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Grünlanderhalt braucht Nutzung

31.10.2025

Zusammenfassung des Deutschen Grünlandtages

Anfang Oktober fand im hessischen Rheingau-Taunus-Kreis der Deutsche Grünlandtag statt. Dabei wurde deutlich, welche Herausforderungen es beim Themenbereich Grünland gibt. 

Grünland im Mittelgebirge
Welche Auswirkungen eine zu starke, dauerhafte Extensivierung auf die Vegetationsentwicklung hat, war ebenfalls Thema beim Gründlandtag.

Durch den starken Rückgang der Milchviehhaltung in den letzten Jahrzehnten, vor allem in den von Grünland dominierten Regionen Deutschlands, steht einem zunehmenden Grünlandanteil keine adäquate futterbauliche Nutzung mehr gegenüber. Daher wird insbesondere in vielen Mittelgebirgsregionen das Grünland zunehmend extensiv bewirtschaftet; mitunter so extensiv, dass die vielfältigen Grünlandfunktionen, vor allem im Hinblick auf die Biodiversität, künftig eventuell nicht mehr hinreichend sichergestellt werden können. 

Dauergrünland erfüllt vielfältige Funktionen: Es liefert regelmäßig nutzbare Biomasse, stellt (a-)biotische Ressourcen bereit, wirkt klimaschützend und bietet Bildungs- sowie Erholungsmöglichkeiten für die Gesellschaft. Zur Verwertung der anfallenden, nicht essbaren Biomasse des Grünlands wird jedoch eine Mindestanzahl an Raufutterfressern benötigt, da derzeit alle Verwertungsalternativen, wie etwa stoffliche Nutzung, eher Nischen bleiben und voraussichtlich auch bleiben werden. Im Gegensatz dazu fordern Natur- und Klimaschutzvertreter sowie einzelne Agrarwissenschaftler einen drastischen Abbau der Nutztierbestände, insbesondere der Wiederkäuer, wobei der erforderliche Mindestbestand an Raufutterfressern kaum thematisiert wird.

Teilnehmende der Grünlandtagung im Veranstaltungssaal
Interessiert folgten die Teilnehmer den Vorträgen und Diskussionen am Deutschen Grünlandtag in Hessen.

Diesem Themenkomplex und der daraus abgeleiteten Frage „Warum brauchen wir Weidetiere fürs Grünland?“ widmete sich der Deutsche Grünlandtag in Heidenrod, der vom Deutschen Grünlandverband und dem Bundesverband Deutscher Gallowayzüchter gemeinsam ausgerichtet wurde. 

Herausragende Bedeutung 

Bereits in den Grußworten von Dr. Heidrun Orth-Krollmann, Beigeordnete des Landrats und Umweltdezernentin des Rheingau-Taunus-Kreises, Anna Kaiser, Leiterin des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH), Karsten Schmal, Präsident des Hessischen Bauerverbands (HBV), und Michael Ruhl aus dem Referat des Staatssekretärs des Hessischen Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt (HMLU) wurden die Bedeutung und Funktionen des Grünlands für den Naturhaushalt und die Gesellschaft deutlich gemacht. Es brauche künftig verlässliche und langfristig planbare politische Rahmenbedingungen, damit das Grünland in Deutschland und die damit zusammenhängenden Nutztiere auch weiterhin ihrer großen Bedeutung und Verantwortung gerecht werden können. In diesen Punkten zeigten die Politiker und Verbandsvertreter Konsens während des Deutschen Grünlandtags.

Kritik an GAP nach 2027

Welchen Einfluss die Agrarpolitik nach der anstehenden GAP nach 2027 auf die Landwirtschaft im Allgemeinen und das Grünland im Besonderen haben könnte, skizzierte Cornelia Berns, Unterabteilungsleiterin vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH). Dabei verfolgt die GAP nach 2027 das Ziel, die Ernährung sicherzustellen und die landwirtschaftliche Entwicklung nachhaltig zu gestalten. Umwelt- und Klimaschutz sowie ländliche Räume sollen auch künftig gestärkt werden. 

