Zur Öko-Milchviehtagung waren rund 45 Praktikerinnen und Praktiker gekommen, die neben dem Vortragsprogramm und vielen Diskussionen untereinander auch verschiedene Workshops, wie den zur MLP, besuchen konnten.
Milchmarkt und Erzeugung im Bio-Fokus: Unter diesem Motto stand die 16. Öko-Milchviehtagung, die der Fachbereich Ökologischer Land- und Gartenbau der Landwirtschaftskammer NRW am 10. Dezember veranstaltet hat. Rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren der Einladung, die die Landwirtschaftskammer gemeinsam mit der Landesvereinigung Ökologischer Landbau NRW ausgesprochen hatte, nach Haus Düsse gefolgt; darunter gut 45 Biolandwirtinnen und -landwirte.
Aufgrund der Förderung des Projekts Netzwerk Fokus Tierwohl durch das BMLEH war die Teilnahme an der Milchviehtagung kostenfrei. Und so freute sich Kammerdirektor Dr. Arne Dahlhoff als Gastgeber, in seinem Grußwort neben den Gästen, Referentinnen und Referenten einige Mitarbeiterinnen des Projektes, das auf Haus Düsse beheimatet ist, willkommen zu heißen.
„Der ökologische Landbau sieht sich vielfältigen Herausforderungen in seinem breiten Tätigkeitsfeld gegenüber. Positiv ist die immens große Nachfrage nach Bioprodukten. Dennoch ist das Umstellungsinteresse der Betriebe zurzeit sehr gering“, meinte Dr. Dahlhoff einleitend. Da seien zum einen die hohen Produktionskosten, wie für das Biofutter. Aber auch neue bürokratische Vorgaben, wie die Weidepflicht, die in den vergangenen Monaten vor allem in Süddeutschland für Gesprächsstoff unter den Biomilchviehhaltern sorgte, machten das Wirtschaften nicht gerade einfacher. „Zudem vergrößert die neue Haltungskennzeichnungspflicht die Absatzprobleme von Bio-Erzeugnissen, da Produkte mit hohen Tierwohlstandards in direkter Konkurrenz zu „Bio“ stehen. Und nicht zuletzt sind da die dynamischen Agrarmärkte: Besonders der Milchmarkt ist sehr volatil und es fehlt eine angemessene Entlohnung, die für Rücklagenbildung und Investitionen reichen würde“, gab der Kammerdirektor mit einem pointierten Überblick über die Situation zu bedenken, in der sich die Biolandwirtschaft derzeit befindet.
Umso erfreulicher sei es, wenn Tagungen wie eben diese dazu beitrügen, in einen Austausch untereinander, aber auch in den Dialog mit den Beraterinnen und Beratern zu kommen. „Diese Netzwerke können dabei helfen, neue Impulse für die eigenen Betriebe zu bekommen und sich andererseits gegenseitig zu unterstützen“, ermutigte Dr. Dahlhoff. Das große Plus der Biolandwirtschaft sei ihr gesamtsystemisches Bewirtschaftungskonzept: „Wenn Sie diese Mehrwerte den Verbrauchern näherbringen, sehen diese die vermeintlich höheren Preise für Bioprodukte eher als gerechtfertigt“, meinte er.
Dem stimmte auch Annette Alpers, die sich als Vorsitzende der LVÖ an die Zuhörerschaft wandte, zu. „Die Bioverbände sprechen ihre Anerkennung und ihren Dank an die Biolandwirte in NRW aus, die mit ihrem täglichen Einsatz hochwertige Lebensmittel, wie die Biomilch, erzeugen.“
Gebündelt wachsen
Mit Matthias Fried, Leitender Milcheinkäufer für die Moers Frischeprodukte GmbH und Co. KG, stellte ein Insider die Entwicklung des Bio-Milchmarktes mit seinen Perspektiven für Molkereien und Milcherzeuger vor. Moers Frischeprodukte ist ein Joint Venture der Dr. Oetker Nahrungsmittel KG mit der Molkerei Gropper GmbH und Co. KG, einer inhabergeführten Molkerei aus dem Schwäbischen Bissingen. In die Bio-Schiene ist das Unternehmen schon 2007 eingelenkt. 2021 hat Gropper einen zweiten Standort in Moers eröffnet und mit der Übernahme der Bio-Milcherzeugergemeinschaft der Mittelgebirgsbauern w.V. mit ihren 70 Mitgliedern gleich 40 Mio. kg Biomilch bekommen. „Wir arbeiten ausschließlich mit MEGs zusammen, neben NRW mit Erzeugergemeinschaften in Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland, und nehmen gebündelt Biomilch auf. Gemeinsam mit den MEGs möchten wir im Biomilchsektor weiter wachsen“, meinte Matthias Fried, der betonte, dass die Erzeugerbetriebe zu 100 % dem Bioland- sowie Naturlandverband angehören.
