Nach ihrem Studium haben Veronika und Sören Obermayer erfolgreich eine Direktvermarktung für Bioziegenkäse aufgebaut – und das mitten in einem besonders strukturschwachen Landstrich.
Das Wendland im Südosten Niedersachsens ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Viel wunderschöne Landschaft und wenige Menschen – das sind nicht die besten Voraussetzungen für eine Direktvermarktung. Dem jungen Betriebsleiterpaar Veronika und Sören Obermayer war das egal. Sie bauten direkt nach ihrem Studium der Agrarwissenschaften die Wendland Ziege GbR auf. Das Konzept: Ökologische Milchziegenhaltung mit eigener Käserei und konsequent regionaler Direktvermarktung.
„Eine Idee, an die man glaubt, setzt unheimlich viel Energie frei“, sagt Veronika Obermayer rückblickend. Diese Energie war auch nötig. Denn als sich die beiden dafür entschieden, den Betrieb von Sörens Vater im Rundlingsdorf Bausen in Clenze zu übernehmen, gab es hier weder Ziegen noch geeignete Ställe oder gar eine Melkanlage. Die vorhandenen Wirtschaftsgebäude waren auf die konventionelle Schweinemast ausgerichtet und marode. In einem „sehr intensiven Jahr 2018“ gelang es mit der Unterstützung vieler Freunde und Verwandter, die Gebäude zu sanieren und einen tiergerechten Ziegenstall mit Melkstand, Käserei und Hofladen zu integrieren. Im März 2019 wurde die erste Milch gemolken.
Eigene Käserei
Heute umfasst die Herde der Wendland Ziege GbR etwa 60 Milchziegen plus Nachzucht. Pro Tag werden im Schnitt 120 bis 150 l gemolken. Die Milch wird bis zu drei Tage lang gesammelt und komplett in der eigenen Käserei verarbeitet. Die Produktpalette ist über die Jahre immer weiter gewachsen und erstaunlich breit. Das Angebot reicht von diversen Frisch- und Hartkäsevariationen über Pfannenkäse, Camembert und Hirtenkäse bis zu frischem Ziegen-Lassi in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Eine besonders beliebte Eigenkreation ist das sogenannte Bausener Bömbchen, ein kugelförmiger, getrockneter Frischkäse im Pfeffermantel.
Die meisten Frischkäseprodukte werden im Glas verkauft. Für die Gläser hat der Betrieb ein eigenes Pfandsystem aufgebaut, das laut Veronika Obermayer sehr gut etabliert ist. „Wir haben sehr viele Stammkunden, die uns die Gläser in der Regel gespült zurückbringen und sogar das Etikett entfernen. Das erspart uns viel Arbeit“, sagt die gebürtige Bayerin. Dennoch ist der Aufwand für die Reinigung der Gläser sehr groß. Dafür trägt das Pfandsystem zur Kundenbindung bei.
Direkte regionale Vermarktung
Alle Produkte werden im Umkreis von nur 30 km vermarktet. Doch wie funktioniert das im strukturschwachen Wendland? „Das hat viel mit den Menschen hier zu tun, die bereits eine gewisse Öko-Prägung haben“, meint Veronika Obermayer. „Da passen wir einfach sehr gut rein mit unserem offenen Betriebskonzept, der aufs Tierwohl ausgerichteten Haltung und dem etwas ungewöhnlichen Bio-Angebot.“ Das bestätigt auch Sörens Vater Johannes Schultz: „Was die beiden hier in zwei Jahren an Respekt und Wertschätzung von außen für den Betrieb aufgebaut haben, habe ich vorher in 50 Jahren nicht geschafft.“ Deshalb lohnt sich für den Betrieb auch der Hofladen, der drei Tage in der Woche geöffnet ist. Ein weiterer zentraler Vermarktungsweg ist ein Wochenmarkt im 30 km entfernten Uelzen, auf dem der Betrieb jeden Samstag mit einem modernen Verkaufswagen vertreten ist.
Von besonderer Bedeutung für die Vermarktung ist die sogenannte Kulturelle Landpartie, ein zwölftägiges Kunst- und Kulturfestival im Landkreis Lüchow-Dannenberg mit Konzerten und viel Kunsthandwerk, das zahlreiche Touristen anzieht. Der Betrieb Obermayer ist während der Landpartie immer besonders beliebt, weil hier neben Kultur auch kulinarische Spezialitäten und Führungen zur Ziegenhaltung und Käseherstellung angeboten werden. „In dieser Zeit ist bei uns immer Ausnahmenzustand, da sind rund um die Uhr Leute auf dem Hof“, erzählt Obermayer. Und natürlich decken sich viele Besucher mit Ziegenkäse ein, sodass die Lagerbestände nach jeder Landpartie ausverkauft sind.
