Schon seit acht Jahren baut Biolandwirt Anton Neudecker Zuckermais im größeren Maßstab an. In dieser Zeit hat er mit der Kultur einige Höhen und Tiefen durchlebt, ist ihr aber bis heute treu geblieben.
Zuckermais anzubauen ist etwas ganz Anderes als der Anbau von Körnermais. Das wurde Biolandwirt Anton Neudecker gleich im ersten Anbaujahr 2018 bewusst. Nachdem nur 30 % der Saat aufgelaufen war, musste er die Fläche von 35 ha nochmals komplett und mit Verspätung neu säen – und fuhr anschließend seine bisher beste Ernte ein. Dass sich Neudecker auf die anspruchsvolle Kultur eingelassen hat, ist typisch für ihn. Denn seit er im Jahr 1995 den Ackerbaubetrieb in Hohenpolding bei Landshut übernommen hat, haben ihn neue, herausfordernde Projekte schon immer ganz besonders gereizt. So baut er schon seit langem erfolgreich Körnermais und Speisesoja an, die im Ökolandbau ebenfalls als sehr anspruchsvoll gelten.
Ganz früh setzte er auch auf Biogas und entwickelte ungewöhnliche Ideen zur Nutzung der Abwärme. Damit trocknet er unter anderem jedes Jahr etwa 2 000 t nicht mehr verwertbares Biobrot einer Münchener Großbäckerei, das er anschließend vermahlt und als Futterkomponente an einen nahegelegenen Mischfutterhersteller liefert. Für sein Betriebskonzept wurde der Betrieb Anfang des Jahres von Bundeslandwirtschaftsminister Rainer beim Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau ausgezeichnet.
Überschaubarer Markt für Zuckermais
Auf den Zuckermaisanbau brachte ihn ein Berufskollege aus der Region. Die Voraussetzungen dafür waren günstig: Der Betrieb verfügt über 300 ha sandige Lehmböden mit bis zu 65 Bodenpunkten bei ausreichendem Niederschlag. Wegen der guten Nährstoffversorgung liegen die Erträge seiner Ackerbaukulturen über den durchschnittlichen Bio-Erträgen. Noch wichtiger für den Einstieg war die Nähe zu einem der wenigen Zuckermais-Verarbeiter, von denen es in ganz Deutschland nur vier größere Firmen gibt. Die Nähe ist entscheidend, da die Kolben nach der Ernte schnell verarbeitet werden müssen. Trotz eines relativ starken Wachstums in den letzten Jahren ist der deutsche Markt für Zuckermais klein. Die Anbaufläche für Bio- und konventionellen Zuckermais liegt zusammen nur bei knapp über 2 000 ha. Das hat auch mit dem anspruchsvollen Anbau zu tun. „Gute Voraussetzungen allein genügen nicht beim Zuckermais“, sagt Anton Neudecker. „Die Kultur ist wirklich eine Diva und immer für eine Überraschung gut.“
Herausfordernder Anbau
Die Sorten für den Anbau gibt der Verarbeiter vor. Wichtige Kriterien sind Geschmack, Verarbeitbarkeit, Kolbengröße und speziell für den Ökolandbau ein hoher Blattmasseanteil. Der ist wichtig für die Unkrautunterdrückung, da die Saatdichte mit fünf Pflanzen/m2 sehr gering ist.
Ein Knackpunt im Anbau sind die hohen Ansprüche an die Witterung rund um die Aussaat. Regen und Kälte können die Keimung und das Auflaufen der Pflanzen stark beeinträchtigen und schnell zum Totalausfall führen. Grund ist die sehr mäßige Triebkraft der Pflanzen, die sich durch den geringen Stärkegehalt der Saatkörner erklärt. Deshalb beginnt Neudecker nicht vor Mitte Mai mit der Aussaat, oft geht es auch noch in den Juni hinein. „Aber wenn die Bedingungen passen, geht es wahnsinnig schnell mit dem Wachstum“, berichtet Neudecker. Allerdings sind die Bedingungen selten perfekt und auch im weiteren Wachstumsverlauf tauchen immer wieder unerwartete Probleme auf. So musste Neudecker lernen, dass anhaltende Hitze zur Blüte die Befruchtung beeinträchtigt und zu einer ungleichmäßigen Körnerausbildung und nicht verwertbaren Kolben führt. Im letzten Jahre zerstörte ein plötzlicher Befall mit Erdraupen ein Drittel aufgelaufenen Pflanzen. „Ich wusste bis dahin nicht mal, dass es Erdraupen gibt“, sagt Neudecker.
