In der Weidepraxis sind verschiedene Weidesysteme und Strategien entstanden, um die unterschiedlichen geologischen, klimatischen und betrieblichen Bedingungen bestmöglich zu berücksichtigen und zu nutzen.
Wenn von Weidehaltung gesprochen wird, tauchen schnell Begriffe wie Kurzrasenweide, Umtriebsweide, Portionsweide, Joggingweide oder auch Mob-Grazing auf. Was verbirgt sich genau hinter diesen Begriffen und wo liegen die Unterschiede?
Unterscheidung: System und Strategie
Grundsätzlich erfolgt eine Weidehaltung meist auf Dauergrünland, aber natürlich auch auf Kleegras- und Luzernegrasflächen. Weidesysteme unterscheiden sich vor allem im Tierbesatz (Besatzdichte), Ruhezeiten und damit einhergehend angestrebten Aufwuchshöhen. Das Weidesystem richtet sich nach der standortangepassten, optimalen Ausnutzung des Graszuwachses und der Arbeitswirtschaftlichkeit. Die Weidestrategie ist abhängig von den vorhandenen weidefähigen Flächen, dem Witterungsverlauf und damit von der täglichen Weidedauer und dem Ausmaß der Zufütterung im Stall.
Für den wichtigen Nährstoffkreislauf im Öko-Betrieb sollte darauf geachtet werden, dass die Nährstoffaufnahme auf der Fläche über das Futter und die Nährstoffausscheidung über Kot und Harn zueinander passen. Bei geringer Weidefutteraufnahme, großem Stallfutter-Angebot und hohen Ausscheidungen auf der Weide (Joggingweide) ist langfristig eine unerwünschte Anreicherung oder Verarmung von Nährstoffen auf den Flächen zu erwarten. Dies gilt insbesondere für Betriebe mit sehr wenig Weidefläche im Stallbereich, die Bewegungs- oder Joggingweide anbieten. Hier spielt die Weidefutteraufnahme eine untergeordnete Rolle. Die Tiere werden im Stall bedarfsgerecht gefüttert, die Ausscheidungen gelangen aber größtenteils auf die stallnahen Flächen.
Übersicht "Weidesysteme im Vergleich"
Verschiedene Weidestrategien
Je nach Weidezeit pro Tag spricht man von einer Stunden- oder Siestaweide (zwei bis sieben Stunden) Halbtagsweide (sieben bis zwölf Stunden) oder Vollweide (18 bis 24 Stunden). Bei der Vollweide erfolgt eine geringe bis keine Zufütterung im Stall. Das gesamte Betriebssystem ist auf die bestmögliche Weidenutzung ausgerichtet und kann gut mit saisonaler Abkalbung kombiniert werden. Es steht eine hohe Flächenleistung, aber keine hohe Einzeltierleistung im Vordergrund. Im hängigen Gelände kann es zur Vermeidung von Lagerflächen sinnvoll sein, die Weidezeit auch bei Vollweide zu begrenzen, zum Beispiel auf zweimal täglich drei bis vier Stunden.
Kühe, die an Stundenweide gewöhnt sind und nicht im Stall gesättigt auf die Weide gehen, verbringen die Zeit auf der Weide mit effektivem Grasen. So haben Untersuchungen ergeben, dass es keine Unterschiede in der Grundfutteraufnahme bei vier zu neun Stunden Weidegang gab (Pérez-Ramirez et al, 2009). Zum Ruhen kommen die Tiere in den Stall. Auch bei einem geringeren Weideanteil kann eine gut geführte Stundenweide die Weidefutteraufnahme und -leistung fördern, den Kraftfuttereinsatz senken und trotzdem die Milchleistung im Gegensatz zur reinen Stallhaltung erhöhen (Häusler et al., 2011).
Flächenproduktivität kennen
Die Flächenproduktivität von Weiden wird seit Jahren vom Projekt Öko-Leitbetriebe NRW auf verschiedenen Betrieben erhoben. Dabei schwankt die Flächenproduktivität zwischen Standorten aufgrund von Bodenverhältnissen und Weidesystemen (4 340 bis 8 810 kg ECM/ha 2023), aber auch pro Standort zwischen den Jahren stark, zum Beispiel auf einem Betrieb 2014 mit 9 231 kg ECM/ha, 2020 mit 6 565 kg ECM/ha und 2022 mit 3 924 kg ECM/ha.
