Logo der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

Gute Entwicklung auch mit Vollweide möglich

11.11.2025
Kälber auf der Weide
Weidende Kälber auf den ökologisch bewirtschafteten Flächen von Haus Riswick. 

In einem Weideprojekt im Ökobetrieb Haus Riswick der Landwirtschaftskammer NRW mit Weidekälbern ab dem vierten Lebensmonat hat sich das System der Kurzrasenweide mit seinen qualitativ hochwertigen, energiereichen und hoch verdaulichen Gräsern und Weißklee für die Kälberaufzucht sehr bewährt.

Die Entwicklung der Kälber auf der Vollweide erfüllte mit etwa 800 g Tageszunahmen die Erwartungen an eine bedarfsgerechte Kälberaufzucht. Die Entwicklung unterlag jedoch starken monatlichen Schwankungen von 400 g / Tag im Mai 2017 bis 1 200 g / Tag im August 2016. Diese lassen sich leicht begründen durch die Witterungsbedingungen und die daraus resultierende Futterquantität und -qualität. Gut zu beobachten war in den Versuchsjahren das kompensatorische Wachstum: Phasen mit geringen Lebendmassezunahmen, beispielsweise bei nass-kalter Witterung oder in trockenen Sommermonaten, werden in wüchsigen Phasen mit besonders großen Wachstumsschüben kompensiert. 

Dichte Kurzrasenweidenarben können geringe und mittlere Niederschlagsmengen problemlos vertragen. Sollten sich nach großen Regenereignissen deutlich Tritt- und Schmierspuren sowie Narbenschäden oder gar Verschlämmungszustände auf der Kurzrasenweide ergeben, sollten die Kälber natürlich in den Stall geholt und dort versorgt werden. Das Weidepapier lässt dieses auch für Öko-Betriebe zu, sofern die Ursache der Aufstallung im Weidetagebuch dokumentiert wird.

Der Weideabtriebszeitpunkt im Herbst ist so zu wählen, dass bei ungünstiger Herbstwitterung nicht zu viel Leistung im Vergleich zu einer bedarfsdeckenden Stallfütterung verloren geht. Ein anhaltender Leistungseinbruch nach der Aufstallung im Herbst ist zu vermeiden. Kälber, die etwas zu schwach entwickelt von der Weide zurückkommen, können im Stall mit der Kuhration bei erfahrungsgemäß hoher Futteraufnahme die Entwicklung wieder kompensieren. Spätestens nach ein paar Wochen sollte dann auf eine Rinder-Ration umgestellt werden, damit die Rinder - je nach Rasse - bis zur Besamung nicht zu stark verfetten.

Notwendige Zufütterung

Zusätzlich zum Weideaufwuchs müssen die Kälber die Möglichkeit haben, Mineralstoffe und Vitamine aufzunehmen. Dazu werden Leckschalen in der Regel gerne angenommen, die Akzeptanz sollte aber beobachtet werden. Der Zugang zu frischem, sauberem Tränkewasser muss immer gewährleistet sein. Der Weideaufwuchs und die Körperkondition der Kälber müssen ständig im Blick behalten werden. Scheinen die jungen Tiere nicht mehr ausreichend Futter auf der Weide zu finden, kann mit gutem Heu dem Futtermangel und einer Wachstumsdepression vorgebeugt werden. Auch die Ration der Kühe trägt zur Bedarfsdeckung der Kälber bei und wird gerne gefressen. Ein zu großes und attraktives Futterangebot im Stall wirkt jedoch bei den abgesetzten Kälbern und Rindern schnell kontraproduktiv, da die Gefahr besteht, dass nicht mehr so fleißig geweidet wird. Der Weideaufwuchs wird nicht effizient genutzt und es entstehen ökonomische Einbußen. 

Tageszunahmen je Monat

Tränkekälber und Jungtiere in der Phase des Absetzens, die noch nicht ausreichend, also mindestens 3 kg TM Weidefutter aufnehmen können, sind hiervon ausgenommen. Diesen ist in einem Stall Milch und Kraftfutter oder ein Kälbermüsli anzubieten. Zudem ist bei den Tränkekälbern noch strikter die Wasseraufnahme zu kontrollieren und durch ausreichend saubere Tränken an attraktiven Orten zu fördern. Besonders bei hohen Sommertemperaturen deckt das in der Milch enthaltene Wasser nicht deren Tränkewasserbedarf und die Kälber leiden schnell unter Wassermangel.

Eine Zufütterung direkt auf der Weide ist auf den meisten Betrieben problematisch, da die Futterstellen einerseits die Weidenarbe zerstören und andererseits an den Stellen die Gefahr besteht, dass größere Nährstoffmengen ins Grundwasser gelangen und das Bodenleben dort zusätzlich sehr beeinträchtigt wird, was dann zu Humusabbau führt. Wenn kein permanenter Stallzugang möglich ist, sollte für die Zufütterung zumindest eine befestigte, idealerweise überdachte Fläche eingerichtet werden, die leicht von Schmutz, Kot und Futterresten gereinigt werden kann.

