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Spirulina vom Hof

16.01.2026

Landwirtschaft ist ein Innovationsmotor. Angesichts steigender Kosten, Klimawandel und sich verändernder Märkte sind neue Geschäftsmodelle nicht nur spannend, sondern auch notwendig.  Das Dresdner Unternehmen Algenwerk hat einen neuen Ansatz mit der Algenproduktion entwickelt.

Die Veranstaltungsreihe „Proteine, Nüsse, Algen – Neues aus der Landwirtschaft“ wurde vom Innovationsmanagement der Landwirtschaftskammer NRW, dem Modell- und Demonstrationsvorhaben Plantein und dem Zentrum für Nachwachsende Rohstoffe als kostenloses Format ins Leben gerufen, um Landwirten praxisnahe Zukunftsperspektiven vorzustellen. Während des letzten Termins stellte der Dresdner Gründer Gunnar Mühlstädt sein Unternehmen Algenwerk vor und präsentierte ein Konzept zur Spirulina-Algenproduktion auf dem Hof, das Betrieben eine zukunftsorientierte neue Perspektive eröffnen kann.

Warum (frische) Spirulina?

Spirulina ist eine Mikroalge, die nur unter dem Mikroskop sichtbar ist. Diese Mikroalgen gehören zu den effizientesten Biomasseproduzenten der Welt: sie wachsen schnell, benötigen wenig Fläche, Wasser und Nährstoffe und liefern hochwertiges pflanzliches Protein. In Deutschland sind vor allem Spirulina und Chlorella als Inhaltsstoff von zum Beispiel Smoothies oder Nahrungsergänzungsmitteln bekannt. Spirulina enthält mehr als 60 % Protein, mit allen essenziellen Aminosäuren sowie Mineralstoffen und Vitaminen. Bisher dominiert allerdings der weltweite Markt für getrocknete Mikroalgenprodukte, wie Pulver oder Tabletten - größtenteils aus vor allem asiatischen Importen. 

Die Firma Algenwerk verfolgt einen anderen Ansatz: Statt Trockenware entsteht frische Spirulina-Paste mit rund 10 % Trockensubstanz. Der Vorteil? Laut Gunnar Mühlstädt liegt dieser in der schonenden Verarbeitung, dem neutralen Geschmack und der geringeren mikrobiellen Belastung. In der frischen Algenmasse verbleiben die Nährstoffe, während sie durch den Trocknungsprozess im Pulver größtenteils verloren gehen. 

Der Fokus liegt auf der industriellen Weiterverarbeitung in Smoothies, Bowls und Snacks. Die Spirulinapaste findet zudem Anwendung in innovativen Lebensmitteln, wie Speiseeis, das 14 % frische Spirulina enthält, ohne tierische Fette auskommt und vegan sowie laktose- und glutenfrei ist. Auch in der Kosmetik oder als Algen-Biostimulanzien wie vom Biotech-Start-up Alganize gewinnt Spirulina zunehmend an Bedeutung. 

Das Team und die Mission

Gunnar Mühlstädt, Diplom‑Ingenieur im Maschinenbau, arbeitet seit über zehn Jahren mit Mikroalgen zum

Gunnar Mühlstädt Spirulina
Gunnar Mühlstädt vom Unternehmen Algenwerk präsentierte ein innovatives Konzept zur Algenproduktion für landwirtschaftliche Betriebe.

 menschlichen Verzehr. Fokus seines Teams ist es, Algen industrietauglich und wirtschaftlich tragfähig zu produzieren. Kern des Systems sind Module mit Rohren, in denen sich die Algensuspension befindet. Die Algen wachsen also indoor in geschlossenen, vollautomatisierten Wassergewächshäusern in Spiralform, sogenannten Photobioreaktoren. Diese Bauweise ermöglicht eine ganzjährige hohe Produktionsleistung auf kleiner Fläche bei idealen und kontrollierten Bedingungen hinsichtlich Temperatur, Nährstoffen und Hygienestandard - unabhängig vom Wetter. 

Was sollten Betriebe beachten?

Für die Gebäudestruktur ist eine Halle oder ein Gebäude mit mindestens 5 m bis 5,5 m Höhe notwendig. Viele ältere Bestandsställe, wie etwa Schweineställe, sind oft zu niedrig. Algenwerk unterstützt hier bei den Genehmigungsprozessen. 

