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„Die Anbauplanung andersherum denken“

27.08.2026

Im Zwei-Wochen-Rhythmus jeweils verschiedene Gemüsearten anzubauen und davon weder zuviel, noch zu wenig; die Saat von Möhren, Fenchel, Salaten, Staudensellerie, Kohl, Tomaten und Zwiebeln und damit große, intensive Fruchtfolgen und Fruchtwechsel so zu planen, dass jede Woche eine Kiste vielfältig und gut gefüllt ist und das Anbausystem resilient bleibt: „Das alles ein großes Rechenwerk, eine spitze Kalkulation!“ - und die Herausforderung einer jeden Solidarischen Landwirtschaft, der sich auch die Mitglieder von „Katringer Grünzeug“ seit einigen Jahren stellen.

Katringer Grünzeug Martin Lang
Martin Lang gehört zu den Gründern der SoLaWi Katringer Grünzeug, ist im Vorstand und engagiert sich ehrenamtlich bei der Finanzplanung und Kontoführung. 

So steigt Martin Lang, Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Solawi Katringer Grünzeug, in das Thema Solawi ein. Was 2020 als 20-köpfige Gruppe aus Verbraucherinnen und Verbrauchern mit 1,5 ha in St. Katharinen-Lorscheid begann, hat sich inzwischen zu einer professionell organisierten Genossenschaft entwickelt, und das sowohl im verwaltungstechnischen als auch im pflanzenbaulich-gärtnerischen Sinne.

 

„Vor sechs Jahren haben wir uns als marktkritische Verbraucher zusammengetan, um ökologisch und sozial sinnvoll zu handeln und vor allem unabhängig zu sein von den Zwängen und in unseren Augen fragwürdigen Strukturen des Marktes. Daher haben wir überlegt, mit welcher Rechtsform wir uns am wohlsten fühlen würden und sind auf die genossenschaftlich organisierte solidarische Landwirtschaft gestoßen. Jedes unserer Mitglieder ist somit Verbraucher und Unternehmer in einem“, umreißt Martin Lang das Prinzip bei Katringer Grünzeug. 

Katringer Grünzeug Gemüseacker
In unmittelbarer Nähe zum Rhein liegen die besten Flächen des Betriebs: Hier war 25 Jahr lang Dauergrünland. „Wir versuchen, die guten Strukturen zu erhalten und noch mehr Humus auf diesen Stücken aufzubauen“, so Martin Lang. 

Die Solawi ist mittlerweile von den Berghängen oberhalb von Linz an den Rhein nach Erpel umgezogen. „In Lorscheid konnte der Pachtvertrag für unsere 1,5 ha nicht langfristig zugesichert werden. Also haben wir uns nach einer neuen Hofstelle umgesehen und eine neue Heimat in einer ehemaligen Baumschule mit Flächen direkt am Rhein gefunden“, so Lang weiter. „Der Betrieb hat auf seinen 5 ha alles vereint, was wir damals wie heute brauchten und bietet eine super Infrastruktur“, schwärmt Martin Lang, der im echten Leben als Bauphysiker gefragt ist. 

Mitgenommen hat die kleine Gruppe neben ersten eigenen Erfahrungen in der Bio-Gärtnerei den Namen: „Katringer“ ist eine andere Bezeichnung für St. Katharinen, dem Ursprungsort der Solawi im rheinland-pfälzischen Landkreis Neuwied.

Stückweise (ge)wachsen

2023 konnte die Solawi Katringer Grünzeug e.G.  das erste Anbaujahr am neuen Standort in Erpel erfolgreich abschließen. „Wir haben den Hof kontinuierlich qualitativ auf- und ausgebaut. Dazu gehörte vor allem, fachlich versiertes Personal zu finden und einzustellen“, erzählt Lang weiter. „So ein Hof braucht Kontinuität!“, zeigt er sich überzeugt. „Wir haben ein Mitarbeiterteam zusammengestellt, das diese Kontinuität mit in den Betrieb einbringt - vor allem in den ersten Monaten, in denen sich unser Unterfangen konsolidieren musste.“ So seien Kraft, Energie und auch finanzielle Mittel in die „neue“ Solawi geflossen, was sie Stück für Stück habe wachsen lassen - übrigens auch verwaltungstechnisch: Mittlerweile arbeiten elf angestellte Arbeitskräfte für die Solawi Katringer Grünzeug e.G. . „…die wir über den Mindestlohn hinaus bezahlen, da sie tolle Arbeit leisten und die sprichwörtliche Wertschätzung verdienen“, ergänzt Martin Lang. 

Katringer Grünzeug Folienhäuser
1 000 m² liegen im geschützten Anbau in Folienhäusern. 

