Die Kälbertransportregelung, nach der Kälber erst in der fünften statt in der dritten Woche den Betrieb verlassen dürfen, wurde 2023 mit der Begründung umgesetzt, dass ältere Kälber stabiler sind und den Transport besser verkraften können. Doch wie steht es um die immunologische Lücke, die in diesen Zeitraum fällt?
Transporte sind seit jeher ein wichtiger Faktor für die Entstehung von Erkrankungen. Besonders häufig treten hier Atemwegserkrankungen auf, die im Englischen oft als ‚shipping fever‘, also als transportbedingter Allgemeininfekt zusammengefasst werden. Auf einem Transport kommen meist verschiedene begünstigende Faktoren zusammen: Die Verladung auf ein Fahrzeug und der rollende Transport sind für viele Jungrinder etwas vollkommen Neues und daher mit Stress verbunden. Stresshormone, die dabei die Alarmreaktion des Körpers unterstützen, bremsen gleichzeitig die Aktivität der körpereigenen Abwehrzellen und machen den Körper weniger wehrhaft gegen Infekte.
Was sind die Gründe?
Zwischen Stall, Transporter und neuem Stall können zudem erhebliche Klimaunterschiede bestehen, die den Tieren eine hohe Anpassungsleistung abverlangen und den Körper belasten. Bis dahin vorhandene, aber still-schlummernde Erreger können diese Schwächephase nutzen und sich im Körper ausbreiten, sodass Erkrankungen schon kurz nach dem Transport ausbrechen. Wenn gleichzeitig Tiere aus verschiedenen Herden aufeinandertreffen, entsteht eine bunte Mischung von verschiedenen Keimen, die auf bisher nicht gegen diese Erreger geschützte Wirtstiere treffen. Daher sind schwere Infektionswellen einige Tage nach der Zusammenstellung neuer Gruppen kaum zu vermeiden.
Mütterlicher Schutz flaut ab
Bekanntlich sind Kälber in den ersten Lebenstagen zwingend auf den mütterlichen Schutz angewiesen, den sie durch die frühe und reichliche Aufnahme von Kolostrum erhalten. Zahlreiche Studien haben gezeigt: Je besser die Versorgung in den ersten Lebensstunden ist, desto besser entwickeln sich die Kälber, sind später gesünder und leistungsstärker. Doch dieser erste Schutz ist endlich: Die übertragenen Antikörper, sprich Immunglobuline, werden verbraucht und vom Körper abgebaut, sodass nach einiger Zeit die körpereigene Abwehr übernehmen muss.
Dafür braucht es neben ausreichend Energie und Nährstoffen auch das richtige Training der Abwehrzellen durch Kontakt mit den herdentypischen Keimen und durch Impfungen. Im klassischen Lehrbuch wird der Übergang vom mütterlichen auf den Eigenschutz, die sogenannte immunologische Lücke, irgendwo zwischen der dritten und sechsten Lebenswoche dargestellt. Daher scheint es logisch, wenn Kälber eher früh mit einem noch guten mütterlichen Schutz in der dritten Lebenswoche transportiert werden als in der fünften, wenn vom kolostralen Schutz nicht mehr viel übrig ist und das eigene Immunsystem gerade erst Laufen lernt.
Neue Erkenntnisse
Schaut man in die jüngere wissenschaftliche Literatur, wird die immunologische Lücke immer mehr infrage gestellt. Sie ist in erster Linie eine Folge einer zu geringen Kolostrumaufnahme. Fällt die frühe Versorgung zu knapp aus, ist der mütterliche Schutz schneller aufgebraucht, als dass der Eigenschutz ausreichend stark geworden ist. Studien haben für die mütterlichen Antikörper aus dem Kolostrum eine Halbwertszeit von zehn bis 16 Tagen ermittelt. Das heißt, dass sich nach dieser Zeit der Blutspiegel halbiert und so je nach Ausgangslage nach zwei bis fünf Wochen die mütterlichen Antikörper als alleiniger Schutz nicht mehr ausreichen, siehe Grafik 1. Zugleich baut ein gut versorgtes Kalb aber auch ab dem ersten Tag seine eigene Abwehr auf, sodass diese im besten Fall ab der sechsten Woche alleine für den Schutz des Körpers sorgen kann. Da sich beide Schutzsysteme gegenseitig ergänzen, kann idealerweise das Abklingen der kolostralen Antikörper durch die allmähliche Ausbildung des eigenen Schutzes kompensiert werden.
