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Agroforst in den „Alleen 3“

19.08.2025

In Kleve am Niederrhein haben sich drei unterschiedliche Akteure zusammengefunden und eine Agroforst-Demonstrationsfläche angelegt. Nach sechs Monaten gibt es erste Erkenntnisse.

Das Pilotprojekt „Alleen 3“ verbindet Wissenschaft und Praxis in einer innovativen Kooperation, um Optionen für die Landwirtschaft der Zukunft zu erforschen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu erarbeiten. Ausgangspunkt ist die Etablierung eines silvoarablen Agroforstsystems, einer Kombination und Bewirtschaftung von Ackerbau mit Gehölzen auf einer Fläche.

Agroforst-Pflanzung Luftbild
Luftbild von der Pflanzung. 

„Alleen 3“ ist eine Kooperation der Hochschule Rhein-Waal (HSRW) mit der Stadt Kleve und dem Landwirtschaftlichen Versuchszentrum Haus Riswick der Landwirtschaftskammer NRW. Für die HSRW koordiniert das Agroforst Reallabor, eingebettet in das Vorhaben TransRegINT - Transformation der Region Niederrhein: Innovation, Nachhaltigkeit und Teilhabe, das Projekt. Neben Bewirtschaftung, Forschung und Lehre durch Haus Riswick und die HSRW wird die Agroforst-Demonstrationsfläche perspektivisch auch Teil der Landesgartenschau 2029, die in Kleve stattfinden wird.

Die Gehölze in Alleen 3

Die Gestaltung des Agroforstsystems und die damit verbundene Gehölzauswahl wurde mit Unterstützung des Agroforst-Experten Burkhard Kayser, Berater für nachhaltige Landnutzung und Permakultur, präzise ausgearbeitet. Alleen 3 ist Teil des Galleien genannten Parkteils des von Johann Moritz von Nassau-Siegen geschaffenen Alten Tiergartens in Kleve. Die Fläche ist im Oktober 2024 als Gartendenkmal in die Denkmalliste der Stadt Kleve eingetragen worden. Besondere Beachtung galt daher der Einhaltung historischer Sichtachsen.

Ein zentrales Anliegen aller Beteiligten ist, verschiedene Kombinationen von Gehölzen und Streifenbreiten am Niederrhein zu erproben. Agroforstsysteme sind so unterschiedlich wie die Standorte, an denen sie gepflanzt werden. Auch der gewünschte primäre Nutzen für den Betrieb unterscheidet sich von Fall zu Fall. Diese Variabilität spiegelt sich nicht zuletzt auch in den Kosten wider. Daher sollen in diesem Projekt auch die direkten Kosten der Agroforststreifen untersucht werden. Wichtige Faktoren sind dabei Gehölzwahl, Pflanzdichten, Verbissschutz sowie die Arbeitszeit für das Anlegen, Pflegen und Ernten der Systeme.

Ein wichtiger Aspekt hierbei: die Wirtschaftlichkeit der Pflege, die direkt mit der Wahl der Gehölze zusammenhängt. Auf der Grundlage dieser Wahl kann die Häufigkeit und Intensität der Pflege skaliert werden. Ein weiteres Kriterium für die Gehölzwahl und den Pflanzplan ist die Gestaltung der Fläche als biodiverses System. Gerade Agroforstsysteme wird eine wichtige Rolle bei der Steigerung der biologischen Vielfalt zugesprochen, da sie neue Habitate schaffen bzw. aufwerten und vernetzen können. Mit den ausgewählten Gehölzen wird versucht, eine Balance zwischen Vielfalt und Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten. Auch der Klimawandel und seine Folgen für den Niederrhein haben die Gehölzauswahl beeinflusst, insbesondere in Bezug auf Trockenheits- und Hitzetoleranz. Der Pflanzplan versucht zudem zu vermeiden, dass die Gehölze zu stark in Konkurrenz um Platz, Licht und Nährstoffe geraten. 