Einige größere finanzielle Investitionen, wie die Folienhäuser, hat die Regionalwert Rheinland AG, in der die Solawi Katringer Grünzeug e.G.  Kooperationspartner ist, möglich gemacht. Die finanziellen Spielräume garantieren aber vor allem die 500 Mitglieder der Erpeler Solawi, die Katringer Grünzeug inzwischen zählt, 280 davon erwerben regelmäßig Ernte-Anteile. „Unsere Genossenschaftsanteile bilden das Grundkapital für Katringer Grünzeug. Durch den Erwerb von Ernte-Anteilen wiederum kann jedes Mitglied am Gemüseertrag teilhaben. Die monatlichen Zahlungen bilden das Investitionskapital für Pflanzgut, Dünger und Maschinen, die Löhne und die Flächenpacht. Dafür gibt es dann in 50 Wochen im Jahr eine Kiste voll mit Gemüse aus eigener Produktion. Bis zu 60 Gemüsesorten können wir anbieten“, schlüsselt der Finanzexperte der Solawi die Struktur auf und ergänzt: „Staatliche Förderung haben wir bisher noch nicht in Anspruch genommen, was bei so kleinteiligen Anbauschlägen auch eine bürokratische Mega-Aufgabe ist“

Die Mitglieder können ihre Kisten an insgesamt 20 Verteilstationen zwischen Neuwied bis Bonn abholen. Neue Ernte-Anteiler zu gewinnen sei gewiss kein Selbstläufer. „Viele sind nicht dazu bereit, mal eben so einen Erntevertrag zu unterschreiben und mit 1 300 € pro Jahr in Vorleistung zu gehen. Da müssen wir schon ordentlich die Werbetrommel rühren“, gibt Lang zu bedenken. 

Unwägbarkeiten einpreisen

Auch drei regionale Restaurants gehören zu den Mitgliedern der Genossenschaft. „Das Hotel Seminaris in Bad Honnef, der „Westerwaldtreff“ sowie die „Mahlberghütte“ in Hausen haben super kreative Köche, die gerne ausprobieren und große Mengen Gemüse und manche Spezialkultur abnehmen“, freut sich Martin Lang. „Diese sehr persönlichen Kontakte und Strukturen lassen sich aber nur dann verstetigen, wenn das Gärtnerteam den Blick auch immer schon für das nächste Anbaujahr und den potenziellen Menüplan der Gastronomie hat!“ 

Johannes und Manuel von Katringer Grünzeug
Johannes Muss (li) und Manuel Krieter sind gelernte Gärtner. Manuel arbeitet seit 2024 für Katringer Grünzeug. In diesem Jahr verantwortet er erstmals die Anbauplanung. 

Das weiß auch Manuel Krieter. Der 32-Jährige arbeitet seit 2024 für Katringer Grünzeug, in diesem Jahr verantwortet er erstmals die Anbauplanung. Zurzeit liegt das Augenmerk ganz auf dem derzeitigen Flächenzustand, Trockenheit und Hitze machen nicht besonders entspannt. „Vor drei Wochen waren die Gemüsekisten, die wir an die Stationen gefahren haben, noch voll. Jetzt, Ende Juli und mitten in der zweiten extremen Trockenphase dieses Sommers, sieht es auf den Flächen und in den Beeten deutlich anders aus: Pak Choi und Staudensellerie haben schon die Flügel gestreckt, und von den Dicken Bohnen, die in anderen Jahren 2 t Ertrag bringen, konnten wir in den letzten Tagen nur 600 kg ernten!“, so Krieter. Auf diese Weise könne der Mittelwert aus der Rechnung der Solawi dieses Mal nicht glatt aufgeben: „Wir berechnen ja keinen durchschnittlichen Marktpreis für unser Gemüse, sondern erstellen einen Kostenapparat pro Ernteanteil“, ergänzt Finanzplaner Lang Krieters Überlegungen. 

Wobei die beiden Solawi-Experten natürlich wissen, dass die Landwirtschaft noch viel mehr als die meisten Produktionsbetriebe in hohem Maße abhängig von wenig beeinflussbaren äußeren Umständen, wie stark schwankenden Niederschlägen, Trockenheit, Sonnenstunden und Temperatur, ist. „Und auch trotz fachlich guter Ausführung des Gemüseanbaus durch uns drei Gärtner kann es durch Insekten, Bakterien, Pilze und eben extreme Witterung zu Ernteausfällen kommen, das ist einfach nie genau vorhersagbar. Im Klartext heißt das: Sind Ernteausfälle zu verzeichnen, so gibt es weniger Gemüse“, bringt es Krieter auf den nachvollziehbaren Punkt. „In diesem Spannungsfeld arbeiten wir hier.“ 

Der mündige „Prosument“

Katringer Grünzeug Bewässerung
Die Bewässerung ist in diesem trockenen Sommer ein mächtiger Kostenfaktor. 

