Am 5. November startete die Online-Veranstaltungsreihe „Proteine, Nüsse, Algen - Neues aus der Landwirtschaft“, eine Kooperation der NRW-Landesinitiative „Innovative Konzepte für landwirtschaftliche Unternehmerfamilien“, des Projekts Plantein sowie des Zentrums für nachwachsende Rohstoffe der Landwirtschaftskammer NRW.
Hintergrund der Reihe ist die wachsende Bedeutung pflanzlicher Proteine für Ernährung und Landwirtschaft, die neue Kulturen ins Rampenlicht rückt. Es werden innovative Pflanzen beleuchtet, die auf landwirtschaftlichen Betrieben neu eingeführt oder neu gedacht werden - mit besonderem Augenmerk auf Proteinpflanzen. Startups, Landwirtinnen und Experten teilen praxisnahe Impulse zu Anbau, Verarbeitung und Vermarktung und zeigen, welches Potenzial in diesen Kulturen steckt. Ziel ist es, neue Perspektiven zu eröffnen und den offenen Austausch über zukunftsweisende Ansätze und praktische Erfahrungen zu fördern.
Quinoa als neue Kulturpflanze?
Der Auftaktabend stand unter dem Thema „Neue Wege mit Quinoa? - Anbau, Einsatz und Marktchancen“. Das sogenannte Pseudogetreide aus den Anden gilt als nährstoffreich und vielseitig. Doch ist es auch eine sinnvolle Ergänzung für den heimischen Ackerbau? Welche Ansprüche Quinoa an Standort und Anbau stellt und welche Betriebe profitieren könnten, erläuterte Referent Jost Gandenberger, Geschäftsführer der Firma Activoland aus dem Schwalm-Eder-Kreis in Hessen. Über eine Kooperation mit der Universität Wageningen kam er bereits vor 16 Jahren zum Quinoaanbau. Seitdem lässt er die Pflanze in ganz Deutschland kultivieren und steht im engen Austausch mit Betrieben, vor allem in Frankreich und weiteren Ländern in Europa. Neben dem eigenen Anbau ist er auch in der Vermarktung von Quinoa tätig.
Von den Anden nach Europa
Quinoa stammt ursprünglich aus den Anden, wo sie seit über 7 500 Jahren kultiviert wird. Dort dient sie bis heute als wichtiges Grundnahrungsmittel und gedeiht in Höhenlagen von bis zu 4 500 m. In den 1970er-Jahren gelangte Quinoa erstmals nach Europa, wo sie zunächst auf Wildäckern erprobt wurde. Durch Züchtung, unter anderem in Dänemark, wurde die Pflanze schließlich an die hiesigen Kurztagsbedingungen angepasst und für den menschlichen Verzehr interessant gemacht.
Eine Nischenkultur mit Potenzial?
Nach Angaben der FAO importierte Deutschland im Jahr 2023 rund 4 500 t Quinoa, überwiegend aus Bolivien und Peru, kleinere Mengen aus Italien, Österreich und Belgien. Insgesamt werden hierzulande jährlich etwa 6 000 bis 7 000 t vermarktet. Mit 32 ha Anbaufläche in NRW im Jahr 2025 bleibt Quinoa derzeit eine Nischenkultur - allerdings mit wachsendem Potenzial.
Quinoa gehört zur Familie der Gänsefußgewächse und wird als Pseudogetreide bezeichnet, da es zwar ähnlich wie Getreide genutzt wird, botanisch jedoch nicht dazu zählt. Es ist glutenfrei und zeichnet sich durch eine hochwertige Proteinzusammensetzung aus: Quinoa enthält alle essenziellen Aminosäuren, was sie insbesondere für Menschen, die sich pflanzlich ernähren, zu einer wertvollen Eiweißquelle macht.
