Für ökologische Milchkuhbetriebe ist die Kälberweide verpflichtend. Doch auch unabhängig von gesetzlichen Bestimmungen spricht viel für das Haltungssystem – und das nicht nur für Biobetriebe.
Regelmäßiger Weidegang fördert Tierwohl und Tiergesundheit. Die Weide bietet Platz und einen griffigen Boden bei passender Witterung. Der Bewegungs- und Spieldrang der jungen Tiere kann auf der Weide bestens gelebt werden. Sie können ihr arteigenes Verhalten unter Gleichaltrigen in der Gruppe ideal ausleben und lernen bereits sehr früh Weidefutter zu fressen. Ausreichend Sonnenlicht ist Voraussetzung für die Bildung von Vitamin D zur Knochenbildung und somit zur Förderung gesunden Wachstums. Eine gut geführte Kurzrasenweide bietet den Kälbern eine hochwertige Futtergrundlage, die der natürlichen Ernährung der jungen Wiederkäuer entspricht und einem Kraftfutter in der Regel auch ökonomisch überlegen ist.
Möglichkeiten prüfen
Aufgrund des relativ geringen Flächenbedarfs und Tiergewichts ist das Angebot von stallnahen Kälberweiden in der Praxis häufig einfach umsetzbar. Gibt es dort keine geeigneten Flächen, muss im Gesamtbetrieb umgedacht werden:
- Triebwege eventuell bauen oder abzäunen, um die Kälber täglich auf nahe liegende Weideflächen zu treiben. Daran gewöhnen sich die Kälber ebenso schnell wie an das Führen am Halfter. Beide Varianten sind zeitaufwändig und nicht in jeden Betriebsalltag problemlos zu integrieren. Ein positiver Aspekt: Im Ergebnis entwickeln sich die Kälber erfahrungsgemäß dann zu sehr zutraulichen Rindern oder Milchkühen.
- Werden während der Weidezeit Ställe von anderen Tiergruppen frei, von denen ein Weidezugang einfacher zu realisieren ist, könnten dort (saisonal) eventuell Kälber gehalten werden. Dort muss unter anderem geprüft werden, dass Fressgitter und Spaltenmaße passen. Die Höhe der Tränken und des Futtertisches muss sich ebenso eignen.
- Die Kälber gehen für die Weidezeit auf eine vom Stall entferntere Weide – eventuell mit einem Unterstand. Dann ist es besonders wichtig, die Kälber nicht auf der Weide zu vergessen. Es muss sich bewusst die Zeit genommen werden, die Kälber zu beobachten.
Gute Entwicklung auch mit Vollweide
In einem Weideprojekt der Landwirtschaftskammer NRW im Ökobetrieb von Haus Riswick mit Weidekälbern ab dem vierten Lebensmonat hat sich das System der Kurzrasenweide mit seinen qualitativ hochwertigen, energiereichen und hoch verdaulichen Gräsern und Weißklee für die Kälberaufzucht sehr bewährt. Die Entwicklung der Kälber auf der Vollweide erfüllte mit etwa 800 g Tageszunahmen die Erwartungen an eine bedarfsgerechte Kälberaufzucht. Der Zuwachs unterlag jedoch starken täglichen und monatlichen Schwankungen von 400 g/Tier/Tag im Mai 2017 bis 1200 g/ Tier/Tag im August 2016, siehe Grafik 1. Diese lassen sich leicht begründen durch wechselnde Witterungsbedingungen und die daraus resultierende Futterquantität und -qualität oder der Fressunlust während ausgeprägter Niederschlagsphasen.
Gut zu beobachten war in den Versuchsjahren das kompensatorische Wachstum: Zeiträume mit geringen Lebendmassezunahmen, etwa bei nass-kalter Witterung oder in extrem trockenen Sommermonaten, werden in wüchsigen Phasen mit besonders großen Wachstumsschüben kompensiert. Bei zu langen Extremwitterungsverhältnissen sollten Kälber ohne Stallzugang und Zufütterung besser aufgestallt werden, um nicht zu viel tierische Zuwachsleistung zu verlieren und gesund zu bleiben.