Verschiedene Weidesysteme
Bei der Kurzrasenweide liegt die komprimierte Aufwuchshöhe (Herbometer -Rising Plate Meter - Messung) zwischen 3 bis 6 cm (gemessen ohne Weidereste). Entscheidendes Merkmal zur Abgrenzung von anderen Weidesystemen sowie zur Schnittnutzung: Die Reservestoffe der Pflanzen liegen bodennah und werden durch Verbiss nur wenig beansprucht. Gestartet wird im Frühjahr mit einer Vorweide, sobald die Fläche ergrünt und trittfest ist. Anschließend besteht über die gesamte Vegetationsperiode ein hoher Weidedruck - durchgehend gleiche Fläche oder mindestens einmal wöchentlich beweiden. Nicht verwechselt werden darf Kurzrasenweide mit intensiver Standweide. Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Formen ist, dass es bei intensiver Standweide keine Vorweide gibt und höhere Weidereste entstehen können. Denn weniger schmackhafte Teilflächen werden schlechter verbissen. In mehrjährigen Versuchen gab es bei intensiver Standweide in Bayern beispielsweise 39 % Weiderest, bei Kurzrasenweide in Riswick dagegen weniger als 5 % Weiderest. Wo Lagerflächen mit Ansammlung von Kot entstehen, die Fläche in Parzellen aufteilen.
Bei der Umtriebsweide (Koppelweide) ist die Fläche in feste Koppeln unterteilt. Beweidet wird ab einer Wuchshöhe von mindestens 8 bis 12 cm und zwar für wenige Tage bis zu maximal einer Woche, bei extensiver Haltung auch länger. Es folgen vergleichsweise längere Ruhezeiten von drei bis fünf Wochen. Mit zunehmendem Alter des Aufwuchses kommt es zu stärkeren Schwankungen bei der Futterqualität. Am ersten Tag des Weidegangs wird vor allem aus der oberen sehr nährstoffreichen Etage des Aufwuchses gefressen, später die strukturreichere untere Etage. Das zeigt sich sowohl am Kot und an der Milchleistung, als auch im Pansen. Zuerst ist der Kot dünn und der Pansen-pH-Wert fällt stark ab; die Milchleistung hat ihren Peak nach einem bis zwei Tagen. Kurz vor Umtrieb ist der Kot dann fester und der Pansen-pH-Wert höher, wie auf der Webseite Pflanze-Kuh-Wissen dargestellt.
Nachteilig ist auch das höhere Risiko für Trittschäden (weniger dichte Narbe, höherer Tierbesatz) sowie das erhöhte Blährisiko: Bei Umtriebsweide sollten vor allem Laktierende nie hungrig aufgetrieben werden, da im Vergleich zur Kurzrasenweide deutlich größere Weidefutter- und Proteinmengen in kurzer Zeit aufgenommen werden. Es besteht die Gefahr von Blähungen akut und Klauenproblemen in der Folge. Zufütterung im Stall sollte dann auch bei Vollweidebetrieben Pflicht sein.
Portionierte Weiden
Bei der Portionsweide wird analog zur Umtriebsweide, jedoch regelmäßiger - täglich oder zweimal am Tag - eine neue Weidefläche zugeteilt. Dadurch steht den Tieren ein sehr gleichmäßiges Futterangebot zur Verfügung. Es ist jedoch auf eine Abzäunung der abgegrasten Fläche nach spätestens vier Tagen zu achten, um dem Pflanzenbestand eine entsprechende Ruhezeit zu gewähren. Auch bei hoher Nutzungsfrequenz ist die Bestockung des Weideaufwuchses weniger stark ausgebildet und damit die Narbendichte etwas lockerer im Vergleich zur Kurzrasenweide. Bedingt durch lockere Narbe und höheren Tierbesatz treten, abhängig von Boden und Topographie, Trittschäden leichter auf als bei Kurzrasenweide. Die Portionsweide kann mit unterschiedlichen Weidesystemen, wie Kurzrasenweide oder Mob-Grazing, kombiniert werden. Bei Einteilung der Fläche in feste Koppeln wird bei Bedarf die Portion koppelübergreifend zugeteilt:
- Portionsweide in Verbindung mit Kurzrasenweide: Hierbei ist die insgesamt verfügbare Weidefläche in mehrere Parzellen unterteilt. Die Ruhepausen sollten etwa sieben Tage nicht überschreiten, damit die Pflanzen sich im Wuchs an den häufigen Verbiss anpassen und die Reservestoffe in Bodennähe bleiben. Bei längeren Ruhepausen verlagern sich die Reservestoffe weiter nach oben und werden mit verbissen, was den Nachwuchs hemmt und längere Ruhephasen zur Erholung erfordert.