Multimedial bekannt
Die Belieferung von Naturkostläden in der Region hat der Betrieb dagegen aufgegeben. Die Wege für die Auslieferung waren zu weit und der logistische Aufwand zu groß, nicht zuletzt wegen des Pfandsystems.
Aktive Werbung schaltet der Hof nicht. Dafür gibt es einen Instagram-Auftritt, über den sich viele Kunden informieren. Zudem hat Veronika Obermayer gute Kontakte zur Lokalpresse aufgebaut, die regelmäßig über den Betrieb berichtet. Auch Beiträge in überregionalen Medien, wie den NDR Hofgeschichten, bringen dem Betrieb Aufmerksamkeit. Als Demonstrationsbetrieb Ökologischer Landbau bietet der Hof zudem bis zu 15 gut besuchte Führungen pro Jahr zur ökologischen Ziegenhaltung und zum Pflanzenbau.
Spezielles Haltungssystem
Insbesondere das selbstentwickelte Konzept zur muttergebundenen Aufzucht der Lämmer stößt dabei auf großes Interesse. Die Lämmer werden nach der Geburt nicht wie üblich vom Elterntier getrennt, sondern dürfen knapp zehn Wochen bei der Mutter bleiben. Erst danach werden die Mutterziegen wieder gemolken. Für das Vermarktungskonzept und die besonders artgerechte Haltung wurde der Betrieb von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer beim Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau 2026 ausgezeichnet.
Doch das besondere Haltungssystem bringt auch Herausforderungen mit sich. Denn im Herbst beginnt die saisonale Brunstzeit der Herde. Alle Mutterziegen werden in dieser Zeit von betriebseigenen Böcken gedeckt und etwa drei Monate vor der Geburt trockengestellt. Schließlich müssen Mutterziegen wie Milchkühe einmal im Jahr ein Lamm gebären, damit sie ausreichend Milch geben. Nach der Geburt zu Jahresbeginn folgt die muttergebundene Aufzucht, sodass meist von November bis Ende März keine Milch für die Käseherstellung zur Verfügung steht. „Das ist natürlich eine lange Angebotspause, in der wir kein Geld verdienen“, sagt Veronika Obermayer. „Aber wir haben zum Glück sehr treue Kunden, die sich an das saisonale Angebot gewöhnt haben und sich im Frühjahr umso mehr auf unsere Produkte freuen.“ Hier zahlt sich ihrer Meinung nach die große Transparenz bei der Haltung der Tiere und der Erzeugung aus. So darf sich jeder Kunde im Hofladen auch außerhalb von Führungen im Ziegenstall umsehen und die Tiere streicheln. „Das ist für die Kunden immer ein kleines Erlebnis. Und so schaffen wir es, die Geschichte rund ums Produkt mit zu verkaufen“, meint Obermayer.
Der weibliche Nachwuchs wird zum Erhalt der Herdenstärke genutzt oder für den Einsatz in der Landschaftspflege verkauft. Die männlichen Lämmer gehen im Alter von sechs bis acht Monaten in die Schlachtung. Eine lokale Kleinschlachterei fertigt daraus Teile wie Keule, Koteletts, Filets und verschiedene Wurstsorten, die der Betrieb zusätzlich zum Käse vermarktet. Allerdings deckt der Fleischverkauf nicht viel mehr als die Kosten für die Aufzucht der Tiere. Das Geld wird laut Obermayer mit der Milch verdient.
Viel Bewegung nach Vorn
Auch wenn der Ackerbau derzeit die finanziell stärkere Säule des Betriebs ist, hat Veronika Obermayer noch viele Ideen zur Weiterentwicklung der Ziegenhaltung und Käsevermarktung. So soll etwa die Fütterung mittelfristig stärker mechanisiert werden. Bisher wird alles per Handarbeit erledigt. Zudem will sie die Milchleistung der Tiere durch gezielte Züchtungsarbeit steigern und die Vermarktung weiter ausbauen, indem sie verstärkt Unternehmen und Einrichtungen mit Außer-Haus-Verpflegung anspricht.
„Bei uns ist alles noch sehr jung und nicht fertig. Da ist sehr viel Bewegung drin“, meint Obermayer. „Wir sind sehr froh, dass wir uns für die Ziegen entschieden haben. Die bringen sehr viel Leben und Energie auf den Hof. Und das ist einfach ansteckend - für uns und unsere Kunden.“
Jürgen Beckhoff