Die Abwehrzellen sind ab dem ersten Lebenstag aktiv und tragen so täglich mehr zum anhaltenden Schutz bei. Es ist aber auch erwiesen, dass diese Zellen erst ausreifen müssen, um ihre volle Leistung zu erreichen. Ältere Kälber sind demnach auch im Bereich der Zellen abwehrstärker als jüngere Kälber.
Folgen für das Kalb
Messungen von Blutwerten im Labor sind hilfreich, um die Abwehrkräfte der Kälber einzuschätzen. Wirklich sicher lassen sich Effekte auf das ganze Tier aber nur durch Experimente mit lebenden Tieren untersuchen. Dafür wirken im Bereich der Infektabwehr einfach zu viele Faktoren zusammen.
Um die Auswirkungen eines unterschiedlichen Transportalters auf die Kälbergesundheit zu untersuchen, wurde in den Niederlanden durch die Universität Wageningen ein Großversuch mit knapp 700 Mastkälbern - Fleischkreuzungen und Holsteins - durchgeführt: Während die eine Hälfte der Tiere konventionell am 14. Lebenstag auf Mastbetriebe verbracht wurde, wurden die anderen Kälber aus den gleichen Herkunftsbetrieben erst am 28. Lebenstag auf die gleichen Mastbetriebe transportiert. Somit bestand der einzige relevante Unterschied im Transportalter. Hohe Ähnlichkeiten bestanden auch bei den Laborwerten: Hier hatten die untersuchten Kälber insgesamt ähnliche Antikörper-Blutspiegel am Ende der ersten Lebenswoche und auch der Tiefpunkt der Schleimhautschutz-bildenden Antikörper (IgA) lag bei beiden Gruppen in der vierten Lebenswoche, siehe Grafik 2.
Die deutlichen Unterschiede zeigten sich erst in der weiteren Entwicklung der Kälber. So wurden die Kälber mit dem höheren Transportalter, sprich die 28-Tage Kälber, seltener medikamentös behandelt, auch wenn der Antibiotika-Einsatz ähnlich war. Weiterhin war die Zahl der Todesfälle in dieser Gruppe nur halb so hoch und die Schlachtkörper am Ende der standardisierten Kälbermast mehr als 9 % schwerer. Die später transportierten Kälber waren somit deutlich robuster und haben diesen Vorteil in bessere Gesundheit und Wachstum umgesetzt.
Fazit für die Praxis
Diese Studie zeigt also deutlich, dass keine negativen Effekte durch das höhere Transportalter zu erwarten sind, wenn die sonstige Behandlung der Kälber vor dem Transport gleichbleibt. Klar ist aber auch, dass sich die Betreuungsarbeit auf den Herkunftsbetrieben erhöht, wenn mehr Kälber länger bleiben.
Mit der am 1. Januar 2023 eingeführten Vorschrift verbunden ist aber auch die Pflicht, alle Kälber mit ausreichend geeignetem Futter zu versorgen. Wird diese Pflicht nicht erfüllt, kann dies als Verstoß gegen Tierschutzvorschriften im Ordnungs- und auch im Prämienrecht geahndet werden. Dieser Mehraufwand besteht neben der erhöhten Fütterungsarbeit auch in einem höheren Verbrauch von Milch oder Milchaustauscher.
Insbesondere für ökologisch wirtschaftende Betriebe besteht hier die Pflicht zur Vollmilchtränke, auch wenn die Kälber anschließend mangels aufnehmender Biomastbetriebe oft konventionell vermarktet werden müssen. Dabei sind bei drei Wochen alten Kälbern Tränkemengen über 12 l Milch pro Tag einzuplanen, um bedarfsdeckend zu füttern.
Eine Verschiebung des Transportalters hinein in die klassische immunologische Lücke als bekannte Schwächephase wirkt daher auf den ersten Blick unlogisch. Betrachtet man aber die Entwicklung der Körperabwehr als Ganzes und nimmt auch die Ergebnisse der großen niederländischen Transportstudie zur Kenntnis, ist zu erwarten, dass insgesamt die positiven Effekte für das transportierte Kalb überwiegen werden, wenn Haltung und Fütterung auf Herkunfts- und Aufnahmebetrieb auf einem guten Niveau sind. Ohne Risiko wird der Einkauf von Kälbern verschiedener Herkünfte dennoch nie sein, sodass feste Lieferbeziehungen langfristig immer das Ziel sein sollten.
Dr. Ole Lamp, Christian-Albrecht-Universität, Kiel