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Bioland-Schweinetagung: Fermentation, Flushing, Fütterung

17.03.2026

Bioland hatte in Kooperation mit dem Thünen-Institut für Ökologischen Landbau alle Bioschweinhalter und Branchenakteure zur Tagung eingeladen. 

Hansjörg Schrade von der LSZ Boxberg bezeichnete die Bioschweinehaltung als höchste Stufe im Lebensmitteleinzelhandel, womit aber auch enorme Herausforderungen zu meistern seien. „Besonders anspruchsvoll ist die bedarfsgerechte Versorgung der Schweine mit Proteinen und Aminosäuren“, hob Schrade hervor. Bei der Haltung hingegen gebe es eine zunehmende Annährung, vor allem wenn in der konventionellen Haltung freies Abferkeln realisiert werde. Potenzial sieht Schrade vor allem bei den biologischen Leistungen. Hier könne eine gezielte züchterische Selektion helfen, um gleichmäßigere Würfe zu erzielen. Das habe sich in eigenen Versuchen als sehr wirksam erwiesen.

Künstliche Intelligenz im Schweinestall

Funktionsbereiche im Schweinestall
Eine artgerecht gestaltete Bucht für Schweine beinhaltet deren Gliederung in Liegen, Fressen, Aktivitäts- und Kotbereich.

Professor Andreas Melfsen von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Kiel beleuchtete Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz (KI) im Schweinestall. Mittels Bildanalysen gelang es zu ermitteln, wo Schweine liegen, fressen oder abkoten. „Dazu muss die KI aber erst trainiert werden. Allein für die sichere Erkennung eines Schweins bedurfte es 7 000 Trainingsbildern“, erklärte Melfsen. 

In einem zweiten Schritt wurden Bewegungsmuster und die Aufenthaltshäufigkeit erfasst. Das lässt Rückschlüsse darauf zu, welche Faktoren die Annahme von Funktionsbereichen fördern und wie Umwelteinflüsse darauf wirken. „Abweichungen von normalen Aktivitätsmustern können zudem als Frühwarnsystem für Tiergesundheit dienen“, zeigte Melfsen eine weitere Nutzung der KI auf. Die KI könne Unsicheres sichtbar machen. Entsprechend könnten Menschen wiederum in Interaktion mit der KI treten, zum Beispiel um weitere Daten anzufordern oder selbst welche zu erheben, etwa das Fiebermessen. 

„Das Verhalten von Tieren ist jedoch nicht vorhersehbar und es verbleibt immer eine Restuntersicherheit, sodass es Menschen mit Entscheidungskompetenz und Empathie bedarf“, sagte Melfsen und bezeichnete den Menschen als Kompetenz-Schnittstelle.

Stall der Zukunft

Einen Einblick in den Stall der Zukunft der Versuchs- und Bildungszentrum Landwirtschaft Haus Düsse gab Dr. Sophia Schulze-Geisthövel von der Landwirtschaftskammer NRW. Dessen evolutionärer Stall entspricht der Haltungsform 3, der revolutionäre Stall mit Wühlgarten und Holzhäckseleinstreu der Haltungsform 4. Die in beiden Haltungsformen gehaltenen Schweine erzielen die gleichen biologischen Leistungsdaten. 

In den ersten Jahren gab es bauliche Anpassungen. „Im Sommer bemerkten wir, dass die Schweine bei Hitze die gesamte Bucht einkoten“, berichtete Schulze-Geisthövel. Eine kleine Trennwand quer zum Kontaktgitter und eine Tröpfchenbewässerung mit Zeitschaltuhr führten zu einer deutlichen Verbesserung. Bemerkenswert ist der Einfluss der Vorkonditionierung der eingestallten Ferkel. Eingestallte Öko-Ferkel, die die Aufteilung der Bucht in Funktionsbereiche aus ihrer Aufzucht her kannten, nahmen sie auch im Maststall deutlich besser an.

Sauen Flushing
Das Flushing unter Verwendung von Biozucker wird auch bei Biosauen empfohlen.

Das Thema Flushing

Dr. Elisabeth Beckmüller, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, hielt ein Plädoyer für die Flushingfütterung, da diese die Follikelreifung nach dem Absetzen fördern würde. „Durch mehr Energie wird der Insulingehalt erhöht, was wiederum die Ausschüttung von LH und FSH fördert und damit stimulierend auf die Follikelreifung wirkt“, erklärte Beckmüller die hormonellen Mechanismen. Für einen Effekt sind mindestens 400 g Biozucker notwendig.

Nach der Besamung sei das Flushing aber direkt zu beenden, da sich eine zu hohe Energieversorgung negativ auf die Trächtigkeit auswirken kann. Erst ab dem 20. Trächtigkeitstag kann die Fütterung tierindividuell nach Kondition erfolgen, mit dem Ziel einen BCS von 3,5 bis 4 zum Abferkeln zu erreichen. Nur bei mageren Jungsauen empfiehlt Beckmüller, auf das Flushing zu verzichten – wegen des Risikos zu hoher Wurfgrößen. 