Der Schwerpunkt der Pflanzung liegt auf Industrie- und Werthölzern. Für eine größtmögliche biologische Vielfalt wurden zudem schwachwachsende Straucharten wie etwa Schneeball, Himbeere und Besenginster gepflanzt. Da die Agroforst-Demonstrationsfläche Teil der Landesgartenschau 2029 wird, ergänzen aus ästhetischen Gründen auch Gehölze mit Zierwert wie etwa Rosen und Blasenstrauch die Pflanzung. 

Mammutaufgabe: Umwandlung von Acker in Agroforst

Zwischen ersten Überlegungen und Kontakten und dem ersten Spatenstich im Januar 2025 liegen rund 18 Monate. Dies ist sicherlich unter anderem der Besonderheit geschuldet, dass es sich bei allen Beteiligten um Körperschaften des öffentlichen Rechts handelt. Würde ein Landwirt beschließen, eigene Ackerflächen in ein Agroforstsystem umzuwandeln, wäre dies im Vergleich deutlich weniger aufwendig. Beispielsweise würde die Planung allein auf den Entscheidungen des Landwirts beruhen sowie der Verfügbarkeit von Arbeitskräften für die Vorbereitung der Streifen und die Anpflanzung der Bäume. 

Agroforst-Bewässerung
Bewässerung der jungen Bäume.

Auf der 3,3 ha großen Fläche, die sich im Eigentum der Stadt Kleve befindet, wurden auf insgesamt sieben Gehölzstreifen in mehreren Pflanzphasen 323 Gehölze gepflanzt. Eine Besonderheit von Alleen 3 ist die große Vielfalt von 52 Gehölzsorten. Das ist mehr als üblich für Agroforstsysteme. Grund hierfür ist die Erprobung bester Kombinationen von Gehölzen für den Niederrhein. 

Die Gehölzstreifen sind in Breiten von drei bis fünf Metern angelegt, um unterschiedlich stark- bzw. breitwüchsige Gehölze zu pflanzen und die optimale Kombination zu untersuchen. In Summe beanspruchen die Gehölzstreifen vier Prozent der gesamten Ackerfläche. Zusätzlich ist geplant, seitlich der Gehölze, jedoch noch innerhalb der Gehölzstreifen, standortangepasste Blühmischungen auszubringen. Die Ackerfläche zwischen den Gehölzstreifen wird, wie bisher auch, von Haus Riswick für den eigenen Futterbau bewirtschaftet.

Neben der Investition in die Gehölze ist ein Agroforstsystem eine langfristige Entscheidung, die in der Regel zunächst auf einem Teil der Gesamtfläche des Betriebs umgesetzt wird, so dass dieser seine Hauptproduktionsstruktur beibehält. Abhängig von der Zielsetzung und der Diversität kann der Arbeitsaufwand stark variieren. Während der Kooperationspartner des Agroforst Reallabors Gänsepeter dank Einsatz eines Tiefenmeißels und mit Hilfe von vier helfenden Personen in vier doppelreihigen Streifen auf insgesamt zwei Hektar in wenigen Stunden 625 Pappelruten in den Boden brachte, benötigte der Familienhof Große-Kleimann in Steinfurt-Dumte für die Pflanzung seiner Obstbäume mit der Unterstützung vieler Freiwilligen mehrere Tage, erinnerte sich Jan Große-Kleimann bei einem Vortrag in Kleve im November 2024. Auch das Agroforst Reallabor, als Teil der HSRW, setzte auf die Mitarbeit von Studierenden und Kolleg*innen, die jeweils einen Tag auf dem Feld tätig waren, um so in größerem Umfang Praxis zu erleben. 

Notwendige Anwuchspflege

Verbissschutzmaßnahmen an jungen Bäumen. 

Im Frühjahr 2025 wurde durch die Stadt Kleve ein Bewässerungssystem eingerichtet. Um das Wasser gezielt an den Gehölzen auszubringen, wurden Einzeltropfer in die Leitung eingesetzt. Entgegen der ursprünglichen Planung wurde auf IBC Container verzichtet, stattdessen wurde eine Brunnenpumpe installiert, da dies nach Ansicht des Agroforst Reallabors die effizienteste Option ist, um die Bäume gesund zu erhalten. Ermöglicht wurde diese Option durch die Planung der Landesgartenschau, die in der Nähe von Alleen 3 einen Brunnen zur Verfügung stellte, der später auch in anderen Flächen der Veranstaltung genutzt werden soll. Bis zur Installation des Bewässerungssystems wurden die Agroforststreifen manuell bewässert. Dies wurde durch die trockene Witterung erforderlich: die Monate Februar und März waren am Niederrhein deutlich zu trocken und auch April und Mai erlebten ausgeprägte Trockenphasen. Junge Gehölze benötigen jedoch insbesondere bei starker Trockenheit eine gute Wasserversorgung in der Anwuchsphase. 