Der Schwerpunkt dieses ersten GAP-Entwurfs der EU-Kommission vom Juli 2025 soll dabei auf der Konvergenz politischer Ziele, der Förderstruktur und den Umweltauflagen liegen. Finanziell wird eine Trendumverteilung zwischen Direktzahlungen, Marktmaßnahmen und Entwicklungsausgaben angestrebt, angepasst an den Haushaltsrahmen der EU. Das Direktzahlungssystem soll weiterhin aufrechterhalten bleiben. Zentral werden die Ziele aber stärker an ökologische Bedingungen geknüpft. Der nationale Spielraum soll größer werden.

Vollständig EU-finanziert sollen weiterhin die flächenbezogene Einkommenszahlung, die gekoppelten Zahlungen und die verpflichtende Kleinerzeugerregelung bleiben. Die Direktzahlung, derzeit Basisprämie, soll dem GAP-Entwurf zufolge aber einer Degression und Kappung unterliegen. Ein Punkt, der nicht nur auf Agrarministerrat-Ebene kritisch diskutiert wird. So lehnt die aus über 40 Verbänden bestehende „Verbändeplattform Grünland“ solche Regelungen in ihrem, auf dem diesjährigen Grünlandtag verabschiedeten Positionspapier ab. Darin wird betont, dass die Vielfalt der Betriebsformen und -größen sowie alle Landnutzer im Haupt- und Nebenerwerb für eine flächendeckende, intakte Kulturlandschaft zwingend gebraucht werden und ihre Berechtigung haben. 

Paradigmenwechsel und neue Anforderungen

Mit der GAP nach 2027 wäre dem Entwurf nach ein Paradigmenwechsel verbunden, so Carola Berns, weil sie die bisherigen zwei Fonds zusammenlegen und den Mitgliedstaaten mehr Flexibilität bei der Umsetzung der Ziele geben würde. Der Fokus würde auf ein ergebnisorientiertes, vereinfachtes und stärker an Umweltschutz und Risikomanagement angepasstes System gelegt werden.  

Im Rahmen des neuen GAP-Begriffs „Farm Stewardship“ sind verpflichtende Mindestanforderungen an den Umweltschutz und die soziale Konditionalität im Rahmen der GAP nach 2027 zu verstehen, die an die Stelle der bisherigen Konditionalität treten. Dieses System legt europaweit gültige Regeln für alle Landwirte fest und soll dazu dienen, eine nachhaltigere Landwirtschaft zu fördern und den Umweltschutz zu stärken.

Neuer EU-Fond

Der Fond für nationale und regionale Partnerschaften (NRP-Fonds) im Rahmen der GAP nach 2027 ist ein neuer EU-Fond, der ab 2028 die Mittel für die Gemeinsame Agrarpolitik und andere EU-Förderungen bündeln soll. Dieser würde die bisherigen Finanzierungen für die Agrar- und Kohäsionspolitik ablösen und den Mitgliedstaaten mehr Verantwortung bei der Ausgestaltung ihrer nationalen und regionalen Strategien geben. Entsprechend könnte eine stärkere Wettbewerbsverzerrung zwischen den EU-Staaten folgen, da in den Ländern wahrscheinlich unterschiedliche Schwerpunkte hinsichtlich Umweltvorgaben und Direktzahlungen gesetzt würden. für Für die Periode 2028 bis 2034 umfasst der Fond voraussichtlich 865 Mrd. € für den gesamten EU-Haushalt. Es ist aber davon auszugehen, dass die EU-Agrarmittel auch für Deutschland künftig um mindestens 25 % geringer ausfallen werden. Ein Teil der Fondgelder ist speziell für die Krisenbewältigung auf den Agrarmärkten vorgesehen. 

Insgesamt strebt die GAP nach 2027 eine Vereinfachung von Bürokratie, eine Stärkung der ökologischen und klimafreundlichen Maßnahmen sowie eine stärkere nationale Verantwortung der Mitgliedstaaten mit mehr Gestaltungsspielraum bei der Verwendung der Mittel an. Weitere zentrale Forderungen sind die Attraktivität von Agrarumweltmaßnahmen, die mit gezieltem Anreiz ausgestattet sein sollen, eine bessere Förderung von Junglandwirten sowie die Beibehaltung einer auskömmlichen Grundförderung, die auch die Inflation berücksichtigt.

