Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der Rinder und Milchkühe in Nordrhein-Westfalen wieder an, nachdem die Bestände in den Vorjahren kontinuierlich zurückgegangen waren. Warum gibt es wieder mehr Rinder und wie entwickelten sich die Zahlen in den Regionen? Der Strukturwandel setzt sich weiter fort: Immer mehr rinderhaltende Betriebe geben auf.
Aus der Frühjahrszählung des IT.NRW gehen rd. 1,23 Mio. gehaltene Rinder hervor. Sie waren zum Stichtag 3. Mai 2026 in der HIT-Rinderdatenbank gemeldet. Dort werden Betriebsstätten erfasst, deren Anzahl von der Zahl der Halter etwas abweichen kann. Hintergrund ist, dass einzelne Höfe ihre Tierhaltung beispielsweise aus seuchenhygienischen oder verwaltungstechnischen Gründen auf mehrere Betriebsstätten aufteilen.
Mehr Kühe, mehr Milch
Der Milchkuhbestand erreichte im November 2024 seinen bisherigen Tiefstand, der gesamte Rinderbestand sank im Mai 2025 auf den niedrigsten Wert der bisherigen Datenbankerhebungen. Jedoch stiegen im letzten Jahr sowohl der Rinder- als auch der Milchkuhbestand wieder an. Die weit verbreitete Blauzungenkrankheit (BTV-Infektion) führte etwa bis zur Frühjahrszählung 2025 zu erheblichen Ausfällen und Leistungsdepressionen, zeitweise blieben Stallplätze ungenutzt. Zudem beeinträchtigte die Virusinfektion die Fruchtbarkeit der Tiere. Viele Abkalbungen verschoben sich deshalb zeitlich nach hinten, was in den Herbstmonaten 2025 zu steigenden Tierzahlen führte. Angesichts sinkender Milchpreise bestand im letzten Herbst die Hoffnung, dass die Milchanlieferungen im Frühjahr 2026 zurückgehen und sich die Marktsituation entspannen würde. Aber seit der Zählung im November hatte sich die Zahl der Milchkühe (-0,1 %) und die der Rinder (-0,8 %) kaum vermindert. Sie lagen deutlich über dem Vorjahresniveau.
Viele Milchviehhalter verfügten in den vergangenen Monaten über gut gefüllte Grundfutterlager und melkten die Kühe länger. Dies zeigt sich auch an den bundesweiten Milchanlieferungen, die bis Mitte Mai kontinuierlich zunahmen und in der ersten Junihälfte noch rund 7 % über dem Vorjahresniveau lagen. Dazu passt auch das im Vergleich zum Vorjahr geringere Aufkommen an Schlachtkühen.
Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass der Milchkuhbestand in den kommenden Monaten wieder etwas zurückgehen könnte. Derzeit liegt er etwas (0,5 %) unter dem im Frühjahr 2024 ermittelten Bestand, als die Viehzahlen noch nicht bzw. kaum durch die Auswirkungen der BTV-Infektionen beeinflusst waren.
Auffällig ist zudem die kontinuierlich steigende Zahl sonstiger Kühe (Mutter-, Ammen- oder Mastkühe). Hier dürften die guten Grundfuttervorräte sowie die überdurchschnittlichen Erzeugerpreise für Rindfleisch zusätzliche Anreize geschaffen haben, neben männlichen Rindern auch mehr Kühe zu mästen.
Weniger Milchkuhhalter mit größeren Beständen
Seit 2016 hat etwa ein Drittel der Milchviehhalter in Nordrhein-Westfalen die Produktion aufgegeben. In den vergangenen drei Jahren hat sich dieser Strukturwandel mit durchschnittlich 114 Betriebsaufgaben pro Jahr verlangsamt. Der Rückgang der Rinderhalter insgesamt bleibt jedoch ungebrochen. Innerhalb des letzten Jahres gaben 222 Rinderhalter auf und damit mehr als im Schnitt der vergangenen fünf Jahre (181 pro Jahr).
