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Kommentar zur Situation des Ökolandbaus

06.09.2019

von Carsten Niemann, Vorsitzender des Fachausschusses "Ökologischer Landbau" im Bauernverband Sachsen-Anhalt e.V.

Werte Berufskolleginnen und Kollegen,

zurzeit erreichen mich viele Fragen zur Situation des Ökolandbaus.

Es herrscht gerade unter den Umstellern aber auch bei etablierten Betrieben die Sorge der Marktüberschwemmung, mit all ihren negativen Folgen. Eine besonders unrühmliche Rolle nahm dabei die Pressemitteilung des Bauernbundes von Jochen Dettmer ein; schlecht recherchiert, Situationen verkennend, Angst schürend. Das hat meines Erachtens nach nichts mit guter Verbandspolitik zu tun. Daher freut es mich, hier die durchaus differenzierte Situation im Ökolandbau zu beschreiben. Wir haben es nicht mit einem Markt oder einem Problem zu tun.

Wir haben drei Bereiche zu betrachten:

1. Der etablierte, auf über 10 Mrd. € gewachsene Biomarkt für anerkannte Bio-Ware – nach der Umstellung.
Hier haben wir einen stabilen Markt, der nicht von der Schwemme an Umstellungsgetreide in die Tiefe gerissen wurde oder wird, da die Produkte gebraucht und verkauft werden. Die jetzt zu verzeichnenden Preisbewegungen sind völlig normal am Bio-Markt.

Zum Beispiel Preise ab Station Ldw.:
• Leicht fallend: Bio-A-Weizen von 40 – 42 € auf 36 – 38 € oder Futtergerste von 32 auf 28 €
• Stabil: Hafer um 36 €, Dinkel 45 €
• Steigend: Bio-Kartoffeln von 50 auf 62 €

Lediglich der Bio-Roggen steckt in einer Krise, da die gute Bio-Roggen Ernte '19 kaum Käufer findet. Aber hier müssen wir Bio-Bauern uns leider an die eigene Nase fassen, inkl. der Autor. Wir haben uns nach der Ernte 2018 verzockt! In der Ernte '18, bis in den September des gleichen Jahres, wurde mit dem Argument "schlechteste Dürreernte ever" auf extreme Preise spekuliert und nicht verkauft. Die Mühlen glaubten an die Nichtverfügbarkeit deutscher Ware und haben sich bis Anschluss Ernte '19 mit baltischer und kanadischer Ware eingedeckt. Das merkten die deutschen Bio-Bauern viel zu spät und seitdem steht der Markt. Das hat nichts mit Umstellern oder zu hoher Ökoförderung zu tun!

2. Die Bio-Markt Stärke: Wie leistungsfähig der kleine Bio-Markt geworden ist, war während der letzten Umstellungswelle 2015/2016 im Milchbereich zu sehen. Auch dort hatten wir zwei Jahre große Umstellerzahlen, die aber mit Verkaufswachstumsraten von bis zu 50 %(!) im Markt bei gleichbleibenden Preisen untergebracht werden konnten. Maßnahmen, die das ermöglichten, waren eine gute und durch den BÖLW als Branchendachverband moderierte Branchenkommunikation, Wartelisten in den Molkereien und Austausch von Importware durch deutsche Ware, Auflage von Neuprodukten durch die Molkereien usw.

Ich war in der Zeit selbst Verbandsvorsitzender und habe unseren Betrieben nur gesagt: Ich weiß nicht, ob es klappt, aber wir als Bio-Branche haben zum ersten Mal die Chance es hinzubekommen, da unser Markt eine kritische Schwelle überschritten hat. Es hat geklappt.

In den Umstellungswellen davor haben wir in jeder Welle mindestens ein Jahr gelitten, aber der Bio-Markt und die dahinterstehenden Verbraucher haben sich immer wieder weiter nach oben entwickelt. Das wird auch dieses Mal so sein, denn das Umweltbewusstsein wird nicht geringer.

3. Die aktuelle Umstellungswelle: Da gibt es nichts zu beschönigen – der Drops ist für die Ernte '19 gelutscht. Aber man muss die Gründe verstehen, um nicht zu verzweifeln. Wir haben in '17 und '18 bei einer bisherigen Bio-Fläche von ca. 50.000 ha eine Steigerung von 34.000 ha gehabt. Und diese gesamte Fläche darf nur ein "U-Bio-Monoprodukt" produzieren, nämlich Bio-Umstellungsfuttergetreide. Und dieses darf laut deutschen Verbandsrichtlinien nur zu 1/3 dem Bio-Futter beigemischt werden. D.h. hier ist eine derartige Marktübersättigung gegeben, die diesen extremen, schmerzhaften Preisverfall bedingt. Erschwerend kommt die Vielzahl der neuen Akteure hinzu, die bislang keine konzeptionelle Kommunikation ermöglichen.

Beispielideen: Überlagerung oder Export, vielleicht auch mit dem Handel ein "EU-Umstellungs-Bio-Brot" beim Discounter? Aber für solche Ideen braucht man Ruhe, Zeit und die richtigen Handelspartner.

Allerdings darf man bei der ganzen Diskussion nicht vergessen, dass für die ersten zwei Umstellungsjahre eine deutlich höhere Bio-Förderung kommt. Auch diese stand groß in der Kritik, jetzt wird sie vielen Betrieben helfen. Hier wäre eine vorzeitige Auszahlung eine große Möglichkeit der Politik den Umstellern zu helfen. Dies sollte sich auch unser Verband auf die Agenda setzen.

Zum Schluss noch ein Wort zur allgemeinen Situation: Ich habe es in über 30 Berufsjahren noch nie für so wichtig gehalten, etwas für unsere Umwelt zu tun. Wenn ich sehe, was da draußen passiert, egal ob Dürre oder der erste Gletscher aufgelutscht ist, ob Greta oder der Eisbär. Die Situation ist ernst.

Und da streiten wir über eine Mittelverteilung mit Argumenten aus dem kalten konventionell-gegen-bio Bauernkrieg? Ökologische Landwirtschaft ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode zur Reduzierung vieler Probleme, sie hat und wird weiterhin vielen Betrieben eine Perspektive geben. Darüber hinaus kommt jeder Euro in den Bioprogrammen '19 und fortlaufend einem konventionellen Kollegen zu Gute. Mir nicht, ich habe meine Förderung. Mal drüber nachdenken.

Mit besten Wünschen
Carsten Niemann


Kommentar zur Situation des Ökolandbaus von Carsten Niemann, Vorsitzender des Fachausschusses "Ökologischer Landbau" im Bauernverband Sachsen-Anhalt e.V.

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