Spirulina wächst optimal zwischen etwa 25 bis 30 °C. Erneuerbare Energien, wie PV-Anlagen, können hier die Energiebetriebskosten senken. Bei Wasser und CO₂ sind der Zugang und die Eigenwasserkapazitäten zu prüfen. Das Unternehmen arbeitet daran, das Prozesswasser drei- bis viermal wieder aufzubereiten und den Wasserbedarf der Anlage zu reduzieren. Eine Lösung dazu ist aber noch nicht serienreif. Das Prozesswasser ist einleitungsfähig, jedoch sind Einleitgebühren zu beachten. Reinigungswasser fällt in moderatem Umfang an und kann zur Neubestellung des nächsten Durchgangs genutzt werden.

Vermarktung: dezentral und begleitet

Für die Vermarktung sollten frühzeitig Abnehmer eingebunden und ein Konzept für den eigenen Standort entwickelt werden. Die frische Spirulinapaste wird bei Algenwerk für Großkunden in 7,5-kg-Vakuumbeuteln abgefüllt und ist bei 4 bis 7 °C rund fünf Wochen haltbar. Die Kühlkette muss zuverlässig gewährleistet sein. Für die Gastronomie oder auch für Endkunden sind kleinere Gebinde und Gläser möglich. 

Mühlstädts Unternehmen setzt auf dezentrale Produktionsstrukturen und die Bündelung der Vermarktung, um die Liefer‑ und Planungssicherheit zu erhöhen und die Wertschöpfungskette resilienter zu machen. Zentral ist der aktive Vertriebssupport - vom B2B‑Kontakt bis zur Direktvermarktung - und die gemeinsame Weiterentwicklung von Produkten.

Während mehr als 95 % des Spirulinapulvers als importierte Trockenware in den Handel kommt, richtet sich das Frischprodukt an ein anderes Marktsegment. Es braucht daher Aufklärung, Markenarbeit und klare Kommunikation zu den Endverbrauchern. So zeigt zum Beispiel das Eis mit Spirulina-Anteil, wie neue Produkte entstehen können, ohne traditionelle Geschmacksassoziationen zu bedienen.  

Investitionskosten und Betrieb

Die Investition ist umfangreich, jedoch modular skalierbar. Für eine voll ausgestattete 5-Modul-Anlage inklusive der Ernte- und Abfülleinheit kalkuliert Algenwerk derzeit mit rund 2 Mio. € – abhängig davon, ob bestehende Gebäude genutzt werden können oder eine neue Leichtbauhalle errichtet werden muss. Das Unternehmen arbeitet im Franchise-Modell: Landwirtschaftliche Betriebe betreiben die Anlage selbstständig als Franchisenehmer und erhalten dafür Produktions-Knowhow, Unterstützung bei der Vermarktungsunterstützung und ein etabliertes Geschäftsmodell. Die Franchisegebühr beträgt 10 % des Nettoumsatzes aus der Algenproduktion.

Je nach Projekt sind zudem Förderprogramme, etwa aus dem Europäischen Meeres‑ und Fischereifonds (EMFF/EMFAF), möglich, die bis zu 60 % der Investitionen unterstützen. 

Algen als Proteinpotenzial für morgen?

Neue Proteinquellen gewinnen zunehmend an Bedeutung für Ernährungssysteme und landwirtschaftliche Geschäftsmodelle. Mikroalgen wie Spirulina stellen hier ein mögliches Produktionsfeld zur betrieblichen Diversifizierung dar. Für Betriebe, die Erneuerbare Energie, Prozesshygiene und Marktzugang zusammenbringen, kann Spirulina als Frischprodukt ein interessantes, regionales Protein‑Standbein werden. Wer sich für den Einstieg interessiert, sollte sich frühzeitig mit Technik, Vermarktung und Qualitätsanforderungen vertraut machen. 

Gleichzeitig ist klar: Ob Algen, andere alternative Proteine oder völlig andere Ansätze: Erfolgreiche Innovation braucht Orientierung, Austausch und die richtigen Partner. Das Innovationsmanagement der Landwirtschaftskammer steht daher nicht nur bei Algenprojekten, sondern auch für andere Zukunftsthemen zur Seite und unterstützt Betriebe dabei, neue Ideen einzuschätzen und weiterzuentwickeln. 


Michaela Bock, Landwirtschaftskammer NRW