Gesunde und vitale Kälber sind nicht nur die Basis für eine leistungsstarke Kuhherde, sondern auch das Ergebnis eines ganzheitlichen Managements. Entscheidend für eine erfolgreiche Kälberaufzucht ist, die Methoden zu finden, die optimal zu den individuellen Betriebsbedingungen passen.
Die Grundlage ist die erste Kolostrumgabe. Die nötige Menge ist vom Geburtsgewicht abhängig. Richtwert für die Tränkemenge sind mindestens 10 % des Körpergewichts bei entsprechend hoher Qualität – also mindestens 22 % Brix. Viele Betriebe orientieren sich für die Tränkephase an Standard-Tränkekurven. Diese bieten eine hilfreiche Basis. Doch in der Praxis gibt es unterschiedliche betrieblichen Abläufe und Infrastruktur, was auch Einfluss auf die optimale Tränkekurve und Fütterungsstrategie hat.
Vollmilch oder Austauscher?
Vollmilch liefert hochwertige Nährstoffe und ist sehr gut verdaulich. Allerdings können Zusammensetzung und Qualität je nach Kuh, Laktationsstadium und Fütterung schwanken. Rohmilch kann Krankheitserreger enthalten, sehr fettreiche Milch Verdauungsprobleme verursachen, und bei Kühen mit hohen Milchleistungen können Vitamine oder Spurenelemente fehlen. Für die Tränke wird mindestens 8 Liter Vollmilch täglich empfohlen. Ein Vollmilch-Aufwerter kann fehlende Spurenelemente und Vitamine ausgleichen. Milchaustauscher (MAT) basieren häufig auf Magermilchpulver und zusätzlichen Komponenten. Die Zusammensetzung variiert je nach Hersteller und Produktlinie. Ein Vorteil von MAT ist die konstante Nährstoffversorgung. Wichtig ist eine hochwertige Zusammensetzung: Ein MAT sollte mindesten 40 %, besser 50 % Magermilchpulveranteil enthalten; außerdem mehr als 20 % Rohprotein und über 16 % Fett liefern, um eine hohe Verdaulichkeit zu gewährleisten und den Tagesbedarf eines 50 kg Kalbes von 22 bis 24 MJ ME zu decken. Wichtig ist die korrekte Dosierung des MAT.
Tränkemenge anpassen
Entscheidend ist auch, die Kälber nicht zu knapp zu füttern: Um in den ersten vier Lebenswochen eine tägliche Zunahme von etwa 850 bis 1 000 g zu erreichen, benötigt jedes Kalb rund 1,3 bis 1,5 kg MAT pro Tag. Wissenschaftliche Arbeiten belegen, dass jedes Gramm höhere Tageszunahme in der Saugphase später etwa 2 l mehr Milch in der ersten Laktation bedeutet. Eine restriktive Tränke bedeutet meist 8 l pro Tag zu festen Uhrzeiten. Ziel sind gute Tageszunahmen (850 bis 1 000 g) bei gleichzeitiger Strukturierung von Arbeitsabläufen. In den meisten Betrieben sind zwei bis drei Mahlzeiten praktikabel. Mehrere kleine Mahlzeiten haben Vorteile: Eine Untersuchung der Universität Wisconsin zeigt, dass eine dreimal tägliche Fütterung im Vergleich zu zweimal täglich die Tageszunahme um rund 17 % verbessert.
Automat ist kein Selbstläufer
Beim Kälbertränke-Automaten sind die richtige Einstellung sowie die korrekte Funktionsweise und Kalibrierung entscheidend. Wichtig ist die richtige Konzentration der MAT-Tränke, wie auch die Tränketemperatur (37 bis 40 °C) und mindestens 1,5 bis 2 l Milch pro Mahlzeit. Regelmäßige Technikkontrollen und das Kalibrieren von Wasser- und MAT Mengen verhindern Unter- oder Überversorgung.
Wasser und Futter
Neben der Milchaufnahme ist die Beifütterung wichtig für die Kälbergesundheit. Studien zeigen, dass das Angebot von Wasser bereits ab dem ersten Lebenstag positive Effekte auf die Milchaufnahme, Zunahmen und Futterverwertung nach dem Absetzen hat. Das Wasser sollte frei aus einem Eimer oder einer Schale aufgenommen werden, sodass es direkt in den Pansen gelangt. Eine Kälber-Trocken-TMR ist besonders beliebt und wird als Alleinfutter angeboten. Die Jungtiere erhalten Kraft- und Grobfutter im richtigen Verhältnis. Die schmackhaften Komponenten und eine gute Futterhygiene sorgen für eine hohe Akzeptanz. Kälbermüsli und Wasser sollten in der Einzelhaltung immer nur in kleinen Mengen angeboten werden, damit die Qualität erhalten bleibt und die Aufnahme kontrolliert werden kann. Die Trocken-TMR kann ab dem zweiten Lebenstag bis zwei bis drei Wochen und weiter nach dem Absetzen angeboten werden. Danach kann man sie mit der Kuhration vermischen.
Ausreichend Energie
Das Absetzen der Milch sollte erst dann erfolgen, wenn die Futteraufnahme ausreichend hoch ist und den Energiebedarf deckt.
- 1 l Vollmilch entspricht etwa 0,25 bis 0,3 kg Kraftfutter
- Energiegehalt 1 l Vollmilch: etwa 2,4 MJ ME
- Energiegehalt 1 kg Kälber-TMR/Kälbermüsli: etwa 13 bis 14 MJ ME
Ein Fütterungsbeispiel
Trinkt ein Kalb 10 l Milch pro Tag, was ungefähr 24.0 MJ Energie entspricht, muss es beim Absetzen etwa 2,0 bis 2,2 kg Kälber-TMR/ Kälbermüsli aufnehmen, um den Energiebedarf zu decken. Die Milchmenge sollte nicht um mehr als 2 l pro Woche reduziert werden. Ebenso sollten verschiedene Umstellungen, wie Milchtränke, Futter oder Haltung, nie gleichzeitig erfolgen. Jede Veränderung sollte mit zeitlichem Abstand erfolgen, damit das Kalb keinen Stress erfährt, seine Futteraufnahme stabil bleibt und der Übergang zuverlässig gelingt.
Dabei ist zu berücksichtigen: Milch, Milchaustauscher und Kälber-Trocken-TMR sind zwar kostenintensiv, ermöglichen aber den höchsten Körpermassezuwachs: Für 1 kg Gewichtszunahme benötigen Kälber nur 2 bis 2,5 kg Trockenmasse, also eine Futtereffizienz von rund 50 %. Nach dem Absetzen sinkt diese Effizienz deutlich – auf 3 bis 4 kg TM-Aufnahme für 1 kg Gewichtszunahme.
Isabell Lachenit, Landwirtschaftskammer NRW