Einige Anbaugrundlagen
Günstige Vorfrüchte für Quinoa sind Kartoffeln, Getreide und Mais, während Kulturen, die hohe Reststickstoffgehalte hinterlassen, als ungünstig gelten. Quinoa stellt keine hohen Ansprüche an den Standort und gedeiht sowohl in wärmeren als auch in kühleren Lagen, auch in niederschlagsärmeren Regionen. „Wichtig sind zwei Dinge: Quinoa braucht ausreichend Feuchtigkeit zum Keimen und in der Blüte. In der Blüte darf es nicht zu heiß sein, sonst bilden sich keine Körner“, betonte Gandenberger.
Der geeignete Saatzeitpunkt liegt zwischen Ende April und Mitte Mai. Die empfohlene Saatstärke beträgt 100 bis 200 keimfähige Körner/m², das entspricht 3 bis 6 kg/ha, je nach Keimfähigkeit bis zu 10 kg/ha. Die Saattiefe liegt bei 1 bis 2 cm, der Reihenabstand richtet sich nach dem Hackgerät und beträgt üblicherweise 30 bis 50 cm.
Da Quinoa in der Jugendentwicklung langsam wächst und keine Herbizide zugelassen sind, ist eine mechanische Unkrautregulierung durch Striegeln und mehrmaliges Hacken bis zu einer Pflanzenhöhe von 10 bis 15 cm unerlässlich. Zudem sollte auf möglichst unkrautfreien Flächen angebaut werden. „Entscheidend sind der Feldaufgang und die Jugendentwicklung: Wenn sich der Bestand etabliert hat, stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Ernte gut“, so Gandenberger.
Der Stickstoffbedarf liegt bei 150 bis 200 kg/ha. Krankheiten treten hierzulande selten auf; gelegentlich können Erdflöhe, Blattläuse oder Falscher Mehltau vorkommen, meist jedoch ohne relevante Ertragsminderung.
Vom Feld auf den Teller
Die Ernte erfolgt von Ende August bis Ende September mit herkömmlichen Mähdreschern. Eine Kornfeuchtigkeit unter 35 % ist ideal, da so Kornverletzungen vermieden werden. Der Kornertrag variiert stark je nach Jahr und Standort und kann zwischen weniger als 1 t und über 3 t/ha liegen. Da das Erntegut häufig noch unreife Pflanzenteile enthält und eine hohe Kornfeuchte aufweist, ist eine unmittelbare Trocknung erforderlich. Betriebe sollten über Hacktechnik und geeignete Sätechnik verfügen. Zudem empfiehlt sich der Anbau saponinfreier Sorten, da die Aufbereitung saponinhaltiger Sorten durch Waschen und Polieren sehr aufwendig ist.
Die Verwendungsmöglichkeiten von Quinoa sind äußerst vielfältig. In den Herkunftsregionen wird sie traditionell wie Reis als Beilage gekocht. Daneben eignet sie sich für Salate, Bratlinge, Müslis, Snacks - gepufft wie Popcorn - oder süße Speisen, etwa in Milch gekocht. Auch gemahlen in Backwaren lässt sich Quinoa einsetzen. „Wenn Quinoa in aller Munde sein wird, dann in Form von Brot mit Quinoamehlanteil“, prognostiziert Gandenberger.
Vermarktung mit Perspektive
Besonders attraktiv ist laut Gandenberger die Direktvermarktung: „Da macht’s besonders Spaß, denn hier lassen sich Preise erzielen, die dem Aufwand gerecht werden.“ Allerdings können darüber nur begrenzte Mengen abgesetzt werden und Direktvermarktung erfordert einen hohen Zeiteinsatz. Der Verkauf ganzer Körner über den Lebensmitteleinzelhandel gestaltet sich schwieriger, größere Mengen lassen sich dagegen über Müslimischungen oder in der Backindustrie vermarkten.
Gandenbergers abschließender Rat an interessierte Betriebe lautete: „Ich empfehle, auf kleiner Fläche, etwa 1 ha, zu starten. So tut es nicht weh, wenn anfangs etwas schiefgeht, und die Vermarktung kann mitwachsen.“
Michaela Bock, Landwirtschaftskammer NRW