Aufgrund der zahlreichen Kritikpunkte zur GAP nach 2027 von zahlreichen Verbänden und Agrarpolitikern der EU-Staaten, gibt es gegenwärtig keine seriöse Aussage dazu, wie die künftige Agrarpolitik letztlich ausgestaltet wird und was vom ersten GAP-Entwurf letztlich übrig bleibt.


Biodiversitätsrückgang auf dem Grünland

Dr. Hans Hochberg vom Deutschen Grünlandverband zeigte in seinem Fachvortrag anhand umfassender, langjähriger Untersuchungen von zahlreichen Grünlandflächen in Thüringen, welche Auswirkungen eine zu starke, dauerhafte Extensivierung auf die Vegetationsentwicklung hat. Besonders in weiten Teilen des Thüringer Walds fand seit der Wiedervereinigung 1990 eine beispiellose Extensivierung statt, die vielerorts mit einer zunehmenden Unterschreitung der grünlandspezifischen Mindestbewirtschaftung und folgend zu einer zunehmenden Verbuschung führte. Insbesondere der Bestand rauhfutterfressender Tiere, wie Milchvieh und Schafe, ist seit 35 Jahren in Thüringen extrem zurückgegangen. Lediglich Mutterkühe zeigen noch eine weitgehend stabile Population auf. 

Gruppe auf Grünlandfläche
Die Exkursionsgruppe auf einer Grünlandfläche. 

Hochberg verdeutlichte, dass bei einem Verbuschungsgrad von über 30 % vor allem Rote-Liste-Arten des Grünlands extrem stark zurückgedrängt würden. Der Referent machte anhand seiner Untersuchungen deutlich, dass undifferenzierte Vorgaben der Grünlandbewirtschaftung, etwa durch exzessive Aushagerung und langjährig konsequenten Düngungsverzicht, durch übertrieben späte Nutzungstermine und durch Unternutzung ein deutlicher floristischer Artenverlust einhergeht. Viele ehemals artenreiche Grünlandgesellschaften, insbesondere die des Biotopgrünlands – zum Beispiel Rotschwingel-Straußgraswiesen – seien dadurch im Laufe der Jahre durch Weiches oder Wolliges Honiggras überprägt worden. Folgend kam es zu einem starken Rückgang an floristischer und faunistischer Artendiversität. 

Dr. Hochberg forderte daher bei der Ausgestaltung von AUKM eine stärkere Differenzierung und eine auf Grünlandtyp/-gruppen bezogene Ausrichtung. In seinem Fazit hob er hervor, dass insbesondere Weidetiere unverzichtbarer Partner für den Arten- und Biotopschutz im Grünland seien. Um das gestellte Ziel des nachhaltigen Grünlanderhalts zu erreichen, sei jedoch ein Mindestbesatz an Raufutterfressern essenziell. Ebenso müsse es einen stärkeren Konsens zwischen den Vorgaben und Zielvorstellungen des Naturschutzes und der praktischen Umsetzbarkeit durch Landwirte geben. Die Botschaft an Politik und Gesellschaft des Deutschen Grünlandverbands lautet daher: Ohne regelmäßige Mahd, ausreichend Weidevieh und faire Bezahlung der Leistungen der Landwirte, erhalten wir das multifunktionale Grünland nie.

Wozu noch Nutztiere?

Große Aufmerksamkeit mit seinem Vortrag erreichte auch Wilhelm Windisch, emeritierter Professor für Tierernährung an der TU München. Er ging der politisch wie gesellschaftlich diskutierten, provokanten Frage nach, ob bei einer wachsenden Weltbevölkerung und eines Klimawandels noch Nutztiere gebraucht würden. Dabei zeigte Prof. Windisch zunächst das vermeintliche Konfliktpotenzial hinsichtlich Landnutzungsänderung, Umweltverschmutzung, Klimarelevanz und Biodiversitätsverlust auf, das mit einer zunehmenden Tierhaltung im Zusammenhang stehe. Auch die künftige, eventuell wachsende Konkurrenzsituation zwischen „Teller, Trog und Tank“ wurde von Windisch kritisch diskutiert. Schon heute gehen etwa ein Drittel der weltweiten Getreideernte und der überwiegende Anteil der Sojaernte in die Nutztierfütterung. Gleichzeitig sei ein zunehmender Rückgang an Nutzfläche pro Erdenbürger zu verzeichnen. 