Der Weideabtriebszeitpunkt im Herbst ist so zu wählen, dass bei ungünstiger Herbstwitterung nicht zu viel Leistung im Vergleich zu einer bedarfsdeckenden Stallfütterung verloren geht. Ein anhaltender Leistungseinbruch nach der Herbstaufstallung ist zu vermeiden. Kälber, die etwas zu schwach entwickelt von der Weide zurückkommen, können im Stall mit der Kuhration bei erfahrungsgemäß hoher Futteraufnahme die stagnierende Entwicklung wieder schnell kompensieren. Spätestens nach einigen Wochen sollte dann auf eine Rinderration umgestellt werden, damit die Rinder je nach Rasse bis zur Besamung nicht zu stark verfetten.
Notwendige Zufütterung
Zum Weideaufwuchs muss es für die Kälber möglich sein, Mineralstoffe und Vitamine aufzunehmen. Dazu werden Leckschalen in der Regel gerne angenommen – hierbei auf die Akzeptanz achten. Der Zugang zu frischem, sauberem Tränkewasser muss immer gewährleistet sein.
Weideaufwuchs und Körperkondition der Kälber müssen gut im Blick behalten werden. Scheinen die jungen Tiere nicht mehr ausreichend Futter auf der Weide zu finden, kann mit gutem Heu und eventuell mit Kraftfutter oder der Laktationsmischung dem Futtermangel und einer Wachstumsdepression vorgebeugt werden. Ein zu großes und attraktives Futterangebot im Stall wirkt bei den abgesetzten Kälbern und Rindern schnell kontraproduktiv. Es besteht die Gefahr, dass nicht mehr so fleißig geweidet wird. Der Weideaufwuchs wird dann nicht effizient genutzt und es entstehen ökonomische Einbußen.
Tränkekälber oder Jungtiere in der Phase des Absetzens, die noch nicht ausreichend Weidefutter von mindestens 3 kg TM/Tier/Tag aufnehmen können, sind hiervon ausgenommen. Ihnen ist im Stall oder an einem trockenen Standort auf der Weide Milch und Kraftfutter beziehungsweise ein Kälbermüsli, die Kälbermischration oder die Laktationsmischung bei Absetzern anzubieten. Zudem muss bei den Tränkekälbern noch strikter die Wasseraufnahme kontrolliert und durch ausreichend saubere Tränken an attraktiven Orten gefördert werden. Besonders bei hohen Sommertemperaturen deckt das in der Milch enthaltene Wasser nicht deren Tränkewasserbedarf ab – die Kälber leiden schnell unter Wassermangel.
Behutsame Weidegewöhnung
In der Versuchszeit ergaben sich auch Hinweise darauf, dass eine kontinuierliche Weidegewöhnung notwendig ist. Nach abrupter Umstellung der Kälberaufzucht von Milchversorgung und bedarfsgerechtem Fütterungsangebot auf Weidegang ohne Zufütterung im Jahr 2019 stiegen die Zuwachsleistungen der Kälber nur verhalten, stagnierten und gingen tierindividuell phasenweise sogar zurück, siehe Grafik 2. Im Durchschnitt der beiden Weidejahre 2018/19 konnten täglich 770 g Tageszunahmen je Weidetier erzielt werden. Versuchsergebnisse aus den Weidejahren 2015 bis 2017 bestätigen Tageszunahmen von mittleren 800 g je Tier/Tag während der gesamten Weideperioden nur durch Weidegang ohne Zufütterung – allerdings nach kontinuierlicher Weidegewöhnung der Kälber. Das deutet darauf hin, dass das Fressen des Weideaufwuchses qualitativ hochwertiger Kälberweiden im System der Kurzrasenweide zunächst gelernt sein muss. Um die Umstellung der vier bis fünf Monate alten, abgesetzten Tiere auf das Weidefutter zu erleichtern, gibt es zwei Möglichkeiten:
Variante 1: Früher Weidezugang
Den Kälbern wird bereits während der dreimonatigen Aufzuchtperiode Weidezugang gewährt, sodass sie sehr früh lernen, Gräser und Klee zu fressen. Praxiserfahrungen zeigen, dass gesunde Tiere schon zum Ende der ersten Lebenswoche von einem freien Zugang zu Weideflächen profitieren – unabhängig von der Jahreszeit. Wichtig sind entsprechend trockene Witterungsbedingungen ohne Wind- und Sturmböen sowie abgetrocknete Weideböden.
