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Reifeprüfung: Regen unterbricht Grünlandernte

14.05.2026

Während die Ernte des intensiv genutzten Grünlandes für die leistungsorientierte Milchviehfütterung in den Niederungs- und Übergangslagen bis zum 1. Mai weitgehend ins Silo gebracht wurde, stand das Gros der Ernte in den Mittelgebirgslagen noch aus. 

Grasernte Silageballen
Die  Grünlandflächen und die Reifeentwicklung können in Mittelgebirgslagen in Abhängigkeit von Höhenlage, Exposition, Düngungsintensität und Pflanzenbestand sehr heterogen sein.

Aufgrund der niederschlagsreichen Phase zwischen dem 2. und 6. Mai waren dort eine Fortführung oder der Beginn der Ernte des ersten Grünlandaufwuchses nicht möglich. Unabhängig von der Reifeentwicklung, waren die Niederschläge für das Wachstum wichtig, denn in den Teilen des Landes setzte auf dem Grünland zunehmend Trockenstress ein oder der nFK-Wert sank zunehmend. Die Niederschlagsmengen waren regional unterschiedlich und lagen in der Größenordnung zwischen 25 und über 60 mm. In den östlichen und südwestlichen Landesteilen regnete es offenbar etwas mehr als im Westen. Mit dem Regen ging auch eine deutliche Abkühlung der Temperaturen einher. Dadurch waren die physiologischen Entwicklungsprozesse verlangsamt. Dennoch brachten Niederschläge nochmal einen sichtbaren Wachstumsschub. 

Dort, wo Gülle nach dem ersten Schnitt und kurz vor den Niederschlägen ausgebracht wurde, konnte ein guter „Einwaschungseffekt“ erreicht werden, was im Sinne der Futterhygiene und der N-Effizienz dieses Wirtschaftsdüngers positiv zu bewerten ist.

Übersichtstabellen Reifeprognose KW 20

Guter Erntezeitpunkt in den Mittelgebirgen

Vom 8. bis 10. Mai öffnete sich dann ein Zeitfenster, um auch in weiten Teilen der südwestlichen Mittelgebirge die Grünlandernte zu beginnen oder fortzusetzen. Auch wenn in der vorhergehenden rund sechstägigen Niederschlagsphase nicht geerntet werden konnte, war die optimale physiologische Reife des Grünlandes in den Mittelgebirgslagen über 350 m ü. NN, noch nicht überschritten. Sicherlich können Grünlandflächen und die Reifeentwicklung gerade in Mittelgebirgslagen in Abhängigkeit von Höhenlage, Exposition, Düngungsintensität und Pflanzenbestand sehr heterogen sein. Dennoch geben die Reifeprüfung in NRW und die Reifeprognose eine Orientierung insbesondere für Grünlandbestände, in denen das Deutsche Weidelgras dominiert. Frühere Gräser, wie Wiesenrispe, Knaulgras oder frühe Deutsche Weidelgrassorten, haben bereits Anfang vergangener Woche mit dem Schieben des Blütenstandes begonnen. Mittelfrühe und vor allem späte Deutsche Weidelgrassorten sind dagegen in der phänologischen Entwicklung noch sieben bis zehn Tage zurück. Wer regelmäßig mittelspäte und späte Sorten nachsät, kann dadurch die Nutzungselastizität des Grünlandbestandes erhöhen. 

Bemerkenswert ist auch die starke Entwicklung des Weißklees in diesem Frühjahr - dort, wo er eine Rolle spielt. Dieser hat von der hohen Sonneneinstrahlungsintensität in im April profitiert. Auch diese Futterleguminose trägt maßgeblich zur Erhöhung der Nutzungselastizität bei.

Energiereiche Silagen

Das zuletzt dreitägige Erntezeitfenster war zu klein, als dass der erste Siloschnitt des intensiv genutzten Grünlandes in den Mittelgebirgsregionen überall realisiert werden konnte. Auch wenn die Milchviehbetriebe und Lohnunternehmen mit Hochdruck und zum Teil in Nachtschichten mit der Grünlandernte beschäftigt waren, ist vor der aktuellen Regenphase, die am vergangenen Montag einsetzte, bei Weitem noch nicht überall der erste Schnitt erfolgt. Den Wetterprognosen nach soll die unbeständige Witterung, die täglich immer wieder moderate Niederschlagsmengen von mindestens 5 mm mit sich bringt, noch bis zum Wochenende anhalten. Für das bereits geerntete Grünland ist der Regen in Häufigkeit und Menge für den Wiederaustrieb, die Wachstumsraten und die N-Effizienz ausgebrachter Wirtschaftsdünger positiv zu sehen. 