Das warme und sonnige Frühjahr hat darüber hinaus die Entwicklung von Beikräutern in den Agroforststreifen begünstigt. Um die Konkurrenz der neugepflanzten Gehölze mit diesen zu minimieren, ist das Team vom Agroforst Reallabor mit dem Freihalten der Baumscheiben durch Unkraut jäten beschäftigt. Für eine langfristige Reduktion des Pflegeaufwands ist zwischen den Gehölzen die Ausbringung von Blühmischung geplant.

Erste Erkenntnisse nach sechs Monaten

Nach der Gehölzpflanzung wurden zeitnah Schutzmaßnahmen gegen Wildschäden durchgeführt, denn obwohl das Gelände stadtnah gelegen ist, sind Wildsichtungen üblich. Im Vergleich zu einem konventionellen Agroforstsystem, bei dem Landwirt*innen in der Regel eine Art von Baumschutz wählen, wurde bei Alleen 3 die Entscheidung für eine Installation verschiedener Modelle von Baumschutz getroffen, um ihre Effizienz zu testen. Daher kamen lediglich Einzelschutzmaßnahmen der Pflanzen in Frage: Wildschutzzäune greifen in den Lebensraum der Tiere ein und können den Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen behindern. Eine Umzäunung der einzelnen Agroforststreifen erschwert die Pflege der Baumstreifen. Für die Schutzmaßnahmen der einzelnen Gehölze standen sechs verschiedene mechanische Lösungen zur Verfügung: Wuchshüllen aus Kunststoff, Gitterhüllen aus Kunststoff, Holzeinzelschutz WaldWUNDER mit Pendel, Holzmatten, Sechseckgeflecht und sogenannter Cactus Tree Guard. 

Bei einer Überprüfung mit Studierenden des Wahlfaches Phytomedizin im Studiengang Sustainable Agriculture B.Sc. wurde festgestellt, dass nicht jeder Schutz optimal ausgewählt wurde. Junge Triebe von Sträuchern wie Blasenstrauch und Heckenrose oder Bäumen, wie zum Beispiel die Esskastanie, die durch eng gesetzte Holzmatten und Gitterhüllen wuchsen, wurden verbissen. Sehr guten Schutz leisteten Sechseckgeflecht, wenn mit genügend Abstand zur Pflanze gesetzt, sowie der Cactus Tree Guard. Manche Pflanzen wie Ginster oder Pappel wurden auch bei guter Erreichbarkeit der Triebe nicht verbissen, benötigen also keinen aufwendigen Verbissschutz. Dieser Befund liegt jedoch im Rahmen der Erwartungen des Teams und gefährdet weder die Entwicklung noch die Gesundheit der Gehölze.

Für einen optimierten Einblick in das überwiegend nächtliche Geschehen auf der Agroforstfläche wird derzeit über die Installation einer Wildtierkamera diskutiert. Wie viele Tiere und in welchen Intervallen besuchen Alleen 3? Das Team vom Agroforst Reallabor steht zudem in intensivem Austausch mit dem Betriebsleiter, Michael Berntsen von Haus Riswick und mit dem Fachbereich 64 - Klimaschutz, Umwelt und Nachhaltigkeit - der Stadt Kleve, um die Möglichkeit zu erörtern, auf dieser Versuchsfläche eine Wetterstation und Bodensensoren zu installieren.

Darüber hinaus plant die HSRW, sich in den nächsten Monaten und Jahren in Zusammenarbeit mit ihren Partnern mit weiteren Forschungsthemen wie Mikroklima, Boden, Kohlenstoff und Wirtschaft zu befassen.


Dr. Ana Kreter
Projektkoordinatorin Agroforst Reallabor, Projekt TransRegINT