Während der Schwangerschaft bei Sauen sei die Zugabe von Folsäure nicht zu empfehlen, da dänische Versuche gezeigt hätten, dass damit zwar die Überlebenschance der Embryonen erhöht wurde, es aber vermehrt zu kleineren und weniger vitalen Ferkeln kam.

Bio allein reicht nicht

Bio-Schweinefleisch

Jürgen Mäder, Vorstand und Geschäftsführer bei Edeka Südwest, gab einen Einblick in die Vermarktung von 

Schweinefleisch in seinem Unternehmen. Die Zahl der nach Haltungsform 4 vermarkteten „Hofglück-Schweine“ liegt bei 3 000 wöchentlich. Die Zahl der pro Woche verkauften Bioschweine beträgt etwa 700. „Bio allein reicht jedoch nicht. Tierwohl und Regionalität geben erst das Gesicht“, so Mäder. Mit 10 % Bio-Anteil erreicht Edeka Südwest den höchsten Wert aller Edeka-Regionalgesellschaften. Das hänge aber auch mit der wirtschaftlichen Stärke der Region zusammen. 

Daniel Schloz, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft Rebio, begleitete die Zusammenarbeit mit Edeka Südwest von Beginn an. „Ziel der Zusammenarbeit waren vollkostenbasierte Preise“, beschrieb Schloz das Konzept. Die Verträge wurden als Dreiecksvertrag zwischen Landwirt, Rebio und Edeka Südwest geschlossen. „Mit den zehnjährigen Verträgen trat Edeka bewusst in Vorleistung, um landwirtschaftlichen Betrieben die notwendigen Investitionen für die Umstellung auf ökologische Wirtschaftsweise abzusichern“, stellte Schloz als weiteren Faktor heraus.

Wie Toxine wirken

Einen Überblick über die Wirkung von Toxinen gab Prof. em. Johanna Fink-Gremmels, Universität Utrecht. Problematische Endotoxine sind dabei die Lipopolysaccharide (LPS), die über mehrere Schritte zur Freisetzung entzündungsfördernder Zytokine führen. Da die Symptome von LPS, wie entzündliche Prozesse an Schwanz oder Klauen, variieren, werden sie häufig nicht erkannt. 

Schweine verfügen mit Darm-alkalischer Phosphatase (iAP) über einen natürlichen Schutzfaktor zur Entgiftung, der von der Darmgesundheit und dem Alter abhängig ist. Fink-Gremmels warnte: „Kleine Ferkel können iAP nicht bilden und sind daher überempfindlich gegen LPS.“ 

Bei den Mykotoxinbindern wies Fink-Gremmels darauf hin, dass bei bestimmten Mykotoxinen auch nur bestimmte Toxinbinder helfen würden. Als Einstreu sollte auf Weizenstroh verzichtet oder nur nach Analyse verwendet werden, weil es hinsichtlich DON immer ein Risikoprodukt darstelle. Die Reinigung von Getreide könne den Toxingehalt um 60 % verringern. Auf Nachfrage erläuterte Fink-Gremmels, dass Kanne Brottrunk zwar den Darm stabilisiere, aber nicht gegen Mykotoxine helfe.

Bei Jungsaueneingliederung beachten

Fachtierärztin Dr. med. vet. Anke Zankl betonte in ihrem Beitrag, dass 70 bis 80 % der Fruchtbarkeitsprobleme nicht-infektiöser Natur seien und legte den Schwerpunkt ihrer Ausführungen auf das Management. Bei der Jungsaueneingliederung ohne Quarantäne bestünde ein doppeltes Risiko: Einerseits können sich gesunde Jungsauen bei den Altsauen mit unbekannten Keimen anstecken, andererseits bringen sie selbst Keime in den Betrieb, was das Keimgleichgewicht im Bestand stören kann. 

Während der Quarantäne sollen die Jungsauen abgeschottet und erst nach einiger Zeit mit gesunden Schlachtsauen oder Kaustricken zusammenkommen. Die Eingliederung könne durch Impfungen ergänzt werden. „Um die soziale Entwicklung der Jungsauen zu fördern, sollten Sie gelegentlich durch den Stall gehen oder Leckerchen verteilen, damit die Tiere umgänglicher werden“, empfahl Zankl. 

Für mangelnde Fruchtbarkeit könne auch der Eber verantwortlich sein, wenn er etwa ein paar Wochen vor der Besamung Fieber hatte. Der Eber solle nicht im Deckzentrum stehen, sondern nur dosiert Sauenkontakt erhalten, um seine Attraktivität zu erhöhen. Die Dauer des Stimulationspeaks beträgt 15 bis 20 Minuten. Bei Unterbrechung solle man etwa 60 Minuten bis zur weiteren Besamung abwarten. Da die Einnistung der Eizellen zwischen dem 10. und 16. Tag nach der Besamung erfolgt, solle in dieser Zeit möglichst auf Impfungen oder andere Stressoren verzichtet werden. In Bezug auf Infektionen empfahl Zankl, jüngere Sauen bis zum 5. Wurf gegen Circo zu impfen und bei Influenza daran zu denken, dass auch Menschen ihre Schweine anstecken können.

