Wer schon einmal versucht hat, ein Schaf gegen seinen Willen zu verladen, für die Klauenpflege festzuhalten oder durch einen Behandlungsgang zu treiben, weiß: Körperkraft allein führt selten zum Erfolg. Viel wichtiger ist es, das Verhalten der Tiere nachzuvollziehen und mit ihnen zu arbeiten.
Viele Schafhalter verausgaben sich bei Arbeiten wie Schur oder Klauenpflege unnötig, weil ihnen grundlegende Kenntnisse über das Verhalten ihrer Tiere fehlen. Das kostet Kraft, Zeit und Nerven – sowohl beim Menschen, als auch beim Tier. Wenn Abläufe in der Schafhaltung nicht wie geplant funktionieren, liegt die Ursache meist nicht bei den Tieren selbst. Vielmehr ist es die Aufgabe des Halters, die Verhaltensweisen und Bedürfnisse der Schafe zu verstehen und sich in ihre Perspektive hineinzuversetzen.
Herdentrieb nutzen
Obwohl Menschen bereits seit mehreren tausend Jahren Schafe halten, haben die Wiederkäuer viele ursprüngliche Verhaltensweisen bewahrt. Als typische Fluchttiere reagieren sie sensibel auf Veränderungen in ihrer Umgebung. Sie bevorzugen das Synchronverhalten und haben eine starke soziale Bindung im Herdenverband. Genau dieses Verhalten können Schafhalter für sich nutzen. Tiere folgen ihren Artgenossen deutlich lieber, als dass sie sich von Menschen treiben lassen. Wer die Herdenbewegungen also versteht, kann viele Arbeitsabläufe erheblich vereinfachen. Ein Grundsatz lautet dabei: „Schafe laufen hinter Schafen“, erklärte Michel Blechmann, Referent für kleine Wiederkäuer bei der Landwirtschaftskammer NRW, im Seminar „Schafhandling – der richtige Umgang mit dem Schaf“ im Versuchs- und Bildungszentrum Landwirtschaft Haus Riswick.
Annähern von hinten
Schafe sehen ihre Umwelt anders als Menschen. Ihre Augen sitzen seitlich am Kopf und ermöglichen ihnen ein nahezu rundum reichendes Sichtfeld. Durch die horizontalen Pupillen haben sie beim Fressen die Umgebung optimal im Blick. Trotzdem können sie einige Situationen nicht so gut einschätzen wie der Mensch. Am Schwanz ist der blinde Punkt eines Schafes. Von hinten kann sich der Halter dem Schaf gut annähern, ohne dass er direkt erkannt wird. Plötzliche Bewegungen, unbekannte Gegenstände oder hektische Personen lösen bei den Fluchttieren allerdings schnell Unsicherheit aus.
Richtiges Treiben
Gerade beim Verladen oder beim Durchtreiben von Behandlungsgängen zeigt sich, wie wichtig die richtige Planung und vorausschauendes Handeln ist. Oft entscheidet die eigene Körpersprache darüber, ob eine Herde ruhig weiterläuft oder in Panik gerät. Auch die Stimme spielt eine große Rolle. „Schafe erkennen vertraute Menschen an Tonfall und Geruch“, erklärte Blechmann. Ruhige Lockrufe oder immer gleiche Signale können deshalb wertvolle Hilfsmittel sein. Schafe bewegen sich leichter, wenn sie eine klare Laufrichtung erkennen und andere Tiere vor sich sehen. Dunkle Ecken, starke Schatten, ungewohnte Bodenbeläge oder abrupte Richtungswechsel führen dagegen oft zu Unsicherheit. Deshalb lohnt es sich, Laufwege aus Sicht der Tiere zu betrachten. Häufig scheitern solche Maßnahmen nicht am Schaf, sondern an der Gestaltung der Anlage. Oft reichen kleine Veränderungen aus, um den Arbeitsablauf deutlich zu verbessern.
Blechmann empfahl, Tiere möglichst zu locken statt zu treiben. Ein Kraftfuttereimer oder ein zahmes Leittier erreicht häufig mehr als lautes Rufen oder Druck von hinten. Beim Treiben von Schafen spielt die Geschwindigkeit der führenden Person eine entscheidende Rolle. Das Tempo des Menschen überträgt sich unmittelbar auf die Bewegung der Herde. Geht die führende Person langsam voran, verteilen sich die Tiere stär-ker und die Herde wird breiter. Ein zügigeres Tempo sorgt hingegen dafür, dass die Schafe enger zusammenbleiben und eine schmalere Formation bilden. Gleichzeitig haben die Tiere weniger Gelegenheit, sich von Umwelteinflüssen ablenken zu lassen oder stehen zu bleiben. Gerade beim Passieren von Toren, Engstellen oder Treibgängen kann ein etwas höheres Tempo deshalb hilfreich sein, die Tiere zügig zu führen. Hektik oder Druck führen jedoch schnell zu Unsicherheit und Stress in der Herde.
Weniger Stress
Auch bei Routinearbeiten, wie Schur, Klauenpflege oder Medikamentengabe, zahlt sich ein gutes Handling aus. Kern des Seminars waren daher die praktischen Übungseinheiten wie das richtige Aufsetzen der Schafe für die Schur und Klauenpflege. Schafe, die ruhig gefangen und sicher fixiert werden können, verursachen nicht nur weniger Verletzungsrisiken, sondern haben auch kaum Stress dabei. Gleichzeitig arbeitet der Tierhalter kraftsparend und rückenschonend. Passende Sortieranlagen oder Behandlungsgänge können diese Arbeiten zusätzlich erleichtern. „Hilfreich ist es, planbare Situationen regelmäßig zu trainieren. Durch wiederkehrende Übungen werden die Schafe mit den Abläufen vertraut“, riet der Experte. Dazu gehört beispielsweise das Verladen der Tiere sowie das Fahren mit dem Anhänger. Ebenso wertvoll ist der Austausch mit anderen Tierhaltern. Praktische Erfahrungen und bewährte Lösungsansätze tragen dazu bei, Herausforderungen besser zu meistern. „In unseren Seminaren lernen die Tierhalter direkt am Schaf, wie es am einfachsten geht“, so Blechmann.
Viola Schulte Spechtel, Landwirtschaftskammer NRW