Gleichzeitig wachsen die Bestände auf den verbleibenden Höfen: Fast ein Drittel der Betriebsstätten verfügt inzwischen über mehr als 100 Kühe. Auf diesen Betrieben werden 70 % aller Milchkühe in Nordrhein-Westfalen gehalten. Die durchschnittliche Herdengröße liegt dort bei 183 Kühen. Am anderen Ende der Skala stehen etwas mehr als ein Viertel aller Milcherzeuger, die weniger als 20 Milchkühe halten. Hierbei handelt es sich überwiegend um Nebenerwerbsbetriebe, aber auch um Betriebe, die sich bereits in einer Phase des schrittweisen Ausstiegs aus der Milchproduktion befinden.
Schwerpunkt der Milchviehhaltung in Borken und Kleve
In den Regierungsbezirken Münster und Düsseldorf wird mehr als die Hälfte aller Milchkühe Nordrhein-Westfalens gehalten. Gleichzeitig wirtschaften dort 45 % aller Milcherzeuger des Landes. Allein die Kreise Borken und Kleve verfügen zusammen über rund ein Viertel des Milchkuhbestandes. Jeder fünfte Milchviehhalter in Nordrhein-Westfalen ist in einem dieser zwei Kreise ansässig.
In Westfalen-Lippe werden lediglich im Kreis Recklinghausen durchschnittlich mehr als 100 Kühe je Betrieb gehalten. Im Rheinland überschreiten dagegen die vier Kreise Heinsberg, Wesel, Kleve und Viersen diese Marke. Insgesamt werden im Rheinland je Halter durchschnittlich 98 Kühe gemolken, in Westfalen-Lippe dagegen 76. Im letzten Halbjahr entwickelten sich die Bestände regional unterschiedlich. Die größten Zuwächse an Milchkühen verzeichneten die Kreise Gütersloh (+303 Milchkühe) und Borken (+221). Rückgänge gab es insbesondere in Kleve (-538), Höxter (-258) und im Oberbergischen Kreis (-203).
Zahl der Mastbullen leicht rückläufig
In den letzten fünf Jahren präsentierte sich die Bullenmast mit durchschnittlich etwa 180 000 männlichen Rindern älter als ein Jahr auf einem vergleichsweise stabilen Niveau. Im letzten Halbjahr ging der Bestand jedoch um 1,6 % zurück. Der Schwerpunkt der Bullenmast liegt unverändert in Westfalen-Lippe. Dort werden knapp 89 % aller nordrhein-westfälischen Mastbullen gehalten. Gleichzeitig befinden sich dort rund 73 % aller Bullenmastbetriebe des Landes.
In Westfalen-Lippe werden durchschnittlich etwa 25 Bullen je Betrieb gemästet. Im Rheinland sind die Bestände mit durchschnittlich neun Bullen je Halter deutlich kleiner. In den nachfolgenden Intensivregionen des Münsterlandes Steinfurt, Borken, Warendorf und Coesfeld wirtschaften rund 30 % aller Rindermäster Nordrhein-Westfalens. Diese Betriebe halten 60 % aller männlichen Rinder über einem Jahr. Im Rheinland stehen die meisten Mastbullen in den Kreisen Kleve und Wesel mit jeweils etwas mehr als 4 000 Tieren.
Auch in der Rindermast setzt sich der Strukturwandel fort. Der Anteil der Mastbullen aus Beständen mit mindestens 100 Tieren stieg innerhalb von 10 Jahren von 35 auf fast 48 %. Die Halter dieser Bestände machen inzwischen 4,7 % aller Bullenmäster in Nordrhein-Westfalen aus. Im Jahr 2016 lag ihr Anteil noch bei 3,7 %.
Jürgen Boerman, Ulrike Lemke, Landwirtschaftskammer NRW