Tiere auf Grünlandfläche
Weidetiere fürs Grünland: Zur Verwertung der anfallenden, nicht essbaren Biomasse muss es eine Mindestanzahl an Raufutterfressern geben. 

Prof. Windisch wies bei der Diskussion um die Nahrungskonkurrenten Mensch gegen Nutztier aber gleichzeitig auf deren enge Verzahnung hin. Das Bindeglied sei die landwirtschaftliche Biomasse, deren Umfang weitaus größer wäre als die erzielte Menge veganer Nahrungsmittel für den Menschen. So sei etwa mindestens die Hälfte der für Nahrungsmittel erzeugten Biomasse für den Menschen nicht verwertbar. Gleichzeitig fallen bei der Erzeugung pflanzlicher Nahrungsmittel für Menschen große Biomassemengen an, die enorme Nährstoffmengen enthalten und die sich zum erheblichen Anteil als Futtermittel für Nutztiere eignen. Auch auf den großen Nutzflächenanteilen des Graslands in Mitteleuropa von 30 bis 40 % beziehungsweise weltweit von 70 %, das nicht als Ackerland nutzbar ist, werde Biomasse erzeugt, die nur durch Raufutterfresser adäquat verwertbar sei. Dadurch werden zusätzliche, hochwertige Nahrungsmittel produziert.

Ausgeglichene Nährstoffkreisläufe

Ein weiterer Aspekt, der die Bedeutung der Nutztierhaltung für die landwirtschaftliche Pflanzenproduktion rechtfertigt, ist, dass über die Ausscheidungen der Tiere die zurückgeführten Nährstoffe der zuvor verfütterten, nicht essbaren Biomasse, ein hochwertiger, lagerbarer Dünger entsteht. Die Schließung von Nährstoffkreisläufen über Gärreste oder Wirtschaftsdünger kann den Feldertrag im Vergleich zum bloßen Verrotten nicht essbarer Biomasse jedoch verdoppeln. Unter dieser Prämisse bestehe eine hochgradig effiziente Nutzung von nicht essbaren Koppelprodukten. Es entstehen tierisch veredelte Nahrungsmittel und ein ertragssteigernder Dünger. 

Künftig wird es nach Prof. Windisch bei einer wachsenden Weltbevölkerung stark darauf ankommen, die begrenzt verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche mit einem hohen Maß an Ökoeffizienz zu nutzen. Dies gelinge jedoch nur unter Einbindung von Nutztieren im Rahmen ausgeglichener Nährstoffkreisläufe. Raufutterfresser, vor allem Wiederkäuer, würden hierbei eine zentrale Rolle einnehmen.

Biotop-Pflege nicht zum Nulltarif

In einem letzten Vortrag zu den Kosten der Biotop-Pflege mit Schafen und Mutterkühen machte Felix Rössing, KTBL Darmstadt, anhand umfassender ökonomischer Kennzahlen deutlich, dass die extensive Biotop-Grünlandpflege durch Tiere nur durch erhebliche Fördermittel aus verschiedenen Programmen wirtschaftlich tragfähig sei. In der Praxis der Tierhalter im Voll- oder Nebenerwerb sind die Direkt- und Arbeitserledigungskosten oft kaum bekannt. Anhand konkreter Kalkulationsbeispiele von Streuobstwiesen zeigte Rössing eindrucksvoll, dass insbesondere die Winterfütterung bei der Kostenseite erheblich zu Buche schlägt. So können die Futterkosten im Winterstall für ein Mutterschaf bei 58,05 ct/Tag und bei der Mutterkuh bei 4,14 €/Tag liegen. Bei Kostenkalkulationen der Biotop-Pflege mit Mutterkühen und Schafen sollten Marktpreise für die Futterreserven in Ansatz gebracht werden.


Hubert Kivelitz, Landwirtschaftskammer NRW