur bedingt Sinn: „Je mehr Sonnenblumen, desto besser.“ Ob es daran liegt, dass sich der Fraß dadurch gleichmäßiger verteilt, oder andere Faktoren eine Rolle spielen, konnte nicht endgültig geklärt werden.
Unkrautregulierung und Bestandesführung
Auf der Quinoafläche fehlt Mitte August bereits ein Teil des Bestandes, da die Sorte Zeno bereits Anfang August gedroschen wurde. Diese hat nicht vollständig überzeugt: Der Ertrag liegt mit 10 dt/ha am unteren Ende der Erwartung, möglicherweise auch, weil ein Teil der Fläche ins Lager gegangen ist. Das kann ein Hinweis auf eine zu hohe Stickstoffversorgung sein, die Quinoa nicht verträgt.
Zeno ist eine saponinhaltige Sorte. Sie enthält den Bitterstoff Saponin in der äußeren Schale und muss nach der Ernte gewaschen oder poliert werden, um verzehrbar zu werden. Etwas höher liegen die Erwartungen bei der zweiten Sorte Freyja aus Dänemark. Diese ist saponinfrei und kann daher als Vollkornquinoa verzehrt werden. Auch der Bestand steht wesentlich kräftiger da. Die erwartete Ernte liegt je nach Witterung in ein bis zwei Wochen.
Viktor Gensch von den Landwirtschaftlichen Lehranstalten Triesdorf, der die Quinoaversuche des Projekts NAP-QB durchführt, weist auf große Unterschiede in der Entwicklung der zehn Quinoasorten hin, die im Sortenversuch vor Ort verglichen werden - auch hinsichtlich des idealen Aussaattermins und Reihenabstands. Die Aussaat mit Reihenabständen, die auf die verfügbare Hacktechnik abgestimmt sind, ist für Quinoa ebenso wie für Körnerhanf, Chia und Amaranth unumgänglich, da für diese Kulturen in Deutschland keine Pflanzenschutzmittel zugelassen sind. Zur Unkrautregulierung sind mechanisches Hacken bis zum Bestandsschluss, in der Regel ein bis zwei Durchgänge, sowie das Anlegen eines falschen Saatbetts dringend zu empfehlen. Bei der Quinoa hat dieses Vorgehen zu einem zufriedenstellenden Bestand geführt. Die später gesäten Kulturen Amaranth und Chia waren schwieriger, da die Wetterbedingungen keine günstigen Bedingungen für das Hacken boten.
Den richtigen Erntezeitpunkt finden
Chia und Amaranth sind nicht frosttolerante Pflanzen, die erst nach den Eisheiligen gesät werden können. In diesem Jahr gestaltete sich das als Herausforderung, da die Flächen erst Ende Mai wieder befahrbar waren. Dadurch entsteht die Gefahr, dass die Pflanzen nicht rechtzeitig vor der feuchten Witterung im Herbst druschreif werden. Druschreife bedeutet in diesem Fall auch, dass mehr als zwei Drittel der Samen abgereift sind. Durch die langanhaltende Blüte ist es nicht möglich, alle Samen gleichzeitig reif zu dreschen, da die bereits reifen Samen ausfallen und für Ernteverluste sorgen. Den richtigen Zeitpunkt auszuwählen, ist hier eine Frage der Erfahrung.
Beim Drusch werden auch grüne Pflanzenteile mitgeerntet, weshalb direkt nach der Ernte die Trocknung folgt. Dies gilt für alle sechs Kulturen. Sie sind bei etwa acht Prozent Restfeuchte lagerfähig.
Wie gelingt der Einstieg?
Eine große Herausforderung von Kulturen, die sich in einer Nische befinden, liegt in der Verarbeitung und Vermarktung. Neben dem Anbau, zu dem es bislang begrenztes Praxiswissen gibt, ist auch die Ausstattung der Betriebe relevant. Hier kann es sich lohnen, Maschinen zu leihen oder gemeinsam zu nutzen. Wie die Gegebenheiten sind, ist lokal sehr unterschiedlich und sollte unbedingt vor dem Einstieg geklärt werden.
Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Vermarktung des Ernteguts. Hier gibt es verschiedene Wege. In Süddeutschland werden Nischenkulturen häufig direktvermarktet. Dafür sind jedoch Voraussetzungen nötig, über die nicht jeder Betrieb verfügt. Es ist Engagement erforderlich, um Vermarktungswege zu erschließen. Ein Zusammenschluss von Betrieben hinsichtlich Abgabemengen und auch Verarbeitungstechnik kann daher sinnvoll sein.
Im Rahmen des Modell- und Demonstrationsvorhabens Plantein ist eine Karte mit der Infrastruktur zur Aufbereitung und Verarbeitung von nicht-legumen Eiweißpflanzen geplant. Hier können sich Betriebe künftig darüber informieren, wo in ihrer Region Möglichkeiten zur Zusammenarbeit bestehen.
Nischenkulturen brauchen Absatzwege
Es ist möglich, eine gute Vermarktung zu etablieren. Mit den Kulturen befindet man sich jedoch in einer Nische, für die es weder Garantien noch standardisierte Vermarktungswege gibt. Was der Bekanntheit der nicht-legumen Eiweißpflanzen aktuell zugutekommen könnte, ist der Proteinhype, der seit einiger Zeit in der Ernährung besteht. Marktanalysen zeigen, dass sich insbesondere Produkte, die aktiv als proteinreich beworben werden, gut verkaufen lassen und dafür ein wesentlich höherer Preis erzielt werden kann. Auch Ballaststoffe gewinnen in der Ernährung an Bedeutung, was sich zum Beispiel durch „Fibermaxxing“, also die möglichst hohe Zufuhr von Ballaststoffen, zeigt. Die Plantein-Kulturen sind reich an beidem, was für die Vermarktung durchaus von Vorteil sein kann.
Mehr Sortenauswahl, sicherere Vermarktungswege und mehr Praxisbeispiele würden den Anbau sicher attraktiver machen. Einige engagierte Betriebe zeigen jedoch schon heute, dass die Kulturen durchaus Potenzial für ein weiteres Standbein im Betrieb mitbringen.
Michaela Bock,
Landwirtschafskammer NRW