Neben einem eingestreuten und geschützten Liegebereich in Stall, Iglu oder Hütte muss im Winter Zugang zu beheizbaren Tränken für eine frostfreie Wasserversorgung bestehen. Die Zufütterung von gutem Heu kann ad libitum, eventuell über einen Futterspielball witterungsgeschützt im Stall erfolgen. Ebenso können neben der Milchtränke Trockenmischrationen oder die Laktationsmischung im Stall angeboten werden. Die sehr zeitige Weidefutteraufnahme bei Milchkälbern fördert die Weidegewöhnung ideal und ist Voraussetzung für hohe Aufnahmen und Zuwachsleistungen auf der Weide bei heranwachsenden Kälbern und Jungrindern.
Variante 2: Kontinuierlicher Übergang
Die Absetzkälber erhalten zunächst für eine Übergangsphase im Rahmen der Halbtagsweide neben dem Weidegang auf der Kurzrasenweide noch einen Zufutteranteil im Stall – zum Beispiel die Mischration der laktierenden Kühe. Bei 150 bis 200 kg schweren Kälbern sollte dann eine TM-Aufnahme von etwa 1,5 bis 2 kg/Tier/Tag über eine Mischration im Stall erfolgen – dazu die TM bestimmen und wiegen. Die andere Hälfte sollte dann aus Weidefutteraufnahme geleistet werden.
Je nach Futterangebot auf der Weide kann die Stallration dann langsam ausgeschlichen werden. Ein zu großes Futterangebot im Stall wirkt kontraproduktiv, da dann die Gefahr einer zu geringen Weidefutteraufnahme besteht mit der Folge des fehlenden Lern- und Gewöhnungsprozesses der Kälber an die Weide und außerdem ein gutes Management der Kurzrasenweide mit allen Vorteilen fehlt.
Standort und Witterungsschutz
Im Idealfall grenzt die Kälberweide an ein Stallgebäude, sodass hier ein offener Zugang möglich ist. So kann der Schutz vor extremen Witterungseinflüssen oder bei Bedarf eine einfache Zufütterung angeboten werden. Erfahrungen von Praxisbetrieben und aus dem Ökobetrieb Haus Riswick zeigen, dass ein Witterungsschutz auch bei den gerade erst abgesetzten Kälbern nicht unbedingt notwendig ist. Voraussetzung ist hier ein guter Ernährungs- und Gesundheitszustand der Kälber. Gut entwickelte Kälber können auch niedrige Temperaturen draußen gut überstehen. Wichtig ist, dass sie vor allem in dieser Zeit ausreichend Futter haben.
Tierbeobachtung ist das A und O, um mit einem geschulten Blick schnell Veränderungen zu erkennen und durch Zufütterung oder kurzfristiger Aufstallung negativen Folgen entgegenzuwirken. Als Schutz vor intensiver Sonneneinstrahlung, Nässe und Wind sollte zumindest ein trockener, windgeschützter Liegeplatz vorhanden sein. Dafür kann schon ein einfacher Unterstand oder ein Großraumiglu – Beschattung im Sommer – ausreichen. Diese sollten in Hauptwindrichtung geschlossen sein. Bei ihnen ist auch auf eine sichere Umzäunung mit einer ausreichend tiefen untersten Stromlitze und eine Gewöhnung der Kälber zu achten.
Parasitenmanagement und Weidehygiene
Die wenige Monate alten Kälber sind in der Regel immunschwach. Um sie möglichst gesund zu erhalten, ist insbesondere auf einen guten Ernährungszustand und ein stetiges Parasitenmanagement Wert zu legen. Immunschwache Kälber sind anfällig für auf der Weide anfallenden Parasiten, wie Magen-Darm- und Lungen-Würmer.