Der Standort in Moers habe eine Topp Lage: umgeben von 16 Mio. Verbraucherinnen und Verbrauchern und einer günstigen Nähe zum Hafen in Rotterdam. „Eine Herausforderung bleibt der sich weiter verstärkende Strukturwandel: Die Betriebe liegen weit verteilt, die Nähe zu den Molkereien ist gerade im Nordwesten Deutschlands problematisch, wir haben eine weitläufige Verarbeitungsdichte. Das bedeutet weite Wege bei der Milchaufholung“, erläuterte der Referent. Mit 140 Mio. kg Biomilch insgesamt liege Gropper hinter Andechser dennoch auf Platz 2 in Deutschland.
Zuviel Milch, zu wenig Konsum
Ähnlich herausfordernd sei der Milchmarkt. „Seit August gehen die Absatzmengen runter. Und nach der Blauzungen-Periode gelangt aktuell mit einem Mal zuviel Milch auf den Markt. Gekoppelt mit der seit Monaten anhaltenden Konsumzurückhaltung führt das zu Preisrückgängen.“ 2025 habe sich der an den konventionellen Milchpreis gekoppelte Biomilchpreis zwar konsolidieren können - zuletzt lag er bei rund 65 Cent/kg. „Trotzdem ist für Anfang 2026 eine spürbare Preiskorrektur nach unten auch für die Biomilch zu erwarten. Denn am Ende des Tages können die Molkereien nur das auszahlen, was sie auch verdienen“, schränkte der Marktexperte ein.
Damit machte Fried einen Schwenk zu den großen Vermarktern, die schon lange die Preisbildung auf den (Bio)Märkten diktieren. „Ohne den LEH und die Discounter funktioniert der Absatz von Biolebensmitteln nicht mehr. Aldi ist mittlerweile der Biohändler Nummer 1 in Deutschland! Und mit seinen Top-Biomarken im Premiumpreissegment bietet Aldi eben nicht nur „Billigbio für alle!“ an“, so Matthias Fried, der den Biomilchviehhalterinnen und -haltern den Tipp gab: „Wälzen Sie die Werbeprospekte der großen Händler. Die bilden perfekt ab, wohin sich der Markt entwickelt und was die Kunden haben wollen. Beschäftigen Sie sich mit den Märkten, die heutzutage zu 100 % transparent und für jeden zugänglich sind.“ Das betreffe genauso die Wahl der Molkerei: Eine Molkerei, die vernünftig mit einem großen Portfolio am Markt platziert sei, könne wettbewerbsfähige Preise auszahlen. „Mein Tipp: Je mehr Standbeine eine Molkerei hat, desto besser ist ihr Risikosplitting und desto besser kann sie performen.“ So sei es nicht ganz unwesentlich, einzukalkulieren, ob eine Molkerei nur Bio, oder auch Bio verarbeite.
Generell hielt Matthias Fried die Konkurrenz um den wertvollen Rohstoff Milch und damit eine Volatilität von Preisen und Märkten für belebend. Die Preisspitzen und -täler seien allerdings krasser ausgeprägt als früher. „Es ist wichtig, seinen Betrieb so aufzustellen, dass sich die Täler, die heutzutage weniger vorhersehbar und deutlich tiefer sind als früher, aushalten lassen. Die Faktoren sind so vielseitig, dass sie von uns nicht beeinflussbar sind. Wenn Sie den Markt im Blick haben und vorbereitet sind, lässt sich besser auf das nächste Hoch warten, das ganz bestimmt auf das Tief folgt. Langfristig über die nächsten Jahre hinweg sind die Aussichten auf jeden Fall positiv: Die Molkereien suchen nach dem wertvollen Rohstoff Biomilch!“, stellte Matthias Fried in Aussicht.