Dabei geben die Gärtner wirklich alles. „Wir haben gerade Wirsing gepflanzt auf einer Fläche, auf der vorher Zwiebeln standen. Zur Saatbettbereitung haben wir gewässert, dann flach gefräst, den Boden schonend bearbeitet… - in ein und dieselbe Kultur kann in einem Jahr bei diesen Wetterbedingungen die doppelte Arbeit und Pflege fließen wie im Vorjahr“, erläutert Gärtner Manuel, der die Herausforderung bei der Anbauplanung meistern muss, dass auch in solchen Extremjahren eine bestimmte Menge Gemüse in guter Qualität in den Kisten landet. 

Dabei sei man bei Katringer Grünzeug zwar nicht an die von großen Konzernen geforderten Marktqualitäten gebunden, nicht jeder Kohlrabi oder jede Gurke müsse marktkonform aussehen. „Wir können und müssen zwar das System der Normen durchbrechen, das ist sogar einer unserer Ansprüche - können aber natürlich auch keinen „Bio-Müll“ in die Kiste packen!“, meint Biogärtner Manuel Krieter. 

Katringer Grünzeug Zwischenfrüchte
Zwischenfrüchte halten den Boden bedeckt und sorgen für die N-Fixierung. 

Daher sei es ihm und auch den Vorstandsmitgliedern sehr wichtig, regelmäßig mit den Solawi-Mitgliedern im Austausch zu stehen. „Wir können Ereignisse, die zu Ernteausfällen, zu zu kleinen, zu leichten Salatköpfen oder verformten Gurken führen, immer erklären und tun dies auch.“ So lasse er am Freitagnachmittag die vergangene Woche stets noch einmal Revue passieren und verfasse eine Art Wochenrückschau, in der er alles Außergewöhnliche, aber auch die ganz normalen Zustände auf den Flächen und in den Gewächshäusern der Solawi darlegt. „Das ist auch für mich wie eine Art Tagebuch und diese Reflexion hilft bei künftigen Planungen“, schätzt Manuel Krieter daran. 

Die AG Öffentlichkeitsarbeit nimmt diesen Rück- und Ausblick auf und versendet jeden Montag einen Newsletter mit Hofgeschichten, Terminen und sonstigen Infos an alle Mitglieder. „Wir haben dafür eine Wortkreation geschaffen und nennen die Verschmelzung von uns als Produzenten mit den mündigen, erfahrenen Konsumenten „Prosument“, lacht Manuel Krieter. 

Ehrenamtlich engagieren

Die AG Öffentlichkeitsarbeit, der Bautrupp, die Energie- und Wasser-Ingenieure, die Mitgliederwerbung, die Standbetreuung auf Veranstaltungen und noch vieles mehr - all das funktioniert nicht ohne ehrenamtliches Engagement. „Ohne ehrenamtliches Engagement kann eine Genossenschaft dieser Art nicht funktionieren. Rund 50 Mitglieder sind hier ehrenamtlich aktiv, nicht nur in den genannten AGs, sondern zum Beispiel auch ganz praktisch als freiwillige Erntehelfer an den beiden wöchentlichen Erntetagen. Weil sich jeder und jede mit seinen und ihren Qualitäten und Stärken einbringen kann, bildet sich über die Zeit eine Vertrauensebene heraus, auf deren Grundlage sich auch weitere Menschen dafür gewinnen lassen, sich im Solawi-Kontext für ein Jahr zu binden“, weiß Martin Lang aus eigener Erfahrung. 

Katringer Grünzeug Bewässerung
Das Bewässerungssystem haben technisch versierte Ehrenamtler der Solawi ausgetüftelt und gebaut. Die Bewässerung funktioniert rein über den Wasserdruck, zusätzliche Energie ist nicht nötig. 

Mittelfristig steht noch die Gründung eines Fördervereins an, um Gelder für Aufklärungsarbeit zu akquirieren. „Wir möchten vermehrt Kochveranstaltungen und Führungen oder Exkursionen und Probieraktionen mit Kindergärten und Schulen anbieten, um noch mehr Menschen auf den Geschmack der solidarischen Landwirtschaft zu bringen und Appetit auf Gemüse von Katringer Grünzeug zu machen.“ 

Wer darauf nicht warten möchte, kann sich selber ein Bild machen und die ausführlichen Informationen auf der Webseite katringer-gruenzeug.de studieren. Natürlich sind dort auch der Kontakt sowie die Infos darüber zu finden, wie man Mitglied werden kann. 

 


Meike Siebel, Landwirtschaftskammer NRW