- Portionsweide mit längerer Rastzeit: Nach längerer Rastzeit liegen die Reservestoffe höher und werden bei der Beweidung stärker beansprucht als bei der Kurzrasenweide. Zur Regenerierung der Pflanzen ist deshalb eine längere Ruhepause erforderlich. Es steht danach aber auch ein höherer Aufwuchs zur Verfügung. Charakteristisch für Portionsweide mit längerer Rastzeit sind deshalb auch: Hohe Besatzdichte (viele Tiere/kleine Parzellen), wechselnde Flächen (kurze Beweidungsdauer, wenige Stunden bis maximal zwei Tage) und lange Ruhezeiten (20 bis 60 Tage). Vorteil der Portionsweide mit längerer Rastzeit: Reserven auf dem Halm für Zeiten von schwächerem Wachstum. Trockenperioden werden besser überstanden; im Herbst kann länger geweidet werden. Bei ungünstiger Weidestruktur (Flächengestaltung, Hänge, Steilflächen) ist eine gesteuerte Beweidung und gute Verteilung der Kühe auf der Weidefläche leichter durchführbar.
- Portionsweide ohne Mulchschicht: Hierbei wird praktisch der gesamte Aufwuchs genutzt. Damit dies gewährleistet ist, werden Pflanzenbestände mit Arten, die leicht „muffig“ werden können, zum Beispiel bei großen Anteilen Flechtstraußgras oder Gemeiner Rispe, alle drei bis vier Wochen beweidet. Bei schmackhafteren Arten wie Deutschem Weidelgras können die Ruhepausen auch sechs bis acht Wochen betragen, abhängig auch von Bodenart und Feuchtigkeit. Die Nährstoffkonzentration im Aufwuchs ist zwar nicht so hoch wie bei Kurzrasenweide. Dafür nehmen die Tiere aber auch mehr Futter auf.
Mob Grazing mit Mulchschicht
Bei dieser Art Beweidung wird nur ein Teil des Aufwuchses gefressen und ein anderer Teil (30 bis 50 % des Aufwuchses) zusammen mit Kot und Harn auf den Boden getreten. Beschrieben wird es als ein ganzheitliches Weidemanagement, das die Aspekte Klimaschutz, Bodenfruchtbarkeit und Tiergerechtigkeit vereinen soll. Unter welchen Standortbedingungen diese Ziele in Mitteleuropa tatsächlich erreicht werden, muss noch geprüft werden. Die Zusammenhänge sind allerdings komplex und erfordern lange Beobachtungszeiträume. Vorsicht auf wüchsigem Grünland: Unter feuchten Bedingungen kann es „entarten“, wenn weniger schmackhafte Pflanzen sich ausbreiten. Angewendet wird es deshalb auch vor allem in Trockenregionen und vermehrt in Mutterkuhbetrieben, die auf eine möglichst lange und kostengünstige Weideperiode setzen. Meist auf Ackerfutterflächen oder auf weniger wüchsigem Grünland.
Beim Ackerfutter können auch intensive und extensive Formen kombiniert werden: Zuerst intensiv, der letzte Aufwuchs vor Umbruch bleibt teils liegen und wird eingearbeitet. So wird er besser verwertet, als wenn er auf dem Boden liegen bleibt. Denn vom oberirdisch verbleibenden Kohlenstoff gelangen weniger als 10 % in den Boden. Zu prüfen ist noch, wo der Stickstoff im Aufwuchs bleibt: Wie viel gelangt in den Boden und steht den folgenden Aufwüchsen/Kulturen zur Verfügung und wie viel und in welcher Verbindung geht er in die Luft?
Extensive Standweide
Die extensive Standweide zeichnet sich durch sehr lange Weidebesatzzeiten mit geringer Besatzdichte aus. Hier können besonders Rinderweiden in der Praxis zugeordnet werden. Der Arbeitsaufwand für das Management ist gering. Hohe Futterverluste und ein schwankendes Futterangebot in Menge und Qualität sind ein entscheidender Nachteil. Unerwünschte Pflanzen, weniger schmackhafte Gräser und Kräuter, breiten sich gerade in Jahren mit gutem Wachstum aus. Je nach Standort kann eine natürliche Sukzession stattfinden in der Form, dass auch Hecken und Bäume einwachsen. Mit den Jahren kann sich die tatsächlich verfügbare Weidefläche verkleinern. Für hochleistende Tiere ist sie nicht geeignet.
Anne Verhoeven, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen,
Dr. Edmund Leisen