Drei Betriebe, drei Konzepte
Unterschiedliche Ansätze der Biomilchvieherzeugung stellten drei Praktiker vor, die alle auf ihre Weise mit den Höhen und Tiefen in der Landwirtschaft umzugehen wissen.
Intensivieren und Automatisieren: Matthias Krampe, Dorsten, Naturland und Bioland
Matthias Krampe bewirtschaftet seinen Betrieb in Dorsten seit 2021 nach Biorichtlinien und beliefert die Gropper-Molkerei. In seiner Region herrscht starker Flächendruck. „Wir haben außerdem 30 Mio. kg Milch um unseren Betrieb herum - da ist die Frage nicht, was wir machen, sondern wie wir es machen“, so seine Einstellung. Insofern will der Landwirt das Maximale von den Grundlagen erwirtschaften. Matthias Krampe kommt es auf effiziente Abläufe an, daher hat er viel automatisiert und intensiviert, ohne dass Management und Leistung darunter gelitten hätten. Er bewirtschaftet 100 ha Acker, unter anderem mit Silomais, und 70 ha Grünland, das bis zu fünf Mal im Jahr geschnitten wird. Zwei Bio-Biogasanlagen liefern neben elektrischer Leistung die Nährstoffe für seinen Betrieb, ein Großteil wird pellettiert und an die Landwirte zurückverkauft, die Kleegras und andere Inputstoffe an ihn liefern. 135 melkende Kühe werden an zwei Lely-Robotern gemolken, die durchschnittliche Milchleistung liegt bei 11 800 kg/Jahr.
Das Steckenpferd des Biomilchviehhalters ist die Fütterung, mit der Ration befasst er sich täglich. Gefüttert wird über einen Vektor. Die Ration für 32 l setzt sich aus Gras und Mais im Verhältnis 40:60, Wickelballen-Kleegras, 1 kg CCM, 4 kg Ackerbohnen, 4,5 kg Sojapülpe, Mineralfutter und Wasser zusammen. Die Lockfuttermenge am Roboter beträgt im Mittel 2,5 kg bis maximal 4 kg mit dem Ziel, 285 g Kraftfutter/l Milch im Jahresmittel zu verfüttern, und das fünf bis sieben Mal pro Tag. „Das hat enorme Vorteile, es herrscht viel mehr Ruhe im Stall!“, so Krampe. Weide gibt es von Ende März bis Anfang November; acht bis zwölf Stunden täglich mit freiem Zugang und automatischer Weideselektion. Die Weidefutteraufnahme liegt bei 1 bis 2 kg.
Sein Ansatz für die Zukunft seines Betriebes lautet: „Ich möchte flexibel und handlungsfähig bleiben und das bei möglichst großer Unabhängigkeit. Wir können nicht stehenbleiben und wollen weiter wachsen oder unseren Betrieb breiter aufstellen - auch, damit vielleicht eines unserer drei Kinder eine Zukunft mit dem Betrieb hat!“
Entwicklung mit Umsicht: Peter Tillmann, Berghof GbR Warburg, Bioland
Der Biohof, den die Eltern 2004 gegründet und 2017 in die Hände ihres Sohnes Peter gegeben haben, hat sich kontinuierlich und behutsam entwickelt. Dabei wurde sehr wenig neu gebaut, die alten Gebäude, zu denen bis 2020 auch ein Stall für 800 Mastschweine gehörte, wurden optimal um- und ausgenutzt. 2018 lag mit dem Einbau eines Lely Collectors für 80 Kühe der Start in die Automatisierung. 2020 kamen zwei A5 Melkroboter für 110 Kühe hinzu. 2022 wurden die Schweine abgeschafft und mit der Erzeugung von Biomilch begonnen. Aktuell stehen in den umgebauten Ställen der Berghof GbR 120 Kühe, ein Teil der Nachzucht ist ausgelagert. Es werden 70 ha Acker und 20 ha Grünland bewirtschaftet, der Betrieb bekommt von 50 bis 70 ha Kleegras aus Futter-Mist-Kooperationen.