Ein hochgradiger Befall kann zu Wachstumsverzögerungen, Durchfall, Gewichtsverlust und in schweren Fällen auch zum Tod führen. Daher ist ein effektives Parasitenmanagement wichtig. Ein geringgradiger Parasitenbefall beeinträchtigt frohwüchsige, gut entwickelte Kälber auf Weiden mit qualitativ hochwertigem Futteraufwuchs erfahrungsgemäß nicht. Zusätzlich kann die Immunabwehr phytotherapeutisch oder homöopathisch stabilisiert werden.
Rinderweiden werden nie frei von Weideparasiten sein. Der Parasitendruck kann jedoch über eine gute Weidehygiene geringgehalten werden. Dazu gehört das Entfernen von Kotablagerungen und das Mähen der Weide vor dem Austrieb. Am besten werden die Kälber erst nach einem ersten Schnitt auf die Weide getrieben. Damit werden die Larven größtenteils von der Weide entfernt. Verbleibende Parasiten können bei einem kürzeren Aufwuchs durch die UV-Strahlung dezimiert werden.
Ein späterer Auftrieb ab Juni kann ebenfalls helfen, die Aufnahme von überwinternden Larven zu reduzieren, da diese bis dahin absterben können. Biobetriebe müssen schon bei Beginn der Vegetationsperiode mit der Kälberweide beginnen. Hier sind im Idealfall zunächst Weiden zu bestoßen, auf denen im Herbst zuvor keine Rinder geweidet haben. Alternativ kann auch ein Pflegeschnitt im Herbst den Parasitendruck verringern.
Entwicklung der Immunabwehr
Im Ökobetrieb Haus Riswick zeigte ein regelmäßiges Parasitenmonitoring zwischen 2015 und 2017 im Abstand von acht Wochen, dass die Kälber acht Wochen nach dem Weideaustrieb geringgradig mit Magen-Darm-Würmern infiziert waren, siehe dazu Grafik 3. Der Belastungsstatus nahm bis zum September hin zu, ging aber im Herbst bis zur Aufstallung wieder deutlich zurück.
Das Immunsystem der Kälber hat sich nach dem Befall ohne chemisch-synthetische Wurmkur nachvollziehbar stabilisiert. Die Immunabwehr wurde durch regelmäßige Abrotanum-Kuren homöopathisch unterstützt. Nur gesunde, wüchsige Kälber mit stabilen Zuwächsen sind in der Lage einem Parasitenbefall so gut standzuhalten.
Die Beobachtung der Weidetiere und die Blickschulung für Körperkondition, Haarbeschaffenheit und das Allgemeinbefinden der Kälber hat höchste Priorität. Die ausreichende Versorgung der Weidekälber mit Nährstoffen, Mineralstoffen und Vitaminen, der Zugang zu frischem, sauberem Wasser sowie ein angemessener Schutz vor Witterung mit trockener Liegefläche unterstützen das Immunsystem und helfen dem Kalb dabei, Infektionen besser zu verkraften.
Regelmäßige Kotuntersuchungen können helfen, den Parasitendruck zu überwachen und bei Bedarf eine gezielte Behandlung einzuleiten. Auf einer sauberen Weide kann das Monitoring nach etwa zwei Monaten erfolgen. Werden die Kälber auf Weiden aufgetrieben, auf denen bereits Rinder weideten, sollte das Monitoring früher starten. Dazu etwa drei bis vier Wochen nach dem Weidaustrieb abwarten, da erst dann die Eier im Kot erscheinen. Die Kotuntersuchungen sind ein geeignetes Mittel, um den Einsatz von Entwurmungsmitteln als Heilbehandlung zu begründen, und eine Voraussetzung für deren Anwendung in der ökologischen Tierhaltung.
Anne Verhoeven und Judith Stratbücker,
Landwirtschaftskammer NRW