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Was tun gegen die Schilf-Glasflügelzikade?

11.12.2025

Neue Schädlinge, wie die Schilf-Glasflügelzikade, verursachen in einigen Regionen Deutschlands erhebliche Schäden an Zuckerrüben, Kartoffeln und wichtigen Gemüsearten, wie Zwiebeln, Möhren und Rote Beete. Wie groß das Ausmaß der Schäden ist, wie sich der Schädling weiter ausbreitet und welche Bekämpfungsmöglichkeiten Betriebe haben, diskutierten Fachleute auf einer Fachveranstaltung Mitte November 2025 in Berlin. 

Zudem wurden auf der Veranstaltung neue Ansätze zur Minimierung des Kupfereinsatzes im Ökolandbau im Rahmen der Kupferminimierungsstrategie vorgestellt. Initiatoren der Tagung waren der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und das Julius Kühn-Institut (JKI). Das Projekt wurde vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) mit Mitteln des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) gefördert.

Fehlende Insektizide

Schilf-Glasflügelzikade
Die Zikadenart überträgt durch ihre Saugtätigkeit zwei verschiedene pflanzliche Schadbakterienarten. 

Einen ersten Überblick zur Problematik neuer Schadinsekten gab Dr. Inga Jakobs vom BMLEH. Sie verwies auf die im Ökolandbau eingeschränkten Bekämpfungsmöglichkeiten durch synthetische Insektizide. „Umso mehr kommt es deshalb auf vorbeugende Maßnahmen, ein gutes Monitoring und die Sortenwahl an“, sagte Jakobs. Für die Schilf-Glasflügelzikade habe das JKI bereits 2025 ein flächendeckendes Monitoring in Gemüse, Kartoffeln und Zuckerrüben etabliert. Neben einer engen Abstimmung von Praxis, Politik und Forschung sei auch ein intensiver Austausch auf EU-Ebene elementar, um eine weitere Ausbreitung zu vermeiden. 

Dr. Julia Wießner vom Verband süddeutscher Zuckerrübenbauer (VSZ) stellte in ihrem Vortrag das große Schadpotenzial der Schilf-Glasflügelzikade heraus. Die Zikadenart überträgt durch ihre Saugtätigkeit zwei verschiedene pflanzliche Schadbakterienarten (Phytoplasmen), die bei Massenvermehrung zu hohen Einbußen beim Zuckerertrag in Rüben führen können bis hin zu Totalausfällen. „Das Jahr 2023 war für die südhessischen Betriebe wie ein Tsunami“, sagte Wießner.

Auch bei Kartoffeln und Gemüse habe es große Ausfälle in der Region gegeben. Das Monitoring zeige, dass sich die Schilf-Glasflügelzikade von Baden-Württemberg, Bayern, Südhessen und den sächsischen Elbtalauen weiter Richtung Norden ausbreitet und auch schon im südlichen Rheinland gesichtet wurde. Auch wenn im Jahr 2025 witterungsbedingt rückläufige Befallszahlen beobachtet wurden, gibt die Expertin keine Entwarnung. Wießner: „Die Insekten sind sehr anpassungsfähig und wir wissen nicht, was 2026 auf uns zukommt. Unser Ziel muss es sein, eine Massenvermehrung zu unterbinden.“

Stolbur breitet sich aus

Bioland-Berater Christian Landzettel aus Bayern bestätigte auch für den Bio-Kartoffelanbau eine Ausbreitung von Stolbur durch Bakterienübertragung über die Schilf-Glasflügelzikade. Ein Problem sei, dass die Bestände zum Teil bis in den Juli hinein gut aussehen und dann innerhalb von vier Wochen zusammenbrechen. Neben verdrehten und schnell absterbenden Blättern erkenne man Stolbur an der Ausbildung vieler kleiner Luftknollen in den unteren Blattachseln und an bräunlich gefärbten Gefäßbündeln bei den Erntekartoffeln.

Um eine stärkere Ausbreitung des Schädlings zu vermeiden, empfahl Landzettel als wichtigste Maßnahme eine Schwarzbrache über Winter nach einer späten Sommerung, auch wenn das für den Boden nicht optimal sei. Zudem könne eine möglichst frühe Pflanzung mit vorgekeimten Kartoffeln helfen, bei stärkerem Befall einen Teil der Ernte zu retten. „Sehr gute Wirkung hat das Bewässern oder Einnetzen. Allerdings sind Netze sehr teuer und deshalb nur für frühe Ware sinnvoll“, sagte Landzettel.

Folgen für die Verarbeitung

Welche Folgen die Ausbreitung des Insekts auch für Lebensmittelverarbeiter hat, berichtete Alexander Henschel von der Gesa Gemüsesaft GmbH in Hessen. „Für uns ist Rote Bete ein wichtiger Rohstoff. Im Jahr 2024 konnten die Betriebe wegen der massiven Ertragsausfälle in der Region nur 50 % der vertraglich fixierten Mengen anliefern“, berichtete Henschel. 2025 sei es zwar mit etwa 70 % der benötigten Mengen besser gewesen, aber immer noch sehr herausfordernd. Einige Betriebe hätten den Anbau bereits aufgegeben, was für den Verarbeiter natürlich „fatal“ sei.

Welche Bekämpfungsmöglichkeiten gibt es?