Bei der Nutzung der Altbauten habe stets die Prämisse gegolten, dass dies nicht zum arbeitstechnischen Nachteil geschehen dürfe. „Das Gegenteil war der Fall: Lely war damals ganz begeistert von dem Standort für die Roboter im alten Schweinestall. Sie liegen nah beim Hof, was eine optimale Kontrolle ermöglicht“, so Peter Tillmann. Sowohl die Roboter als auch die neuen Hoflader würden auch körperlich enorm entlasten. „Die Technik hilft, den Tag gut zu strukturieren und hat mir große Freiheit gebracht. Mein Motto lautet: Es ist schön, etwas tun zu können, ohne es zu müssen“, meinte der 31-Jährige. Und bei aller Liebe zu seinen Kühen: „Man sollte immer wissen, was man wirklich will. Ich habe großen Spaß an der Arbeit mit Kühen, bin mir aber auch bewusst, dass es Ausstiegsszenarien geben muss, um frei entscheiden zu können.“
Die Zukunft im Blick, sieht Peter Tillmann noch viel Optimierungsbedarf. „Ich bin noch nicht da, wo ich hinwill: Wir waren knapp vor der 10 000 Liter-Marke, als die Blauzunge uns zurückgeworfen hat. Jetzt fangen wir noch einmal mit dem Leistungsaufbau an. Dabei steht aber immer meine Familie im Vordergrund: Mit deren Mithilfe und weiteren Unterstützern für neue Ideen schaffen wir das gemeinsam. Wenn man Lust auf etwas hat, dann hat eine Idee auch immer Potenzial“, ist der Junglandwirt überzeugt.
Mein Weg mit Mut und Ziegen: Eckhard Holloh, Schermbeck, Bioland
Mit 1 200 Ziegenstallplätzen und mehr als 1 € für 1 kg Ziegenmilch ist für Eckard Holloh eine Betriebsperspektive da. 800 Ziegen werden automatisch gefüttert, gemolken werden sie in einem 90er-Außenmelker-Karussell. Im Jahr 2006 hat Eckhard Holloh mit Übernahme des elterlichen Betriebes auf ökologische Bewirtschaftung umgestellt, sodass er die gesamt Milch über die Organic Goatmilk Cooperatie, eine Genossenschaft von Biomilchziegenbetrieben in Belgien, Deutschland und den Niederlanden, vermarktet.
„Die große Zuwendung, die ich meinen Tieren entgegenbringe, wird bei der Vermarktung eingepreist“, meint Holloh. Überhaupt hat der Biolandwirt mit Hang zur und großen Kenntnissen der Philosophie einige philosophische Ansätze seinen Betrieb und damit sein Leben als Biolandwirt betreffend. „Mein Anspruch an den Stall, den ich 2020 endlich bauen konnte, war, dass er in die Zeit passen und eine Symbiose mit dem Acker eingehen musste. Also habe ich viel investiert für ein gut durchdachtes Haltungskonzept mit Tiefstreustall, Lely-Vekrot und Blockablammung im Frühjahr - viel Geld und viel Zeit“, so Eckard Holloh.
Mit dem Ziegenstall hat er sich auch von der Vergangenheit gelöst - lösen müssen, da er nicht der traditionellen Verpflichtung erliegen wollte, alles so zu machen wie seine Vorfahren, die seit sechs Generationen auf dem Hof in Schermbeck lebten und arbeiteten. „Lebe Deine Gegenwart!“, so sein Motto. Bei seiner Idee von der professionellen Bioziegenmilcherzeugung wusste er von Anfang an, dass „etwas entstehen kann“. So wolle Eckard Holloh auch nicht weiter wachsen. „Wenn 1 200 Ziegen es nicht können, dann können es auch keine 2 000!“, ist er überzeugt. „Der Betrieb muss mir so, in dieser Form, dienen können.“
Meike Siebel,
Landwirtschaftskammer NRW