Das Wichtigste vorweg: Ohne Färsen keine Milch! Diese Tatsache darf aber nicht dazu führen, dass man bei den Aufzuchtkosten in der Färsenaufzucht weniger genau hinschaut als in der Milcherzeugung. Denn auch beim Nachwuchs gilt es, Potenziale zu heben und Kosten zu senken, selbst wenn die Erlössituation derzeit überdurchschnittlich gut ausfällt.
Ein neuer Beratungsansatz besteht darin, die Kosten der Aufzucht nicht mehr nur absolut zu bewerten, sondern im Verhältnis zu der späteren Leistung der Milchkuh zu sehen. So hängt beispielsweise die Amortisierungsdauer nicht nur von den Aufzuchtkosten, sondern auch von der Gewinnsituation in der Milcherzeugung und der Milchleistung in der anschließenden produktiven Phase ab.
Legt man die durchschnittlichen Ergebnisse der letzten Auswertung in NRW zu Grunde, dauert es 35,4 Monate, bis die gesamten Aufzuchtkosten durch Milchverkauf wieder zurückgeflossen sind. Dabei beträgt die Spanne der anfänglichen Kapitalbindung bis zum vollständigen Rückfluss sogar 62,2 Monate. Überraschen dürfte auch, dass die Aufzuchtkosten schon 80 % des späteren Gewinns aufzehren, bevor überhaupt das erste Kilogramm Milch verkauft wurde. Man kann es auch anders ausdrücken: Jedes Kilogramm Milch, das die Kuh im Laufe ihres Lebens produziert, ist mit 5,4 Cent durch die Färsenaufzucht belastet.
Das alles sind natürlich nur Durchschnittwerte. Wenn Sie aber ganz genau wissen wollen, wo Sie stehen, achten Sie bei der nächsten Auswertung vielleicht auf die neuen ertragsbezogenen Erfolgsparameter in der Färsenaufzucht.
Die Aufzucht einer Färse bis zur ersten Kalbung stellt für Milchviehbetriebe einen signifikanten Kostenblock dar. Aktuelle Auswertungen weisen oft Beträge aus, die schnell bei 2 300 € bis 2 900 € liegen können, abhängig von Standort, Haltungssystem, Fütterungsintensität und Management. Häufig lautet dann die Devise „Sparen, koste es, was es wolle!“.
Diese eindimensionale Betrachtung verkennt jedoch die fundamentale betriebswirtschaftliche Bedeutung der Färse: Sie ist keine Kostenstelle, sondern ein langfristiges Produktionsmittel und damit eine Investition in die Zukunft. Die entscheidende Frage darf nicht lauten: "Wie günstig kann ich meine Färse aufziehen?", sondern vielmehr: "Welche Aufzuchtmethode maximiert den späteren Nettoertrag über die gesamte Nutzungsdauer der Milchkuh?" Die Aufzuchtkosten sollten folglich nicht absolut, sondern relativ zum erwartbaren Gesamtertrag bewertet werden.
Aufwand versus Ertrag
Der betriebswirtschaftliche Denkfehler bei der reinen Fokussierung auf niedrige Aufzuchtkosten liegt in der Vernachlässigung der Qualität des Endprodukts. Sparen bei wichtigen Entwicklungsphasen, beispielsweise durch verzögerten Erstbesamungszeitpunkt, mangelhafte Fütterung oder Stress durch ungeeignete Haltung, führt zwar kurzfristig zu geringeren täglichen Aufwendungen, resultiert aber fast immer in Leistungseinbußen während der Laktationen.
Eine Färse, die optimal entwickelt wurde – was Zielgewichte, Euterentwicklung und Gesundheit betrifft – zahlt ihre vielleicht höheren Aufzuchtkosten durch folgende Eigenschaften mehrfach zurück:
- Niedriges Erstkalbealter: Ein früheres Kalbealter (optimal: 22 bis 24 Monate) bei gleichzeitig gesunder Entwicklung verkürzt die unproduktive Phase. Eine Einsparung von beispielsweise 60 Tagen Aufzuchtdauer bei vielleicht 3,00 €/Tag spart 180 € – eine rein absolute Betrachtung.
- Maximale Langlebigkeit (Nutzungsdauer): Die wichtigste Kennzahl ist die Anzahl der Laktationen. Eine robuste, gesund aufgezogene Kuh bleibt tendenziell länger im Bestand. Jede zusätzliche Laktation liefert einen hohen Deckungsbeitrag, da die Fixkosten für die Aufzucht bereits amortisiert sind.
- Höhere Leistung in den Folgelaktationen: Wissenschaftliche Studien zeigen, dass ein optimales Wachstum in der Jungtierphase die Milchleistung in der ersten Laktation und oft auch darüber hinaus signifikant positiv beeinflusst.
Die Investitionsrechnung: Ein Mehraufwand von 200 € in der Aufzucht, zum Beispiel für hochwertiges Futter oder optimierte Tierarztkosten, ist absolut gesehen eine Kostensteigerung. Bezogen auf eine um eine halbe Laktation verlängerte Nutzungsdauer und einen Mehrertrag von 500 kg Milch pro Laktation über drei Laktationen hinweg, erzielt die "Mehrkosten-Strategie" einen erheblich höheren Gesamt-Nettoertrag.
Schlüsselindikatoren für eine wertorientierte Aufzucht
Um die Aufzuchtkosten in Relation zum Ertrag zu setzen, müssen Betriebe von der reinen Kostenkontrolle auf ein Controlling der Entwicklungsparameter umsteigen. Wichtige Indikatoren sind:
- Tägliche Zunahme (TZ): Konsequentes Monitoring der TZ in den ersten Lebensmonaten (> 900 g) ist essenziell für die Erreichung der Zielgewichte.
- Alter und Gewicht bei Erstbesamung: Frühzeitige Besamung bei gleichzeitig idealer körperlicher Entwicklung (rund 55 bis 60 % des Zielgewichts der Altkuh) maximiert die Effizienz.
- Gesundheitsmanagement: Investitionen in Prophylaxe (Impfungen, Einhaltung strenger Hygienestandards) senken zwar die absoluten Kosten in der Aufzucht nicht, verhindern aber teure Krankheitsverläufe und minimieren das Risiko, dass eine bereits teuer aufgezogene Färse kurz vor oder nach der Kalbung aufgrund von Gesundheitsproblemen abgängig wird. Dies ist der kapitalste Fehler: ein Totalverlust der Investition.
- Nutzungsdauer (ND) als Schlüsselwert: Die Kalkulation sollte stets den Deckungsbeitrag pro Lebenstag oder den Amortisationszeitpunkt der Aufzuchtkosten in den Fokus rücken, nicht die absoluten Tageskosten.
Fazit für die Färsenaufzucht
Betriebe, die den Mut haben, in Qualität und Entwicklungssicherheit zu investieren, anstatt absolute Kosten zu drücken, werden langfristig erfolgreicher sein. Eine strategisch höhere Investition in die Aufzucht kann durch eine verlängerte Nutzungsdauer, höhere Lebensleistung und geringere Abgangsraten die scheinbar "günstigere" Aufzuchtvariante am Ende um ein Vielfaches übertreffen.
Die eigentliche Kennzahl für eine erfolgreiche Färsenaufzucht ist daher nicht der Aufzuchtbetrag, sondern der Netto-Gesamtgewinn der Kuh über ihre gesamte Lebenszeit. Somit entscheiden nicht die niedrigsten Kosten in der Färsenaufzucht, sondern das größte Potential der Milchkuh über den Erfolg in der Milcherzeugung.
Josef Assheuer, Landwirtschaftskammer NRW