Der N-Bedarf der Kultur ist niedriger als bei Futtermais. Neudecker bringt im Frühjahr maximal 80 kg N/ha über Gärreste aus. Nach einer guten Winterzwischenfrucht verzichtet er sogar ganz auf eine Düngung. „Der Ertrag hängt nicht am Stickstoff“, sagt Neudecker. Viel wichtiger für den Anbauerfolg sind nach seiner Erfahrung andere pflanzenbauliche Faktoren, wie eine optimale Bodenstruktur, regelmäßiges Kalken und eine ausreichende Schwefelversorgung. Nach der Saat folgen ein bis zwei Striegelgänge und maximal zwei Hackgänge zur Unkrautkontrolle.
Gutes Timing bei der Ernte
Je nach Witterungsverlauf beginnt die Ernte bereits im August und geht bis in den Oktober hinein. Die Ernte übernimmt der Verarbeiter, der auch die notwendige Technik mitbringt. Eingesetzt werden Maschinen mit handelsüblichen Maispflückern, die zur Schonung der empfindlichen Kolben mit Gummi- statt mit Metalllaufbändern ausgestattet sind. Entscheidend für die Qualität der Kolben ist jedoch vor allem das Timing des Erntetermins. Zuckermais muss zur Milchreife geerntet werden, damit er die gewünschte Süße hat. Deshalb ist das Erntefenster mit nur einer Woche extrem klein. „Verpasst man dieses Fenster, schmecken die Kolben nicht mehr“, erklärt Neudecker. „Erntet man zu früh, verschenkt man Ertrag.“
Einmal geerntet, müssen die Kolben so schnell wie möglich verarbeitet werden. Dabei werden die Lieschblätter per Hand entfernt und die Kolben anschließend pasteurisiert und vakuumiert, um sie haltbar zu machen. Die Verarbeitung wiederum ist zeitaufwändig. Das begrenzt die tägliche Erntemenge. Es wird immer nur so viel geerntet, wie am selben Tag verarbeitet werden kann. Um auf den 100 ha Anbaufläche des Betriebs durchweg Kolben in optimaler Qualität zu ernten, setzt Neudecker auf Sorten mit unterschiedlicher Reifezahl. Zudem stimmt er die Erntetermine eng mit den anderen Bio-Erzeugern der Region ab, die denselben Verarbeiter beliefern.
Wann lohnt der Anbau?
Viel Aufwand also, bei dem sich die Frage stellt, ob sich der Anbau tatsächlich lohnt. Laut Neudecker sind die Deckungsbeiträge etwas höher als bei Körnermais, aber deutlich geringer als bei Gemüse. „Der große Vorteil ist für mich aber der überschaubare Markt“, meint der Biolandwirt. „Anders als bei Körnermais gibt es hier so gut wie keine Preisschwankungen. Mengen und Preise kann ich immer weit vor der Ernte mit dem Abnehmer festlegen. Das schafft Planungssicherheit“
Den festen Preisen stehen jedoch große Schwankungen bei den Erträgen gegenüber. Entscheidende Größe ist die Zahl der vermarktbaren Kolben. Sie schwankte bei Anton Neudecker in den bisherigen Anbaujahren zwischen 10 000 und 25 000 Stück/ha. „Der Anbau von Zuckermais ist bestimmt nicht des Rätsels Lösung für die Landwirtschaft“, meint der Landwirt. „Aber für mich ist es eine interessante Kultur, die sehr gut in mein Betriebskonzept passt und sich trotz der Unwägbarkeiten auch wirtschaftlich rechnet.“
Jürgen Beckhoff