Für die noch nicht geernteten Grünlandbestände bringen die Niederschläge sicherlich noch Ertragszuwächse. Je nach Pflanzenbestandszusammensetzung des Grünlandes, kann der optimale Schnitttermin für energiereiche Silagen von mindestens 6,5 MJ NEL im Laufe dieser Woche etwas überschritten werden. Dort, wo relativ homogene Grünlandbestände mit dominierenden Anteilen an Deutschem Weidelgras, vorzugsweise mit mittleren und späten Sorten, noch nicht geerntet wurden, bleiben aufgrund der hohen Nutzungselastizität die Futterqualitäten auch diese Woche noch vergleichsweise hoch. Positiv zu sehen sind daher auch die relativ niedrigen Temperaturen in dieser Woche, mit Tageshöchstwerten von 10 bis 12°C in den höheren Mittelgebirgslagen bis zum kommenden Wochenende. Dadurch verlangsamt sich der physiologische Alterungsprozess der Gräser, wie die Prognosedaten des DWD verdeutlichen und aus den Tabellen ersichtlich wird. 

Ab dem kommenden Wochenende soll es dann wieder niederschlagsfrei bleiben und etwas wärmer werden. Wann und wie gut die Befahrbarkeit der Flächen sein wird, wird sich schlagspezifisch zeigen. Die Zuckergehalte in den Gräsern werden aufgrund der geringen Sonnenscheindauer der letzten Tage auf jeden Fall deutlich niedriger sein als bei den bis zum 1. Mai geernteten Grasbeständen. 

Viel Zucker, wenig Protein

Zu bemerken ist, dass insbesondere Grünland mit hohen Deutschen Weidelgras-Anteilen, das bis Anfang Mai geerntet wurde, sehr hohe Zuckergehalte von meist über 20 bis 25 % aufwies. Gleichzeitig wird oftmals der Rohproteingehalt relativ niedrig geblieben sein. Zwischen Zucker- und Eiweißgehalt besteht eine enge Beziehung: Hohe Sonneneinstrahlung führt zu hohen Fotosyntheseraten, wodurch die Zuckerbildung im Gras steigt. Der Rohproteingehalt in der Trockenmasse bleibt jedoch auf relativ niedrigem Niveau. Hauptursache dafür ist die „Verdünnung“ des Rohproteins durch vermehrte Zuckerbildung. Die Pflanze produziert viel Zucker in Form von Fruktan und Saccharose, der in Blättern und Halmen gespeichert wird, während der relative Anteil an anderen Komponenten, wie Rohprotein, prozentual sinkt. Nachts wird der am Tage gebildete Zucker aber nicht vollständig veratmet (Dissimilation). Es findet quasi eine Verdrängung durch Masse statt: Je mehr Zucker, desto geringer ist der prozentuale Anteil von Rohprotein und Mineralstoffen in der Gesamtpflanze. 

Zusätzlich gibt es einen Wachstumskonflikt. Die intensive Sonneneinstrahlung treibt zwar die Zuckerproduktion an, doch für ausreichend Wachstum wird gleichzeitig Stickstoff aus dem Boden benötigt. Die N-Aufnahme hinkt unter diesen Witterungsbedingungen der Zuckeraufnahme aber hinterher. Wenn die Wachstumsbedingungen nicht ideal sind und warme, sonnenreiche Tage mit kühlen Nächten und/oder Trockenheit fehlen, kann der produzierte Zucker nicht vollständig in Wachstum, also in Gerüstsubstanzen umgebaut werden. Das heißt: Tagsüber viel Zucker, nachts sinkt der Stoffwechsel, das Wachstum verlangsamt sich, der Zucker wird nachts nicht hinreichend veratmet und die Gräser werden zuckerreich aber proteinarm. 

Da bei kurzen Feldliegezeiten von 24 bis 30 Stunden nicht so viel Zucker veratmet wird, kann es bei sehr hohen Zuckergehalten im Gras zu Nacherwärmung in der Silage kommen. Wenn das Silo geöffnet wird, dient dieser Restzucker Hefen und Schimmelpilzen als Nahrung. Dies führt dazu, dass sich die Silage schnell erwärmt. Im Herbst dagegen, wenn die Sonneneinstrahlung hinsichtlich Dauer und Intensität nachlässt, sind die Zuckergehalte meist niedrig, während die Rohproteingehalte dagegen hoch sind.


Hubert Kivelitz und Ingo Dünnebacke, 
Landwirtschaftskammer NRW