Kontinuierliche Weidegewöhnung

In der Versuchszeit in Haus Riswick ergaben sich auch Hinweise auf die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Weidegewöhnung. Nach abrupter Umstellung der Kälberaufzucht von Milchversorgung und bedarfsgerechtem Fütterungsangebot auf Weidegang ohne Zufütterung im Jahr 2019 stagnierten die Zuwachsleistungen der Kälber und gingen tierindividuell phasenweise sogar zurück. Im Durchschnitt der beiden Weidejahre 2018/19 konnten 770 g Tageszunahmen je Weidetier erzielt werden. Versuchsergebnisse aus den Weidejahren 2015 bis 2017 bestätigen Tageszunahmen von mittleren 800 g je Tier und Tag während der gesamten Weideperioden nur durch Weidegang ohne Zufütterung, allerdings nach kontinuierlicher Weidegewöhnung der Kälber. Das deutet darauf hin, dass das Fressen des Weideaufwuchses qualitativ hochwertiger Kälberweiden im System der Kurzrasenweide zunächst „gelernt“ sein muss. 

Um die Umstellung der vier bis fünf Monate alten Tiere auf das Weidefutter zu erleichtern, gibt es zwei Möglichkeiten: 

  • Entweder wird den Kälbern bereits während der dreimonatigen Aufzuchtperiode Weidezugang gewährt, so dass sie bereits sehr früh lernen, Weideaufwuchs (Gräser und Klee) zu fressen. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass gesunde Tiere schon zum Ende der ersten Lebenswoche von einem freien Zugang zu Weideflächen profitieren, unabhängig von der Jahreszeit. Wichtig sind entsprechend trockene Witterungsbedingungen ohne Wind- und Sturmböen sowie abgetrocknete Weideböden. Neben einem eingestreuten und geschützten Liegebereich in Stall, Iglu oder Hütte muss im Winter Zugang zu beheizbaren Tränken für eine frostfreie Wasserversorgung bestehen. Die Zufütterung von gutem Heu kann ad libitum, eventuell über einen Futterspielball, witterungsgeschützt im Stall erfolgen. Ebenso können neben der Milchtränke Trockenmischrationen oder die Kuhration im Stall angeboten werden. Die sehr zeitige Weidefutteraufnahme bei Milchkälbern fördert die Weidegewöhnung ideal und ist Voraussetzung für hohe Weidefutteraufnahmen und Zuwachsleistungen auf der Weide bei heranwachsenden Kälbern und Jungrindern.
  • Oder aber der Übergang gestaltet sich kontinuierlich, indem die Absetzkälber zunächst für eine Übergangsphase im Rahmen der Halbtagsweide neben dem Weidegang auf der Kurzrasenweide noch einen Zufutter-Anteil, wie zum Beispiel die Mischration der laktierenden Kühe, im Stall erhalten. Bei 150 bis 200 kg schweren Kälbern sollte dann eine TM-Aufnahme von etwa 1,5 bis 2 kg je Tier und Tag (TM bestimmen und wiegen!) über eine Mischration im Stall erfolgen; die andere Hälfte sollte dann aus Weidefutteraufnahme geleistet werden. Je nach Futterangebot auf der Weide kann die Stallration dann langsam ausgeschlichen werden. Ein zu großes Futterangebot im Stall wirkt kontraproduktiv, da dann die Gefahr einer zu geringen Weidefutteraufnahme besteht mit der Folge des fehlenden Lern- und Gewöhnungsprozesses der Kälber an die Weide und außerdem ein gutes Management der Kurzrasenweide mit allen Vorteilen fehlt.

Standort und Witterungsschutz

Im Idealfall grenzt die Kälberweide an ein Stallgebäude an, sodass ein offener Zugang zu diesem möglich ist. So kann Schutz vor extremen Witterungseinflüssen oder eine einfache Zufütterung angeboten werden. Erfahrungen von Praxisbetrieben und aus dem Versuchsbetrieb Haus Riswick zeigen, dass ein komplett geschlossener Stall auch bei den gerade erst abgesetzten Kälbern nicht unbedingt notwendig ist. Voraussetzung ist hier ein guter Ernährungs- und Gesundheitszustand der Kälber. Gut entwickelte Kälber können auch niedrige Temperaturen gut draußen überstehen. Wichtig ist, dass ihnen insbesondere in dieser Zeit ausreichend Futter zur Verfügung steht. Die Kälber sollten dafür täglich intensiv beobachtet werden, um mit einem geschulten Blick schnell Veränderungen zu erkennen und durch Zufütterung oder kurzfristige Aufstallung schlimmeren Folgen entgegenzuwirken. Als Schutz vor intensiver Sonneneinstrahlung, Nässe und Wind sollte zumindest ein trockener, windgeschützter Liegeplatz zur Verfügung stehen. Hier kann schon ein einfacher Unterstand oder ein Großraumiglu, das im Sommer zu beschatten ist, ausreichen. Diese sollten zur Hauptwindrichtung hin geschlossen sein. Auf eine sichere Umzäunung mit einer ausreichend tiefen untersten Stromlitze und eine Gewöhnung der Kälber an diese ist zu achten.