Ist eine 100-%-Biofütterung möglich?

Dr. Ulrich Schumacher von Bioland sprach über die Herausforderungen der 100-%-Biofütterung. In Deutschland sind bei Ferkeln bis 35 kg Lebendgewicht bis Ende des Jahres noch ein Anteil von maximal 3 % konventioneller Eiweißfuttermittel zulässig, wobei es sich nahezu ausschließlich um Kartoffeleiweiß handelt. Die übrigen EU-Staaten lassen gegenwärtig noch 5 % konventionelle Eiweißfuttermittel zu. Das hört sich viel an. Doch hochgerechnet auf das gesamte Schweineleben unter Berücksichtigung der Sau sind es nur 0,3 % konventionelle Futtermittel. „Die als Alternativen gehandelten Biofuttermittel reichen leider nicht aus, den Spitzenbedarf der Ferkel an Lysin und Methionin zu decken“, warnte Schumacher. Er hofft auf eine Verlängerung des begrenzten Einsatzes durch die EU. Denkbar wäre es, Stärkekartoffeln oder Körnermais für die Gewinnung von Kartoffeleiweiß und Maiskleber ökologisch anzubauen und die dabei entstehenden großen Stärkemengen konventionell zu verkaufen, was unverhältnismäßig teuer ist. 

Bio-Stärke
Speisestärke wird von Biokunden kaum nachgefragt. Daher sind nur geringe Mengen an Kartoffeleiweiß und Maiskleber in ökologischer Qualität verfügbar.

Über die mögliche Zulassung synthetischer Aminosäuren wird in der Branche kontrovers diskutiert. Die EU-Bioverordnung schließt gegenwärtig synthetische Aminosäuren aus. Es entspricht auch nicht der aktuellen Position des BÖLW. „Alle Lösungsmöglichkeiten in Richtung einer 100-%-Biofütterung sollten geprüft werden. Auch die Bedarfswerte und Versorgungsempfehlungen für Ökoschweine müssen eventuell weiterentwickelt werden“, so der Ausblick von Schumacher.

Für Carsten Pohl, Geschäftsführer der Bio-Eichenmühle, beinhaltet bedarfsgerechte Fütterung immer auch das Tierwohl. „Trotz Domestikation zeigen Hausschweine dieselben komplexen Verhaltensweisen und Instinkte wie ihre wilden Vorfahren. Die Erkundungsmotivation ist hoch“, erklärte Pohl. Bei 100-%-Biofütterung ist es unumgänglich den Rohproteingehalt zu senken und die Aminosäurenversorgung weiter herabzusetzen. „Bei geringer Proteinverdaulichkeit und Überversorgung mit Eiweiß ergibt sich eine mikrobiologische Proteolyse im hinteren Darmabschnitt, wodurch toxisches Ammoniak freigesetzt werden kann“, so Pohl weiter. Durch den Einsatz von nachhaltigem Fischmehl, das in der EU-Bioverordnung nicht unter die konventionellen Futtermittel fällt, können Proteingehalte und somit Leerlaufeiweiß gesenkt werden.

Fermentation für bessere Verdaulichkeit

Lukas Schmidle, konventionell wirtschaftender praktischer Landwirt, kennt die Fermentation zur Verbesserung der Verdaulichkeit aus seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und durch den Einsatz im eigenen Betrieb. In einem 2025 durchgeführten Futterversuch erzielten Ferkel höhere Tageszunahmen bei etwas geringerer Futteraufnahme, was auf eine höhere Verdaulichkeit zurückgeführt werden kann, die zum Beispiel bei Rohprotein um 8 % anstieg. Bei einem Versuch mit Sauen konnte die Verdaulichkeit der organischen Masse um etwa 2 % erhöht werden. „Der mit der Fermentation verbundene niedrige pH-Wert erhöht die P-Verdaulichkeit und senkt die P-Ausscheidung, was gerade für Biobetriebe, die keine Phytase einsetzen können, von großer Bedeutung ist“, betonte Schmidle.

Zudem sei es möglich, den Gehalt antinutritiver Substanzen zu reduzieren, bei Saponinen etwa um 60 bis 80 %. Die Reduzierung der Trypsininhibitoren reiche jedoch nicht aus, um auf die Sojatoastung zu verzichten. Im elterlichen Betrieb mit 550 Sauen werden Getreide sowie Soja- und Rapsextraktionsschrot fermentiert. Die Einsatzrate bei den Ferkeln beträgt 20 %, bei den säugenden Sauen 30 % und bei den tragenden Sauen 22 %. „Diese Effekte lassen sich rechnerisch schwer ermitteln, da man Vorher und Nachher nicht sauber aufschlüsseln kann. Aber die bekannten Wirkungen der Fermentation sind schon da“, zeigte sich Schmidler überzeugt und warnte zugleich davor, dass der zusätzliche Aufwand für Management und Hygiene nicht zu unterschätzten sei.


Christian Wucherpfennig, Landwirtschaftskammer NRW