Mögliche zukünftige Ansätze zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade stellte Prof. Jürgen Gross vom JKI vor. So sei etwa im Projekt SIKAZIKA in Hessen festgestellt worden, dass die Zikadenart Wildkartoffeln gegenüber Kultursorten deutlich bevorzugt. Durch das enthaltene Solanin starben in Versuchen 90 Prozent der Tiere nach vier Tagen. „Denkbar wäre also die Nutzung von Wildkartoffeln als Fangpflanze in Beständen oder als Zwischenfrucht“, sagte Gross. Zudem bevorzugten die Zikaden zur Eiablage eindeutig Ton- und Lehmböden gegenüber Sandböden. Besonders beliebt seien Strohmulchauflagen für die Ablage der Eier. Auch daraus ließen sich laut Gross Ansätze zur Bekämpfung ableiten. Unter Laborbedingungen zeigte der Pilz Pandora cacophyllae eine sehr gute Wirkung und tötete alle Tiere innerhalb von sieben Tagen ab. Hier sieht der Forscher großes Potenzial für den Einsatz im biologischen Pflanzenschutz.

Vielgestaltiges Maßnahmenbündel 

Einig waren sich alle Fachleute, dass es für die Eingrenzung der Schilf-Grasflügelzikade derzeit keine wirksame Einzelmaßnahme gibt, sondern ein Bündel verschiedener Maßnahmen erforderlich ist. Bisher hätten Politik, Forschung und Praxis bei der Bekämpfung sehr gut zusammengearbeitet und schnell und flexibel reagiert. Das sei auch weiterhin nötig, da die Ausbreitung der Zikade für einige Betriebe existenzbedrohend ist.

Ausbreitung der Rebzikade

Im Weinbau berichtete Dr. René Fuchs über einen weiteren eingewanderten Schädling, der Winzerbetrieben Probleme bereitet: die Amerikanische Rebzikade. Sie überträgt die bakteriellen Erreger der Flavescence dorée (FD). FD ist eine Quarantänekrankheit und führt zu Totalausfällen und zum Absterben der Rebpflanze. 

Fuchs berichtete, dass sich die Rebzikade in den letzten beiden Jahren stark ausgebreitet hat. 2024 wurde sie in Südbaden auf 182 ha Rebflächen nachgewiesen, 2025 bereits auf 726 ha. „Bisher haben wir keine Idee, wo die starke Ausbreitung herkommt“, sagte Fuchs.

Aufgrund des hohen Ausbreitungsrisikos gibt es laut Fuchs in allen FD-gefährdeten- und -Befallsgebieten eine verpflichtende Insektizidbehandlung für den integrierten und ökologischen Anbau - mit zulässigen Mitteln. Als weitere wichtige Maßnahme nannte der Experte die komplette Beseitigung alter Rebanlagen und Unterlagsreben, die von der Rebzikade als Rückzugsraum genutzt werden. Außerdem müssten Vermehrungsflächen und neues Pflanzgut sorgfältig überwacht werden. Auch das 2025 begonnene intensive Monitoring der Rebflächen wird weiter fortgesetzt.

Maßnahmen zur Kupferreduktion

Beim zweiten Tagungsschwerpunkt zur Kupferminimierungsstrategie stellte Sascha Buchleither vom Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee (KOB) Daten zum Kupfereinsatz im ökologischen Apfelanbau vor. Danach setzten die Bio-Betriebe im Jahr 2023 durchschnittlich 1,65 kg Kupfer/ha ein. Bei den Mengen habe es je nach Infektionsdruck große regionale Schwankungen gegeben. Wichtige Maßnahmen zur weiteren Reduktion sind aus seiner Sicht eine möglichst große Sortenvielfalt und das Aufpflanzen schorfwiderstandsfähiger Sorten (Schowis). „Allerdings ist der Handel zurzeit nicht offen für ein breiteres Sortenangebot“, sagte Buchleither. 

Der Experte ging zudem auf aktuelle Ergebnisse des BÖL-Projektes Oekoapfelforward ein. In Versuchen ohne Behandlung zeigten sich neue Schowisorten, wie Deljonca, Freya und Ellipso, sehr robust gegen Schorfbefall. Das dadurch gewonnene Einsparpotenzial wurde laut Buchleither allerdings eingeschränkt durch einen stärkeren Befall dieser Sorten mit Regenflecken. In Versuchen mit einer weiterentwickelten Putzmaschine konnten jedoch 30 bis 70 % der mit Regenflecken befallenen Früchte wieder vermarktungsfähig aufbereitet werden.

Ralph Dejas vom Ecovin-Verband berichtete, dass Bio-Winzerbetriebe im Jahr 2023 im Schnitt 1,72 kg Kupfer eingesetzt haben, ein mittlerer Wert im Vergleich zu den letzten zehn Jahren. Er verwies zudem auf das große Potenzial der Öko-Weinbaus. Während Weinkonsum und Rebflächen allgemein rückläufig seien, würden die Ökoflächen in Deutschland und EU-weit ausgedehnt. Viele Erzeugerbetriebe würden im nachhaltigen Weinbau mit kleineren Mengen und besseren Qualitäten zu höheren Preisen eine Chance zum Erhalt ihrer Betriebe sehen.

Piwis

Für eine wirtschaftliche Bioweinerzeugung hält Dejas Kupferpräparate auch zukünftig für unerlässlich. Um weitere Einsparungen zu erzielen, müsse der Fokus jedoch verstärkt auf widerstandsfähige Sorten (Piwis) gelegt werden. Zudem hält der Experte die Wiederzulassung von Kaliumphosphonaten für elementar, um den Kupfereinsatz weiter zu reduzieren. Nachdem Deutschland bereits Ende 2024 einen Antrag auf Wiederzulassung von Phosphonaten bei der EU-Kommission eingereicht hatte, wurden inzwischen weitere Dossier nachgereicht, die auf die Kritikpunkte der Kommission eingehen. Ob und wann eine Zulassung möglich ist, bleibe vorerst offen.


Jürgen Beckhoff/BÖL