Stetiges Parasitenmanagement 

Die wenige Monate alten Kälber sind in der Regel immunschwach. Um sie möglichst gesund zu erhalten, ist neben einer Gewöhnung an die Futter- und Haltungsumstellung insbesondere auf einen guten Ernährungszustand und ein stetiges Parasitenmanagement wertzulegen. Die immunschwachen Kälber sind anfällig für auf der Weide anfallenden Parasiten wie Magen-Darm-Würmer und Lungenwürmer. Ein Befall kann zu Wachstumsverzögerungen, Durchfall, Gewichtsverlust und in schweren Fällen auch zum Tod führen. Es ist daher wichtig, ein effektives Parasitenmanagement zu betreiben, um die Gesundheit der Kälber zu schützen. Ein Parasitenbefall auf der Weide kann nicht ausgeschlossen werden. Durch die Unterstützung der Immunabwehr der Kälber und die Reduzierung der Parasitenkonzentration kann der Krankheitsverlauf jedoch gemildert werden. 

Magen-Darm-Wurmbelastung

Flächen, die von Rindern beweidet werden, wird man nie ganz frei von Weideparasiten bekommen. Der Parasitendruck kann jedoch über eine gute Weidehygiene geringgehalten werden. Dazu gehört das Entfernen von Kotablagerungen und das Mähen der Weide vor dem Austrieb. Idealerweise werden die Kälber erst nach einem ersten Schnitt auf die Weide getrieben. Damit werden die Larven zu einem großen Anteil von der Weide entfernt und verbleibende Parasiten können bei einem kürzeren Aufwuchs durch die UV-Strahlung dezimiert werden. Ein späterer Auftrieb ab Juni kann ebenfalls helfen, die Aufnahme von überwinternden Larven zu reduzieren, da diese bis dahin absterben können. Biobetriebe müssen schon mit dem Beginn der Vegetationsperiode mit der Kälberweide beginnen. Hier sind im Idealfall zunächst Weiden zu bestoßen, auf denen im Herbst zuvor keine Rinder geweidet haben. Alternativ kann auch ein Pflegeschnitt im Herbst den Parasitendruck verringern. 

Entwicklung der Immunabwehr

Im Ökobetrieb Haus Riswick zeigte ein regelmäßiges Parasitenmonitoring im Abstand von acht Wochen, dass die Kälber acht Wochen nach dem Weideaustrieb leicht mit Magen-Darm-Würmern infiziert waren. Der Belastungsstatus nahm bis zum September hin zu, ging aber bis zum Herbst wieder deutlich zurück. Das Immunsystem der Kälber hat sich nach dem Befall ohne chemisch-synthetische Wurmkur nachvollziehbar stabilisiert. Die Immunabwehr wurde durch regelmäßige Abrotanum-Kuren homöopathisch unterstützt. Aber nicht jedes Kalb kann einem Parasitenbefall so gut standhalten. Die Tiere sollten ständig beobachtet werde, so lässt sich der Blick für die Körperkondition, Haarbeschaffenheit und das Allgemeinbefinden der Kälber schulen. Die ausreichende Versorgung der Kälber mit Nährstoffen, Mineralstoffen und Vitaminen, der Zugang zu frischem, sauberem Wasser sowie ein angemessener Schutz vor Witterung mit trockener Liegefläche unterstützen das Immunsystem und helfen dem Kalb dabei, Infektionen besser zu verarbeiten. Auch eine Begleitung mit Homöopathika (Abrotanum, Kamala) kann das natürliche Immunsystem unterstützen, sie ersetzt jedoch bei einem starken Befall mit deutlichem Krankheitsbild nicht die chemisch-synthetische Wurmkur.

Regelmäßige Kotuntersuchungen können helfen, den Parasitendruck zu überwachen und bei Bedarf eine gezielte Behandlung einzuleiten. Auf einer „sauberen“ Weide kann das Monitoring nach etwa zwei Monaten erfolgen. Werden die Kälber auf Weiden aufgetrieben, auf denen bereits Rinder geweidet haben, sollte das Monitoring früher begonnen werden. Dazu sind etwa drei bis vier Wochen nach dem Weidaustrieb abzuwarten, da erst dann die Eier im Kot erscheinen. Die Kotuntersuchungen sind ein geeignetes Mittel, um den Einsatz von Entwurmungsmitteln als Heilbehandlung zu begründen und sind Voraussetzung für deren Anwendung in der ökologischen Tierhaltung.


Anne Verhoeven,
Landwirtschaftskammer NRW